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"Wir vermissen Eure Empörung!" – Die Diskussion geht weiter

von Redaktion (Kommentare: 17)


Bioase44 Berlin
Bioase44, inhabergeführter Naturkostladen in der Karl-Marx-Straße in Berlin Neukölln. © Bioase44

Über Konkurrenz von Bio-Filialisten beklagen sich Elke Dornbach, Nadia Massi und ihr Team vom Naturkostladen Bioase44 in Berlin Neukölln in einem offenen Brief an die Bio-Branche. Hintergrund ist, dass die Bio Company kürzlich ihre 57. Filiale unweit der Bioase44 eröffnete. Außerdem gibt es zwei Denn's Biomärkte in der Nähe. "Wir vermissen Eure Empörung", schreiben sie jetzt an die Branche. (Um den offenen Brief zu lesen, scrollen Sie weiter nach unten.)

Bereits am 20. Juni hatte das Team der Bioase44 seine Sorgen auf Facebook geteilt. "Es gibt keine Gebietsschutz in dieser Stadt und auch keine klaren Absprachen innerhalb der Biobranche. Nachhaltig ehrlich und wertschätzend ist das nicht für uns und es fühlt sich machtlos an mit solch einer riesigen Filiale den Wettbewerb zu halten", so der Auszug aus einem Post, der sich auf die Eröffnung der Bio Company-Filiale in der Berliner Karl-Marx-Straße bezieht.

In der taz vom 29./30. Juni erschien ein Leserbrief der Bioase44 mit dem Titel "Das Machtmonopol der Biokonzerne".

Bio Company und Denn's gesprächsbereit

Bio Company

Georg Kaiser, Gründer und Geschäftsführer der Bio Company: "Auch wir haben einmal klein angefangen mit einer Filiale, sind aber mit den Bedürfnissen unserer Kunden gewachsen. Wir verfolgen auch ein ganz anderes Konzept als unsere Mitbewerber und möchten mit unserem Angebot nicht nur den Berliner*innen ein vollständiges Bio-Sortiment anbieten, sondern gleichwohl auch den Bioanbau in der Region Berlin-Brandenburg stärken. Dieser nachhaltige Aspekt der regionalen Wertschöpfung ist uns sehr wichtig. Wir leben in einer Marktwirtschaft und man darf nicht vergessen, dass auch die Bio-Supermärkte im Wettbewerb mit dem LEH und neuerdings zunehmend mit dem Discounter stehen. Hier stehen wir mit in der Verantwortung, den Absatz über den Fachhandel zu stärken.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es sich nicht um unsere größte Filiale handelt und wir in nicht allzu weiter Umgebung bereits zwei Bio Company Märkte betreiben. Einen davon seit 2012. 800 zusätzliche Kund*innen täglich zeigen, dass wir ein fast völlig neues Klientel ansprechen, das sich nur zu einem sehr kleinen Teil aus den Kund*innen der BioOase speisen kann.

Wir haben zudem das persönliche Gespräch mit der BioOase bereits gesucht, dies verlief jedoch fruchtlos. Unsere Tür steht aber weiterhin offen."

Denn's

Joseph Nossol, Geschäftsführer denn’s Biomarkt: „Es ist das Selbstverständnis der dennree Gruppe, gemeinsam mit eigenständigen Bio-Fachhändlern die Verfügbarkeit von Bio-Lebensmitteln, ökologischen Drogeriewaren und Naturkosmetik-Produkten weiter zu erhöhen. Deutschlandweit treten unter dem Dach der BioMarkt-Verbundgruppe heute schon neben 300 denn’s Biomärkten über 250 selbstständige Facheinzelhändler für dieses gemeinsame Verständnis ein. Wo immer wir eine neue Standortmöglichkeit erhalten, prüfen wir deshalb mit großer Sorgfalt die Situation vor Ort und berücksichtigen die Interessenslagen unserer eigenständigen Partner. Uns verbindet das gemeinsame Ziel, sich für die Entwicklung und Zukunftssicherung der ökologischen Bewegung einzusetzen. Zudem stehen wir jederzeit für ein persönliches Gespräch zur Verfügung, um bei etwaigen Interessenskonflikten auszuloten, ob eine gemeinsame Klärung möglich ist.“

BNN bietet Mediationsverfahren an

Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin Kommunikation und Markt beim Bundesverband Naturkost Naturwaren, äußerte sich auf Anfrage von bio-markt.info ebenfalls zum Brief: "Als Branchenverband stehen wir mit unseren Mitgliedern in Kontakt, gleichwohl sind wir ihnen gegenüber zur Neutralität verpflichtet." Trotzdem sei die Schilderung der Bioase44-Gründerinnen bedrückend. Sie zeige eine Schattenseite des freien Wettbewerbs, die auch in der Naturkostbranche inzwischen gegenwärtig ist. Für Konflikte wie diesen bietet der BNN ein Mediationsverfahren an, das Mitglieder nutzen können. "Die Naturkostbranche hat eine lange Tradition, neue Wege zu gehen und Lösungen zu finden – auch für neue Konzepte und ein neues Wirtschaften. Insofern ist der Branche eine konstruktive und fruchtbare Diskussion darüber zu wünschen", so Jäckel.

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Update: Der Artikel wurde am 31. Juli 2019 aktualisiert.

Die Bioase44 befindet sich in der Karl-Marx-Straße 162 in Belrin, Neukölln. In derselben Straße hat eine Filiale der Bio Company aufgemacht (Hausnummer 142).

Berlin Neukölln, Juli 2019

Offener Brief an die Biobranche

Am Donnerstag, 27.6., hat die 57. und größte Bio Company-Filiale Berlins eröffnet - nur 170m von uns entfernt, auf der gleichen Straßenseite.

Wir, das sind Nadia Massi und ich, Elke Dornbach, (sowie 8 Mitarbeiter*innen) mit dem interkulturellen Kiez-Bioladen & Café Bioase44. Gegründet mit dem Leitbild, einen Gemeinschaftsort zu schaffen, der den Menschen im Kiez ein Stück Heimat jenseits des Nationenbegriffs bietet. Für uns steht bio für eine weltanschauliche politische Grundhaltung, die alle Menschen mitnimmt auf dem Weg in eine wertschätzende und gerechte Zukunft. Wir haben mit 125 qm eine Ladengröße gewählt, die groß genug ist, um ein vielfältiges Sortiment anzubieten und klein genug, um Begegnung zu ermöglichen. Ein solidarisches Mitgliedsmodell und ein Café mit Mittagstisch sind Bestandteil des Konzepts. Und: wir duzen unverschämt :-).

Als wir 2012 eröffnet haben waren wir in diesem Kiez Pionierinnen. Einen Monat nach uns startete das Vegan-Kollektiv Dr. Pogo am Karl-Marx-Platz. Inzwischen ist der Standort von mehreren Filialen der beiden Bio-Supermarktketten Bio Company und denn's umringt.

Das ist jetzt nichts wirklich Neues, sagt ihr vielleicht, außer, dass diese Bio Company-Filiale einem kleinen Bioladen noch näher auf die Pelle gerückt ist.  Außer, dass sich rechts und links von uns doch eh schon zwei denn's-Filialen breit gemacht haben und Bio Company die größte Filiale nun genau dazwischen gesetzt hat. Machtkampf um die Marktführung - da gibt's nunmal Kollateralschaden. Das stimmt. Die Geschichte kennen wir alle, sie reproduziert sich immer wieder neu und wird mal missbilligend, mal resigniert, aber tendenziell als normale Entwicklung innerhalb unserer gegenwärtigen Gesellschaft hingenommen. Es ist erschreckend, mit welch einer Gleichgültigkeit und Ernüchterung hingenommen wird, dass die Vielfalt der Berliner Biolandschaft immer mehr abnimmt. Und das in einer Zeit, in der es um ein Umdenken geht, hin zu Diversität und einem ressourcenschonenden Umgang und zwar in allen Bereichen der Biobranche - nicht um kurzfristigen Profit durch sinnlose Expansion.

Wir vermissen eure Empörung, genauso wie ein klares Statement aus der Branche, gegen deren Werte (siehe z.B.: https://n-bnn.de/bnn-kodex) ein solch rücksichtslos kapitalistisches Verhalten aus unserer Sicht ganz klar verstößt. Und wir fragen uns, wie es sein kann, dass der eigene Beitrag an dieser Entwicklung von der Branche so sehr verdrängt und so wenig reflektiert wird. Die Biosupermarktketten expandieren nicht im luftleeren Raum, sie werden von vielen von euch dabei unterstützt. Wir sagen nur Warenrückvergütungen, Rabatte, Marketingunterstützung, Ladenausstattung durch Hersteller*innen, große Kredite von Ökobanken etc. Genau das schafft den Filialist*innen doch erst die Möglichkeit, so aggressiv zu wachsen und solch erbitterte Machtkämpfe zu führen. Natürlich verschafft das vielen Hersteller*innen erstmal einen deutlich höheren Absatz. Aber ist das sinnvoll? Ist das weitsichtig? Müssen wir um jeden Preis Profit generieren? Ist es in Ordnung, dafür die kalkulierte Verschwendung von Lebensmitteln und Energie zu tolerieren?

Versteht uns nicht falsch, wir sind keineswegs der Meinung, es dürfe keine Biosupermärkte oder auch -ketten geben. Aber es läuft was falsch, wenn diese die gleichen Mechanismen anwenden wie der konventionelle Bereich. Natürlich müssen wir alle auch ökonomisch denken und handeln. Aber doch bitte im Einklang mit unseren Werten und nicht um jeden Preis. Es hat für uns nichts mit fairem Wettbewerb zu tun, wenn in einem gesättigten Gebiet und so nah an einem unabhängigen Laden ein großer Filialist eröffnet. Ein Filialist, der seit diesem Frühjahr durch die fast 40%ige Beteiligung einer Schweizer Holding bei seiner Expansion finanziell unterstützt wird und der inzwischen auch einen der beiden Berliner Großhändler aufgekauft hat. Der Öffnungszeiten wie konventionelle Ketten hat, ein entsprechendes Marketing nutzt und Preiskampf betreibt. Das ist doch kein Umgang miteinander in einer Branche, die sich in Abgrenzung vom konventionellen Handel auf gemeinsame Werte bezieht. Das hat nichts mit Zusammenhalt im  Fachhandel zu tun.

Meinen wir unsere Werte eigentlich noch ernst? Oder - provokativ gefragt - nutzen wir sie wie der konventionelle Markt inzwischen auch nur noch zu Marketingzwecken? Geht es uns nur noch darum, welche Begriffe gut klingen und sich noch besser verkaufen? Oder geht es uns wirklich um zu verteidigende Inhalte, die unsere Entscheidungen und unser Handeln aktiv beeinflussen, wie z.B. Transparenz und Ehrlichkeit? Wir entwickeln Fachhandelsmarken und Eigenmarken, um uns zu profilieren und zu verschleiern, dass die Originale jetzt im LEH stehen. Paradoxerweise wird dadurch der LEH stellenweise transparenter als wir. Wir verkaufen Produkte von Hersteller*innen, die zu großen konventionellen Konzernen abgewandert sind, ohne das zu hinterfragen bzw. wenigstens unsere Kund*innen darüber zu informieren. Die Förderung und der Erhalt von kleinbäuerlichen Strukturen und fairem Handel wird in der Branche gerne als wichtig hervorgehoben. Das andere Ende der Handelskette dabei vernachlässigt. Das eine hängt doch mit dem anderen zusammen und wirkt sich unweigerlich darauf aus. Das wissen wir doch aus der Entwicklung des konventionellen Handels. Müssen wir die gleichen Fehler wiederholen?

Wenn wir aus Angst vor dem konventionellen Lebensmittelmarkt unsere Werte verlieren und die gleichen Mechanismen anwenden, haben wir aus unserer Sicht bereits verloren. Dann gibt es nichts mehr, was uns unterscheidet.

Die BNN-Kampagne „Öko statt Ego“ ist begrüßenswert, als Branche gemeinsam aufzutreten ist der richtige Ansatz. Wir sollten sie nur erst mal nach innen anwenden, sonst ist sie aus unserer Sicht wenig glaubwürdig und in Gefahr, als eine weitere inhaltsleere Marketingstrategie zu verpuffen.

Wir vermissen schmerzlich Gegenwind aus der Branche! Die Mittel, um zumindest ein Statement abzugeben, hätten viele von euch. Direkte Solidarität erhalten wir von den „Kleinen“ – unser Imker, der sich gegen den Vertrieb in der neuen Bio Company-Filiale entschieden hat, auch wenn ihm dadurch die Chance für mehr Umsatz entgeht. Oder das Bäckereikollektiv, das uns einen Rabatt auf unsere Rechnungen gibt. Eine entschiedene und mutige Haltung. Die vermissen wir von euch.

Stattdessen bekommen wir regelmäßig Empfehlungen, wie wir uns verändern könnten, um dem Wettbewerb standzuhalten. Wir sollen uns eine Nische suchen, größer werden, den Standort wechseln etc. Wir hätten doch Energie und Ideen. Richtig ist, dass wir fast vier Jahre Baustelle und drei neue Biosupermärkte in knapp sieben Jahren seit unserer Eröffnung geschafft haben. Dass wir ein gutes Jahr nach Abschluss der riesigen Baustelle hatten und etwas Luft holen konnten. Wir haben uns nicht zurückgelehnt, sind immer weiter dran geblieben. Haben uns weitergebildet, verändert und sinnvoll neu investiert. Wir sind der Meinung, dass wir ein gutes Konzept und viele Menschen hinter uns haben, die das zu schätzen wissen. Aber Menschen sind auch bequem und verführbar - das wissen und kennen wir alle.

Es gibt natürlich Strategien und Wege, denen wir verstärkt nachgehen könnten. Ideen haben wir, ja, aber wir sind nicht bereit, uns dafür auszubrennen. Und uns widerstrebt die inzwischen alles durchdringende kapitalistische Wettbewerbslogik: Du musst dich nur noch mehr anstrengen, noch besser sein, dann kannst du es schaffen. Ja, es gibt unabhängige Bioläden, die es in diesem harten Wettbewerb geschafft haben; das ist schön und freut uns. Welchen Kraftakt es diese gekostet haben mag oder was für andere Umstände eine Rolle gespielt haben, sei mal dahingestellt. Aber damit die knallharten Wettbewerbsmittel zu rechtfertigen und die Verantwortung für ein Scheitern allein den entsprechenden Läden zuzuschieben finden wir falsch. Wir wehren uns gegen diese neoliberale Normalität. Eine weitere Empfehlung, die uns nahegelegt wird, ist zu schauen, wie wir möglichst schnell rauskommen, die Reissleine ziehen, weil diese Entwicklung schon so oft zu beobachten war und mittlerweile nur noch resigniert akzeptiert wird. Noch sind wir nicht an diesem Punkt.

Ob wir die Eröffnung dieser Bio Company Filiale überstehen werden, können wir noch nicht absehen. Die Umsätze sind in den Wochen nach der Eröffnung erstmal eingebrochen.  Und wenn sich dieser Trend fortsetzt, haben wir weder das finanzielle Polster, noch die Nerven, um das lange mitzumachen.

Wir schicken euch diesen Brief in erster Linie als Weckruf. Mit den unabhängigen Läden geht mehr verloren als nur der Charme des Biofachhandels. Es sind auch inhaltliche Werte betroffen, die gerade in der heutigen Zeit an Bedeutung gewinnen. Inhalte, die nicht ökonomisch verwertbar sind und die nur mit Solidarität am Leben erhalten werden können.
Konkret auf unsere Situation bezogen: Um diesen Ort, den wir geschaffen haben, zu erhalten, brauchen wir gleiche Wettbewerbsbedingungen wie die Filialist*innen um uns herum. Solltet ihr uns in der jetzigen Situation unterstützen wollen oder können, kommt bitte auf uns zu. Wir bitten euch um ernst und ehrlich gemeinte Angebote.

Danke für's Lesen!

Elke Dornbach und Nadia Massi mit Team: Franziska Kniehase, Susan Truong, Mirjam Hümmer, Vanessa Puschmann, Johanna Gehring, Mina Stöhr, Franziska Benkel und Jasna Kleinwächter

Den offenen Brief im Original können Sie hier öffnen und herunterladen.

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Kommentar von Angela Friedrich |

Hallo BioOase,
Kapitalismus-Kritik aus der Karl-Marx-Straße, das hat was. Da habe ich mir doch gleich mal Eure Website angeschaut. Was finde ich da? Erst einmal ein fehlerhaftes Impressum.
Dann sehr viel Allgemeines über die Regionalität der Ware, ohne dass dies auch nur ansatzweise nachvollziehbar wird. Dann das angeblich so sozialverträgliche Modell mit den 2 Preisen. Ihr verschweigt, dass dies am Ende nur ein unterschiedliches Kalkulationmodell ist. Die Kostenstruktur ist die gleiche. Miete, Personalkosten und Ware, das muss alles zu Marktpreisen eingekauft werden. Und da Ihr Euch ja nicht selbst ausbeuten wollt, geht dies zu Lasten der Ehrlichen, die wirklich alle Nutzer anmelden und nur für sich selbst einkaufen oder.der Vergesslichen, die Monatsbeiträge zahlen, obwohl Sie gar nicht mehr bei Euch einkaufen. Oder zahlt Ihr Mitgliedbeiträge nicht aktiver Kunden zurück??? Euer Geschäftsmodell basiert auf den Verkauf von Verträgen und nicht auf den Warenhandel. Und in diesem Modell ist es besser weniger Warenumsatz zu machen, weil man dann auch weniger Arbeit hat. Hauptsache es kommen genug Neukunden, die auf Eure unseriöse Masche hereinfallen.
Und fast kriminell ist es, sich von den Kunden ein Darlehen für Ware geben zu lassen, wenn man Zweifel hat, ob das Geschäft diese Situation übersteht. Und die Rückzahlung dies Darlehens wird künstlich erschwert durch die Verpflichtung, die Karte zurück zu geben und alle Beiträge zu zahlen. Werden die Beiträge nicht eingezogen, können Karten nicht gesperrt werden?
Und wenn Ihr anprangert, dass die 40% Beteiligung die Expansion finanziert, liegt Ihr damit nur zum Teil richtig. Mich jedenfalls überzeugt das nicht. Das sieht eher danach aus, dass damit die Fehler der Vergangenheit bezahlt werden. Und zum anderen ist es eben das was es ist: Der Verkauf eines Unternehmensteils. Das ist nichts Verwerfliches!
Und dann vermisse ich den "offenen" Brief auf Eurer Website. Und vermutlich habt Ihr das auch nicht ausgedruckt und in Eurem Geschäft ausgehängt. Das offenbart ein echtes Problem: Eure Kunden sollen von diesem wehleidigem Hilferuf nichts mitbekommen.
Euer Willi

Kommentar von Inge Wick |

Liebe Kolleginnen der Bio-oase in Berlin. Wir betreiben seit 35 Jahren einen Bioladen in Stuttgart und haben seit 8 Jahren eine ähnliche Situation wie ihr. Eine große denns Filiale in 50 Meter Entfernung, ein Edeka mit Bio-Schwerpunkt im gleichen Haus, mehrere Bio-Supermärkte in der Nähe. Und natürlich ist unser Laden heute ein anderer als vorher. Natürlich ist alles enger und schwieriger geworden. Wir haben sehr viele Kunden verloren, haben aber auch viele "treue" Kunden, die ALLE auch in die anderen Läden gehen. Soweit so ähnlich.
Was ich nicht verstehe, ist euer Ruf nach Empörung? Ja, es ist sehr schmerzlich,wenn das Ladnerleben auf diese Weise beschwert wird. Aber diese Entwicklung war sowas von vorauszusehen- eigentlich hatten wir den heutigen Stand schon vor 20 Jahren erwartet - es hat alles ein bisschen länger gedauert.
Aber was erwartet ihr denn ? DIE Biobranche als Einheit hat es vermutlich außer in den Anfangs-Pionierjahren ( d.h. in den Achzigern des letzten Jahrhunderts) nie gegeben. Also wird es da auch keinen Aufschrei oder Boykott geben,.
Unsere Erfahrung ist, dass es darauf ankommt, das eigene Gesicht zu behalten, das zu tun, was wir für richtig halten und um Himmels Willen nicht auf eine kollektive Empörung der Branche zu setzen.
Wenn ihr was bietet, was die Kunden in anderen Läden nicht finden, wird es euch auch in Zukunft noch geben. Das ist unsere Erfahrung. Jammern hilft (auch) da wirklich nicht weiter .
Alles Gute von
Inge Wick
Grünschnabel Naturkost in Stuttgart

Kommentar von Andreas |

@angela Friedrich (Willi) schön wenn man noch einen draufhauen kann, oder ?
und @ inge Witt ja, wir müssen immer erstmal selber die Straße kehren. Aber als Demeter-Bauer ärger ich mich genau so über die aktuellen Perspektiven mit den Veränderungen der Vermarktungsstrategie usw. Ich verstehe den Berliner Brief auch als übermäßig klagend, aber wann und wo fangen wir an Strategien zu leben und uns darüber auszutauschen? Selbst der Ansatz vertikale Strukturen im vom Bio -Großhandel bis zum Erzeuger zu denken sind bisher hole Worte. Das das Sterben bäuerlicher biologischer Betriebe und eingeführter Bioläden schmerzt ist einen Aufschrei wert. Aber es macht nicht mehr als Lärm.
Vielleicht liegt für Eurer Oase eine Möglichkeit darin so etwas wie eine Coop zu werden , also ein Mitgliederladen oder noch intensiver eine Verteilstelle für eine Solawi. Auch kann ich mir vorstellen, dass mit den Marktschwärmern, die in Berlin aktiv sind etwas zu machen ist. Mit den fetten Bio-Supermärkten ein befriedigendes Gespräch zu führen glättet vielleicht die Woogen aber bietet selten Neues.
Andreas

Kommentar von Daniela |

Niemand hätte gedacht im Discounter Bioland Produkte kaufen zu können. Warum denkt niemand daran, im kompletten Biobereich die Boni und Rabatte abzuschaffen?

Kommentar von Malte Reupert |

Liebe Elke Dornbach,
aus Eurer Empörung und Eurer Klage tritt vor allem eins am deutlichsten hervor: Ihr selbst glaubt nicht an Euch und Euer Konzept und Ihr glaubt nicht, dass Eure Kunden dieses schätzen. Eure Furcht, dass Ihr für Eure Kunden nicht gut genug seid, macht natürlich Existenzangst. Und der unreflektierte (und leider häufigste) Weg damit umzugehen ist, diese Angst in Wut (und Abwertung bis hin zu Hetze) umzumünzen und diese auf den naheliegenden Sündenbock zu richten. So weit, so „normal“ - und so sinnlos.

Es gibt übrigens genug Beispiele, wo kleine Läden neben großen koexistieren. Und es gibt auch genug Beispiele (mein Unternehmen ist eines von davon), wo sich kleine Läden aus eigener Kraft entwickelt haben und nun auf größeren Flächen wirtschaften.

Euer Brief ist durchzogen von Abwertung der Wettbewerber und Selbstüberhöhung. Kurz: Euer Auftreten ist voller anmaßender Selbstgerechtigkeit. Ihr haltet Euch für die besseren Bios, Ihr glaubt, das Euch ein moralisches Vorrecht zusteht, auf Euch hätten die Wettbewerber gefälligst von sich aus Rücksicht zu nehmen. In eurer Selbstbezogenheit vergesst Ihr, wofür Ihr, wofür wir als Handel da sind: Für unsere Kunden.

Wer entscheidet denn über Eure Existenz? Wer entscheidet, ob Eure Arbeit gut ist oder nicht ungenügend? Die Biocompanie? Eure Wettbewerber? Nein, Eure Kunden entscheiden das anhand Eures Leistungspaketes, das Ihr ihnen bietet! Ihr tretet jedoch auf mit einer Vorwurfshaltung gegen die Welt um Euch herum auf, die Euch – empörend! - die Anerkennung des Heiligenscheines verweigert, den Ihr Euch selbst aufsetzt.

Doch im Kern beleidigt Ihr mit Eurer Tirade – auch wenn Ihr das in Eurer Selbstbezüglichkeit nicht merkt - Eure jetzigen Kunden: Aus Angst, dass sie sich gegen Euch entscheiden könnten, wollt Ihr, dass Ihre Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird. Ihr habt Angst, dass sie zum Wettbewerber wechseln, der ja viel niedriger steht als Ihr (siehe Duktus Eures Briefes) und Ihr sagt damit Euren Kunden: Wir halten Euch für dumm und manipulierbare Schafe, Ihr begreift nicht, dass wir die besseren sind und Ihr zu uns zu kommen habt! Deshalb müsst Ihr gelenkt werden, indem die Konkurrenz sich auf Sicherheitsabstand zu halten hat. Wir haben einen Anspruch auf Euer Geld, auch wenn wir möglicherweise für Euch etwas schlechter sind.

Eure Haltung ist leider nicht selten in unserer Gesellschaft: Ihr geht selbstverständlich davon aus, „die Guten“ zu sein und nehmt mit einer demonstrativ vorwurfsvollen Geste die Opferrolle für Euch in Anspruch. Damit drängt Ihr Euren Opponenten in die Täterrolle. Ihr zwingt damit nicht nur die Verantwortung für Euer Leben, für Euer Geschäft anderen auf, Ihr werdet dadurch selbst zu Täterinnen. Und Ihr versucht dadurch, Euer Publikum emotional zu manipulieren, Ihr hetzt Menschen gegen andere auf. „Das Einnehmen der Opferrolle ist in der modernen westlichen Gesellschaft die erfolgversprechendste Strategie, um seine Interessen durchzusetzen“ (Dieter Prokop). Übrigens: Eure Strategie ist deckungsgleich mit der von AfD & Konsorten.

Kommentar von Jürgen Goldbeck |

Lieber Malte Reupert,
die letzte Zeile "Übrigens" hättest Du Dir sparen können.
Ist der Filialisierte Biofachhandel überhaupt noch Fachhandel ?? oder ist die "Schleckerisierung" des Biohandels nicht schon weit fortgeschritten.
Verhindert die Wachstumslogik nicht ein Innehalten und eine "Neuorienrtierung" auf die Wurzeln.
Wie kann der selbstständige Bio-Fachhandel unterstützt werden.
Warum wird den "Filialisten" der Zucker in den Arsch geblasen, damit Diese dann in einem klassischen Verdrängungswettbewerb Geld verpulvern können. Warum ein jeder gegen jeden.
Übrigens, bei uns in der Stadt eröffnet um die Ecke ein Denns. Mich stört das nicht mehr, aber meine persönliche und biohändlerische Achtung hätte Denns wenn Sie in der Südstadt ( keine entwickelter Biomarkt) eröffnen würden. Aufbauarbeit leisten, im Stadtteil präsent sein, Kundenfahrten zu Landwirten organisieren, Kitas und Schulen unterstützen, inhaltliche Vorträge und Angebote machen, frische Küche und Speisen anbieten, zum Treffpunkt für "Gleichgesinnte " werden usw. Gilt für alle Filialisten.

Kommentar von Marion Ziehrer |

Schade! Und was ist eigentlich los?
Zwei in jeder Hinsicht engagierte Ladnerinnen stellen fest, was seit Jahren immer sichtbarer wird und nicht nur bei ihnen zur Verwunderung, Enttäuschung und Wut führt. Die Entwicklung der Naturkostbranche zu einer Kopie des konventionellen LEHs, die zunehmende Rücksichtslosigkeit untereinander, die lapidar mit "sozialer Marktwirtschaft" begründet wird. Nun entscheidet aber jede/r selbst, ob sie/er sich von Moral (ja, auch so ein Wort, das zunehmend negativ gewertet wird) und Werten wie Fairness, Rücksichtnahme und Respekt vor der Leistung anderer tatsächlich leiten lässt, oder sie eben nur immer wieder auf der Firmen-Webseite in jedem nur möglichen Zusammenhang anbetet. Und ob es nicht auch ein Genug gibt, besonders in einer Stadt wie Berlin, die mit Biomärkten nahezu überzogen wird.
Als vor vielen Jahren die "Tante Emma-Läden" zugunsten der Supermärkte und Discounter weichen mussten, kam niemand auf die Idee ihnen fehlendes Profil, Jammerei, Unfähigkeit oder Neid vorzuwerfen. Woher kommt eigentlich dieser anscheinend unausweichliche Glaube an Kapitalismus und soziale Marktwirtschaft? Und warum wird jede/r die/der das beklagt, so unfassbar attackiert? Was mir sowohl im Bericht als auch in fast allen Kommentaren unangenehm auffällt, ist die fehlende Auseinandersetzung mit der Frage, ob nicht die auf dem Acker so viel beschworene Diversität auch im Naturkostfachhandel eine Berechtigung hat und dringend geschützt werden muss. Und ob nicht wie auf dem Acker ein für eine gesunde Entwicklung notwendiger "Pflanzabstand" eingehalten werden sollte. Und zwar so, dass etablierte inhabergeführte Läden nicht bei jeder Neueröffnung einer BC- oder Denns-Filiale existentielle Ängste erleben müssen. Warum ist es nicht möglich darüber nachzudenken einen Gebietsschutz einzurichten - branchenintern? Warum eröffnen die Biosupermärkte fast ausschließlich in der Nähe bereits etablierter kleiner Läden? Und warum akzeptieren fast alle diese Entwicklung des nie aufhörenden Wachstums? Viele, mit denen man darüber spricht, bedauern und beklagen dies, aber alle halten die Entwicklung für unabwendbar. Und, nicht zu vergessen, haben sich vom Großhandel über die Hersteller*innen bis zu den Ladner*innen auch viele in die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Filialist*innen begeben. Aber wir sind es, die diese Entwicklung zulassen und stillschweigend hinnehmen und dann noch die, die es nicht mehr hinnehmen wollen, angreifen!
Übrigens, die Bioase und viele andere kleine Läden haben sowohl Profil als auch Konzepte. Die immer wieder empfohlene Etablierung dieser scheint also kein Allheilmittel zu sein. Fast ausschließlich in den kleinen Läden finden sich Produkte kleiner Hersteller*innen und Waren aus kleinbäuerlichem Anbau. Lebensmittel von Produzent*innen und Landwirt*innen, die weder in der Lage noch willens sind, die Supermärkte zu beliefern. Die einem Preisdruck und irgendwelchen Boni oder Rabatten gar nicht gerecht werden können und wollen. Und deshalb auch uns brauchen. Auch ich (Inhaberin der Biosphäre Neukölln) war noch vor 10 Jahren naiv genug zu glauben, diese Branche wäre fairer als andere und suche nach alternativen Wirtschaftsformen. Okay - geirrt! Es ist wohl längst Zeit für eine Bewegung innerhalb der Branche, die sich wieder mehr von Idealen (huch, wieder so ein Wort) und einer wohltuenden Naivität leiten lässt. Die den Mut findet zu kapitalismus- und wachstumskritischer Auseinandersetzung und einen kritisch-solidarischen Dialog eröffnet, statt unbequeme Stimmen lächerlich zu machen und ihnen ein fröhliches "Selbst schuld" zuzurufen.
Herzliche Grüße an alle Nachdenkenden!
Marion und das Team der Biosphäre Neukölln
P.S.: Lieber BNN: Was erhofft ihr denn von einer Mediation? Dass die Bioase wieder "vernünftig" wird?
P.P.S.: Herr Kaiser: Zählt es, als Gesprächsangebot nach der Eröffnung der neuen Filiale in der Bioase aufzutauchen und "sich mal blicken zu lassen"?

Kommentar von Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) e.V. |

Liebe Frau Ziehrer,
das Mediationsverfahren ist ein Angebot, das der BNN seinen Mitgliedern macht – dabei geht es gerade nicht darum, Partei zu ergreifen, sondern gemeinsam nach einer konstruktiven Lösung zu suchen. Eine Mediation findet nur statt, wenn sie von einem Mitglied beantragt wird.
Herzliche Grüße
BNN e.V.

Kommentar von Malte Reupert |

Liebe Frau Ziehrer,
was Sie schreiben ist großteils von der Realität losgelöste Wunschvorstellung. Die Kunden entscheiden über Konzepte und auch über Strukturveränderungen. Die Tante Emma-Läden mussten weichen, weil ihre Kunden sie verlassen haben und nicht wegen der "bösen Discounter". Der Markt und die soziale Marktwirtschaft ist das Ergebnis des Tuns und Lassens der VerbraucherInnen und der gesetzlichen Leitplanken. Er entsteht nicht in Kozernzentralen und auch nicht auf dem Schreibtisch von Georg Kaiser ;-)
Es ist weder erfolgversprechend, noch klug, noch zeugt es von philosophischer Weitsicht, eine Wunschwelt als Forderung in den Raum zu stellen und dann nach Schuldigen zu suchen, weil die Realität, also die Summe aller maßgeblichen Akteure, die eigenen Wünsche ignoriert. Und Sie (und die BioOase44) sind doch nah dran an den relevanten Akteuren: Ihren Kunden. Finden sie DEREN Bedürfnisse heraus anstatt zu erwarten dass sie sich ihre Kunden nach den ihren richten - und unter "Bedürfnisse" subsummiere ich auch die eigene Weltsicht bzw. Gesellschaftsbild, weil die ja aus den eigenen Bedürfnissen heraus entstehen.

Kommentar von Georg Rieck |

Schade! Und was ist eigentlich los? Fragt Marion Ziehrer …

Umbruchzeit - ! Die Rahmenbedingungen ändern sich durch die Klimadiskussion (Flüchtlingsdiskussion, Arten … usf), die mit zunehmender Härte geführt wird. Dadurch stehen Regierungen, die eigentlich wirklich nichts an der Dominanz der Wirtschaft verändern wollen im Zugzwang. Der leichteste Ansatz ist im Augenblick, an den Lebensmitteln anzusetzen und die Umstellung auf Ökolandbau zu fördern. Oder die MwSt auf Fleisch zu erhöhen, oder ...
Natürlich ist keine der aktionistischen Ideen durchdacht und so entsteht in sagenhafter Geschwindigkeit ein wachsendes Durcheinander.
Was dabei aber nicht entsteht, ist der Nachfragesog aus der breiten Bevölkerung. Alles spielt sich in dem Rahmen der Bevölkerungsgruppen ab, die bereit sind nachzudenken und über den Tellerrand zu schauen. Also diejenigen, die bis hierhin Bio groß gekauft haben.
Lidl verramscht Warenüberhänge, die sie nicht regulär losgeworden sind. Und es gibt jetzt schon – also vor der großen Umstellungswelle - einen Rückstau im Bio–Rohstoffmarkt, weil die Einkäufer des LEH rumlaufen und nur billige Umstellware suchen, aber nichts zum regulären Preis einkaufen wollen (die haben gelernt, dass sie nicht nach Hause kommen dürfen, wenn sie nicht alles aus den Vorlieferanten herausgequetscht haben, bis kurz vor dessen Exitus).
Und im LEH herrscht Goldgräberstimmung – die riechen fette Beute und frische Munition im Verdrängungskrieg.
Und die Bioläden? Denen redet man das Hirn wuschig mit „Bio für alle“. Und Untergangspropheten predigen den einzigen Weg zum Heil – werdet, wie es der LEH uns lehrt.
Total bescheuert, aber leider ziemlich normal ist das nun folgende menschliche Verhalten, aufeinander loszugehen, statt zusammen zu halten. Je größer das Durcheinander und je größer der Druck, desto agressiver das Verhalten. Je mehr die Öko-Idee als Lösung propagiert wird, desto härter werden die Angriffe – von links werden wir als elitäre Neofeudalisten gebasht und von rechts wird die Ökodiktatur an die Wand gemalt.
Zwei Dinge halte ich jetzt für nötig:
Erstens: Diskutieren, miteinander reden, Gespräche führen – wie sonst könnten wir die falschen von den richtigen Propheten trennen und gangbare Wege finden? (Insofern sind die Beiträge hier sehr fein ...)
Zweitens: Ein neues Branchen-Leitbild entwickeln und sich dahinter versammeln!
Vielleicht hatten wir ja gar keins – weil wir uns das der Anbauverbände zu eigen gemacht hatten. Das war ja auch schön einfach und bequem! Nun dienen die anderen Göttern und wir stehen verdattert im Hemd …
Also, um ins Positive zu kommen: Ein Leitbild liegt vor uns: die Agrarökologie. Dieses Konzept verbindet die Regeln einer ökologischen Lebensmittelerzeugung mit allen sozialen Aspekten und Problemstellungen - weltweit. Entwickelt wurde die AÖ in der Folge des Berichtes des Weltagrarrates (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development, IAASTD), einem Gremium vergleichbar dem Weltklimarat (IPCC) – dem gerade alle zuhören). Im April 2018, genau 10 Jahre später, verkündete die FAO (Food and Agricultur Organisation der UNO) das Scheitern der industriellen Landwirtschaft und nennt die Systeme der Agrar-Ökologie als einzige Lösungswege, um 10 Milliarden Menschen zu ernähren.
Wenn das keine Steilvorlage ist! Das ist eine ganz stabile, felsenfeste Basis, um daraus das Leitbild für die Öko-Branche zu entwickeln. Ohne Naivität, ohne Ideologie, ohne Abgrenzung, für Große, wie für Kleine, für den LEH (nicht für den Discount – der würde schnell verboten), wie für Spezialisten. Dieses Leitbild steht im Dienste des Ökosystems Erde mit all seiner Vielfalt. Und alle sind nötig und gefragt daran mitzuwirken, weil es anders nicht geht!
Also lasst uns Denkfabriken eröffnen – Kolleginnen und Kollegen – wir werden gebraucht!

Kommentar von Weber, Jürgen |

Was war (und ist?) denn eines der ursprünglichen Ziele der Öko-Bewegung: 100% Bio? Wurde/wird dies durch die Inhabergeführten Geschäfte erreicht? Sollen diese, weil "Wertegetrieben", unter Artenschutz gestellt werden? Sollten wir nicht über jede zusätzliche Bio-Verkaufsstelle froh sein?

Kommentar von Jürgen Goldbeck |

Zu Malte Reupert: "Auch" alles richtig was Du schreibst ?? Warum ist dann nur die "Welt" in diesem Zustand ? Ob Deine Arroganz unserer Branche da weiterhilft ? Tja selbst ist der "Macher" Mann ! Viel Glück !!
Wer sollte sich da in unserer Branche bewegen? Natürlich jeder ! Und Handel ist Wandel, übrigens bei den Bios auf Grundlage eines Leitbildes für die Öko-Branche.
Der selbstständige Biohandel sollte sich endlich organisieren, natürlich im BNN, entsprechende Anträge an die Gremien stellen und dann auf der MV da sein und die Branche gestalten.

Kommentar von Georg Rieck |

Warum eigentlich ist der BNN so still?
Ich habe den Eindruck, dass Viele und immer mehr den Aufbruch zu einem neuen Branchen-Leitbild wollen!?
Und nicht als Rettungsanker, sondern weil es jetzt darauf ankommt, die BIO-Lebensmittel, als Träger der Idee einer zukunftsweisenden Wirtschaft, vor der Vermassung und Entwertung zu bewahren. Das war das Ziel unserer Branche vor 40 Jahren, weil es damals voraus zu sehen war, was die Vermassung und Entwertung der Lebensmittel für katastrophale Folgen für alle Lebenszusammenhänge bewirken würde.
Heute droht den BIO-Lebensmitteln das gleiche - und wir können wieder voraussehen, was passieren wird.
Ja - "Bio für Alle" war und ist ein Ziel unserer Branche - aber das ist ein politisches Ziel, eine politische Utopie, eine Vision. Jeder, der behauptet das jetzt und hier umzusetzen lügt, oder redet von der Zwangsbeglückung von 60 - 80 % der Bevölkerung.
Und auf den Öko-Feldtagen wurde sichtbar, dass die konventionelle LW auch Antworten auf die Klima-herausforderung sucht und auch findet. Möglicherweise haben die schneller eine Lösung, als wir uns das vorstellen können...
"Bio für Alle" als Lösung für die Klimaprobleme, halte ich für nicht zielführend, weil die ökologische LW und die BIO-Branche zu schwach für diese Problem-Dimension ist und weil weite Teile der Bevölkerung zu dieser Konsequenz nicht bereit sind.
Daraus folgere ich, dass unsere Branche besser beraten wäre, wenn sie sich mit voller Kraft für die Lösung der großen Welt-Probleme einsetzt: Hunger, Ungleichheit, Ungerechtigkeit und den Erhalt des "Ökosystems Erde". Da können wir einen echt guten Beitrag leisten!
Übrigens - macht ihr mit beim Klima-Streik am 20.9.?

Kommentar von Matthias Schlessmann |

Ich muss sagen, der Kommentar von Marion Ziehrer | 08.08.201 spricht mir zum großen Teil aus der Seele. Die Situation der BioOase kann ich aus München nicht beurteilen. Ich kann aber den Verdruss, die Niedergeschlagenheit und den Ärger der Betroffenen nachvollziehen. Auch ich habe als Branchen-Quereinsteiger mehr auf die Solidarität der Gemeinschaft gehofft oder auf die Bereitschaft, Projekte oder Themen gemeinsam zu entwickeln. Mittlerweile habe ich mich in der Rolle des Einzelkämpfers im eigenem Laden-Kosmos mehr oder weniger erfolgreich eingerichtet. Eine rosige Zukunft für die gesamte Inhabergeführte-Biobranche sehe ich aber nicht. Grüße aus München, Matthias

Kommentar von Redaktion |

Auch die taz hat sich des Themas angenommen. Titel: "Kampf um den Biomarkt"
https://taz.de/Discounter-gegen-Einzelhandel/!5615169/

 

Kommentar von Zueger Cáceres Regula |

1) Es ist eine Frechheit, die Ladner als Träumer und unrealistisch und indirekt "unfähig zu Veränderung" zu bezeichnen, die die letzen Jahrzehnte ihre Geschäfte führen und entwickeln konnten, bevor die öffentliche Meinung endlich etwas offener geworden ist und man sich allenthalben für Nachhaltigkeit anfängt zu interessieren.
2) Dass hier gewisse neoliberale Vertreter unter den Kommentatoren auch noch für sich und grossen Ketten in Anspruch nehmen, dass nur Dank ihnen die ganze Welt mal bio werden könnte und die kleinen Ladner das ja offensichtlich eh nicht schaffen würden, ist einfach nur unsäglicher Zynismus, der falscher nicht sein könnte.
Schliesslich sind es die ernsthaften Menschen und (zu 99.9% kleinen und mittleren) Firmen, die über Jahrzehnte gegen den Strom die Menschen und die öffentliche Meinung bearbeitet haben, so dass nun nach zäher und sich ständig wiederholender Informations- und Überzeugungsarbeit sich endlich ein allgemeines Bewusstsein herauszubilden beginnt. Und dieses halbwegs erwachte Bewusstsein der KonsumentInnen für ökologisch und sozial kritische Fragen wird nun billig abgeholt mit neoliberalem Marktstrategien, wo die Menschen zu möglichst geschmeidigen Bedingungen und Preisen möglichst viele Produkte kaufen sollen, die Ihren Wunsch nach Nachhaltigkeit befriedigen. Damit wird perfiderweise eigentlich verhindert, dass diese Menschen sich weiter bemühen und wirklich ein Bewusstsein erlangen können für notwendige nachhaltige Änderungen. Sie kaufen ja jetzt bio und fairtrade, das ist ja dann mal gut!
Dass dies aber überhaupt nicht so ist und man mit diesem System der gesamten Nachhaltigkeit sowohl in ökologischer, ökonomischer und auch sozialer Sicht schon mittelfristig einen grossen Bärendienst erweist, zeigt sich ja bereits. Strukturell genau auf den Schienen des neoliberalen, konventionellen Handels zu fahren führt bereits jetzt zu noch mehr Auslagerung von externen Kosten und ökologischen und sozialen Abstrichen entlang der ganzen Lieferketten.
3) Zur Erinnerung: in der Schweiz gab es bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts Gebietsschutz für Gaststätten, wenn jemand eine neue Gaststätte eröffnen wollte, musste erst der Nachweis erbracht werden, dass es einen effektiven Bedarf gab und man nicht dadurch einen Verdrängungskampf mit bestehenden Gaststätten liefern würde. Das war ganz normal möglich in einer "ganz normalen Marktwirtschaft" weil halt intelligent! Denn seit dieser Gebietsschutz aufgehoben worden ist (und auch Qualifikationsschutz > es wird keine fundierte Ausbildung mehr verlangt!) gibt es sehr viele Gaststätten, die eröffnen und wieder pleite gehen, es gibt viel zu viele und der tödliche Preiskampf führte definitiv nicht zu nachhaltigen Strukturen!

Kommentar von Malte Reupert |

Ich kann das Lamento wirklich nicht verstehen - und - da es nun beinahe so alt ist, wie die Branche, auch nicht mehr gelassen ertragen. Es gibt doch die Plattformen, wo gemeinsame Interessen und Regeln verhandelt werden können (BNN, Naturkost Südbayern, Kasseler Kreis) und es steht jedem frei, neue zu gründen. Daneben gibt es eine reihe von Erfa-Gruppen und immer wieder Seminarangebote zu diesen Themen. Warum entsteht daraus nicht, das was sich der zahlreiche Chor der Branchen-Kassandras wünscht? Vielleicht müssen wir einfacch mal lernen, als gegeben hinzunehmen, dass Menschen - sogar -Ökos - sehr unterschiedlich ticken und auch die großen MoralpredigerInnen meist nicht wirklich kompromissfähig sind, wenn es darum geht, zusammen zu finden.
Das sicherste Rezept zum Scheitern ist es, die Schuldfrage zu stellen und diese dann auch gleich mit dem Fingerzeig auf den andren (woran auch immer sich das "anders" festmachen möge) zu beantworten.
Schlließt Euch doch zusammen! Die Summe der Kleinen ist noch immer um eine mehrfaches größer als der größte Filialist. Hört auf den Weltuntergang der Branche (zumindest der Branche, so wie Ihr sie Euch wünscht) an die Wand zu malen und fangt an, aktiv zu gestalten! Die einzigen, die Euch daran und die die Durchsetzung Eurer Ideale verhindern, seid Ihr selbst - vor allem mit Eurer Passivität verbunden mit der Erwartung an Eure Mitwelt, dass diese Euch Euer ganz profanes wirtschaftliches (und ebenso kapitalistisches) Überleben zu sichern habe.


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