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Grüner Knopf: Verantwortung auf Verbraucher abgewälzt

von Horst Fiedler (Kommentare: 0)


Logo "Grüner Knopf" © GIZ

Um die verheerenden Zustände in der Textilindustrie von Drittländern zu lindern, ist der Verbraucher gefordert: Er soll Kleidung und andere Textilprodukte mit dem neuen staatlichen Nachhaltigkeitssiegel „Grüner Knopf“ wählen. Der Staat verzichtet einmal mehr auf strafbewährte gesetzliche Vorgaben und stellt es der Textilwirtschaft frei, ob sie soziale und ökologische Anforderungen erfüllt oder nicht.

Ein kommentierter Bericht

Das Muster der Abschiebung von Verantwortung auf die Verbraucher ist immer gleich. Beispiel EU-Bio-Siegel: Statt die zerstörerische konventionelle Landwirtschaft zu verbieten oder zumindest die Folgekosten in die Produkte einpreisen zu lassen, soll der Verbraucher freiwillig zu Bio greifen und bekommt dafür ein Siegel zur Orientierung. Er soll über seine Marktmacht die Agrarwende einleiten, während die konventionellen Landwirte so weitermachen dürfen wie bisher – bis die letzten Insekten verschwunden und der letzte Tropfen Wasser verseucht ist. So geht Politik heute.

Beim „Grünen Knopf“ ist es genauso. Wer davon ausgegangen war, dass nach dem Brand in einem Textilbetrieb in Bangladesch mit Hunderten Toten die Politik dafür sorgt, dass solche Missstände der Vergangenheit angehören, bekommt heute, sechs Jahre nach der Katastrophe, den Ball von Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), zurückgespielt: „Allen, die immer noch sagen, was geht mich das an – antworte ich: Sie, ich, wir alle tragen Verantwortung für die Menschen, die unsere Kleider herstellen. Wir können nicht länger auf Kosten anderer billig konsumieren.“

Übersetzt heißt das: „Wir sind zwar als Politiker gewählt worden, um Dinge zum Positiven hin zu verändern. Aber das müsst ihr gefälligst selber in die Hand nehmen.“ Also muss sich der Bürger jetzt auch im Textilbereich auf den Weg machen. Am Ende wird er womöglich das Green-Washing der Handelsketten wie Aldi, Lidl, Kaufland, Rewe und Tchibo, die beim „Grünen Knopf“ schon an Bord sind, mitfinanzieren. Und auch Steuern werden weiter für eine Regierung gezahlt, die sich auf wichtigen ökologischen und humanitären Feldern praktisch handlungsunfähig zeigt und erforderliche Maßnahmen möglichst auf den St. Nimmerleinstag verschiebt.

Noch eine Parallele gibt es zum Bio-Siegel: Die Verwender des "Grünen Knopfes" können sich von privaten Stellen kontrollieren lassen: Wenn ein Anbieter zu streng ist, nimmt man halt den nächsten. Nicht nur außerhalb der EU zeigt die Bio-Kontrolle immer wieder Schwächen – wie soll das denn beim „Grünen Knopf“ funktionieren, wo praktisch die gesamte Produktion in Schwellen- und Entwicklungsländern stattfindet? Laut Ministerium müssen am Ende 46 „anspruchsvolle Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden – von A wie Abwassergrenzwerte bis Z wie Zwangsarbeitsverbot“.

Und auch diese Parallele soll nicht unerwähnt bleiben: So wie es neben dem EU-Biosiegel auch Bioland- und Demeter-Siegel mit höherem Standard gibt, hat die Textilwirtschaft vergleichbare Pioniere wie GOTS oder IVN Best. Und so wie Verbraucher lernen mussten, dass Bio nicht gleich Bio ist, werden sie sich auch im Textilbereich mühsam Erkenntnisse über die verschiedenen Kriterien erwerben müssen, um sich im Siegel-Dschungel richtig entscheiden zu können. Alles nur, weil Politiker wollen, dass die Textilwirtschaft weiterhin große Spannen (5 Dollar Einkauf für eine Jeans, bis 100 Dollar Verkauf) generieren kann.

Und noch eine Parallele – zur Ehrenrettung der Siegel-Erfinder: Wie damals Renate Künast, die das deutsche Bio-Siegel ins Leben rufen musste, weil die meisten ihrer Kabinettskollegen keine grundsätzliche Agrarwende befürworteten, ist der „Grüne Knopf“ von Entwicklungsminister Gerd Müller Ergebnis eines vergleichbaren Schicksals. Auch seine Mitstreiter aus der Groko wollen ebenfalls keinen Schritt weitergehen. Staatliche Siegel sind damit immer auch ein Zeichen für unzureichende Problembehandlung und Angst vor Lobbyisten.

Etwas Positives? Der "Grüne Knopf" hat die Diskussion um soziale und ökologische Missstände wieder in die Medien gebracht. Das ist zumindest besser als durch einen Brand in einem Textilbetrieb in Bangladesch oder Myanmar. Und wenigstens einige Verbesserungen für die Umwelt und die Nähenden wird der "Grüne Knopf" bei allen Bedenken bringen. Zu wünschen wäre, dass Regionalität – wie im Lebensmittelbereich – auch bei Textilien eine herausragende Rolle spielen würde. Dann hätte man die Produktion wieder im eigenen Land und jede Menge prekäre Arbeitsplätze, die nach der noch ausstehenden Digitalisierung Deutschlands (ebenfalls ein Handlungsdefizit der Regierung) dringend erforderlich sind.

Lesen Sie mehr zu Details über den Grünen Knopf vom Ministerium und die BMZ-Broschüre

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