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EU-Kommission entzieht internationalem Öko-Zertifizierer die Lizenz

von Leo Frühschütz (Kommentare: 0)


EU-Flagge
Bei Bio-Importen in die EU hat es wieder Unregelmäßigkeiten gegeben. Symbolbild © Pixabay/Capri23auto

Die EU-Kommission hat dem internationalen Zertifizierer Control Union die Öko-Anerkennung für fünf Länder entzogen. Dessen schlechte Arbeit erleichterte Bio-Betrügereien.

Werden Bio-Erzeugnisse aus Drittländern in die EU importiert, muss eine von der EU-Kommission anerkannte Kontrollstelle bestätigen, dass diese Erzeugnisse tatsächlich Bio im Sinne der EU-Öko-Verordnung sind. 57 Kontrollstellen hat die Kommission dafür zugelassen, darunter ein Dutzend internationaler Zertifizierer, die in über 100 Ländern tätig sind. Einem der größten dieser Zertifizierer, der Control Union Certifications (CUC), hat die EU-Kommission jetzt die Zulassung für Kasachstan, die Republik Moldau, Russland, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate entzogen.

Quittung für schlampige Arbeit

In der Verordnung 2019/446 hat die EU-Kommission Ihre Entscheidung so begründet: „Die Kommission führte Untersuchungen zu mutmaßlichen Unregelmäßigkeiten in Bezug auf mehrere Erzeugnisse aus Kasachstan, der Republik Moldau, Russland, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten durch, die von der „Control Union Certifications“ als ökologisch/biologisch zertifiziert wurden. Die „Control Union Certifications“ übermittelte nicht rechtzeitig schlüssige Antworten auf die verschiedenen Auskunftsersuchen der Kommission. Darüber hinaus versäumte es die „Control Union Certifications“, die Rückverfolgbarkeit und den ökologischen Zustand dieser Erzeugnisse nachzuweisen. Ferner hat „Control Union Certifications“ eine Kontrollbescheinigung für Erzeugnisse ausgestellt, die von den zuständigen Behörden eines Mitgliedstaats aufgrund von Pestizidrückständen auf „konventionell“ herabgestuft worden waren.“ Kurz gesagt: CUC hat so schlampig gearbeitet, das mutmaßliche Bio-Betrüger leichtes Spiel hatten.

In einem Schreiben an Kunden teilte CUC mit, man habe der Kommission Anfang März ausführlich auf ihre Bedenken geantwortet und parallel zahlreiche Verbesserungsmaßnahmen ergriffen. Auf die ihr zur Last gelegten Vorgänge ging die Kontrollstelle nicht ein.

Türkei und Vereinigte Arabische Emirate sind Drehscheiben des Bio-Betrugs

Die fünf Länder gelten seit Jahren als Hotspots für Bio-Betrügereien mit Getreide und Ölsaaten. Für einige von ihnen gelten deshalb verschärfte Kontrollbestimmungen. Sie sollen sicherstellen, dass die Ware tatsächlich bis zum Acker rückverfolgbar ist. Dass dies nicht immer funktioniert, zeigte der Bericht der EU-Rechnungsprüfer vor wenigen Wochen. Dort ist die Rede von einem großen türkischen Unternehmen „mit 10 Produktionsbetrieben und 15 Verarbeitungsbetrieben in der Türkei, Äthiopien, Kirgisistan, Kasachstan und der Ukraine.“

Die Prüfer forderten von der Kontrollstelle den jüngsten Inspektionsbericht für dieses Unternehmen mit seinen ganzen Betrieben an. Sie erhielten einen achtseitigen Bericht in dem „grundlegende Angaben fehlten, beispielsweise die Daten der Besuche in den verschiedenen Betrieben und die Art der in den einzelnen Betrieben tatsächlich durchgeführten Kontrollen“.

Ob es sich bei der Kontrollstelle um CUC handelte und dies der Auslöser für die Aberkennung war, ist nicht bekannt. Falls nicht, müsste eigentlich bald eine weitere Kontrollstelle ihre Zulassung verlieren. Zu den größten CUC-Kunden gehört der einschlägig bekannte türkische Agrarhändler Tiryaki.

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127.000 Tonnen Bio aus den Emiraten – auf dem Papier

Auffällig ist der Hinweis auf die Vereinigten Arabischen Emirate (VAR). Hier wird nicht etwa Bio-Kamelmilch zertifiziert. Über die VAR werden 3,9 Prozent aller Bio-Importe in die EU abgewickelt, 2018 waren es der EU-Statistik zufolge 127.000 Tonnen, vor allem Weizen, Ölsaaten und andere Getreide. Dabei dürfte der größte Teil der Erzeugnisse nicht über die dortigen Häfen verschifft werden (das wäre ein ziemlicher Umweg).

Hier geht es um Geldflüsse und in den VAR registrierte Handelsfirmen. Real werden die meisten dieser Waren über die Türkei verschifft. Von dort gelangten 2018 264.000 Tonnen Bio-Erzeugnisse in die EU, und zwar nicht nur Feigen, Aprikosen und Haselnüsse. Ganz oben auf der Liste stehen Weizen, andere Getreide und Ölsaaten, sie machen über die Hälfte der türkischen Importe in die EU aus.

Über die Türkei und die VAR werden auch große Mengen Bio-Futtermittel in die USA geliefert, deren Bio-Qualität fraglich ist, warnte 2018 das Cornucopia Institute. Es nannte in seinem Bericht Tiryaki als den wichtigsten Händler, erwähnte, dass das Unternehmen die Kontrollstelle gewechselt habe, um Nachforschungen zuvorzukommen und nun bei der niederländischen Control Union unterschrieben habe. Zuvor hatte CUC schon einen anderen Händler zertifiziert, der in den 2017 aufgeflogenen US-Betrugsfall verwickelt war.

Warum werden nur fünf Länder aberkannt?

Der Widerruf der Anerkennung für die fünf Länder wirft automatisch die Frage auf, „warum die Kommission die Kontrollstelle in rund 125 anderen Nicht-EU-Ländern weiter das europäische Biosiegel vergeben lässt“. Das wollte die taz von der EU-Kommission wissen, erhielt aber keine Antwort. Auch Control Union ließ eine Bitte der taz um Stellungnahme unbeantwortet. Dabei lässt sich, nach dem Motto „der Fisch stinkt vom Kopf her“ durchaus vermuten, dass die Probleme bei CUC nicht nur in lokalen Büros des Zertifizierers liegen, sondern auch im niederländischen Hauptquartier. Im letzten Jahr hatten die EU-Auditoren massive Kritik an der Arbeit von CUC in Sri Lanka geäußert.

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Was passiert nun mit den von CUC in den fünf Ländern zertifizierten Unternehmen und ihren Lieferungen. Die Verordnung tritt am 8. April in Kraft, solange könne CUC noch Zertifikate für Lieferungen ausstellen, die sich erst noch auf den Weg machen, schreibt der britische Bio-Verband Soil Association. Das öffnet betrügerischen Machenschaften ein weites Tor, da solche Zertifikate (oder deren Fakes) nicht mehr überprüft werden können, wenn sie im Mai oder Juni an der EU-Grenze auftauchen. Denn die ausstellende Kontrollstelle ist nicht mehr zuständig und eine neue hat sich den Betrieb noch nicht angeschaut.

Denn die zertifizierten Unternehmen müssten sich ab 9. April einen neuen Zertifizierer suchen, sofern sie weiter Ware in die EU liefern wollen. CUC schrieb seinen Kunden, man habe sich mit mehreren Kontrollstellen abgestimmt, um einen sanften Übergang zu gewährleisten. Daneben stünde es jedem Kunden frei, sich selbst einen neuen Zertifizierer zu suchen. CUC kündigte auch an, sich erneut um die Anerkennung in den fünf Ländern zu bewerben.

US-Bio-Verabnd warnt vor umgeleiteter Betrugsware

Derweil warnte laut taz der US-Bioverband Organic Trade Association nach dem Lizenzentzug für Control Union seine Mitglieder. „In Europa gibt es Gerüchte, dass eine große Menge Sonnenblumensamen, Leinsamen und Mais bereits vom Ziel EU in die Vereinigten Staaten umgeleitet worden ist oder bald wird“, zitierte die taz aus einer internen OTA-Mail. Dort braucht die Ware kein EU-Bio-Zertifikat, sondern eines nach dem NOP-Standard der USA. Issued by CUC.

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