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Bio-Pionier Klaus Griesbach gestorben

von Horst Fiedler (Kommentare: 0)


Foto aus seiner Zeit in China im Jahr 2007: Klaus Griesbach mit Organic Farm-Chefin Chen Cong Hong. © Horst Fiedler

Der Gründer eines der ersten Bioläden in Deutschland, Klaus Griesbach, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Er war Visionär. Seine Thesen zum Naturkostfachhandel haben noch heute Gültigkeit.

Als Klaus Griesbach im Jahr 1997 – anlässlich des 25-jährigen Jubiläums seines Ladens „Schwarzbrot Naturspeisewaren“ – gefragt wurde, wie er sich den Naturkostmarkt in 25 Jahren vorstelle, wünschte er sich, dass er die Qualität der Lebensmittelmittel nicht mehr hinterfragen müsste. „Der eigentliche Skandal ist, dass heute Lebensmittel, die diesen Namen verdienen, wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen umständlich gesucht werden müssen. Ich hoffe allerdings auch, dass ich in 25 Jahren hauptsächlich von den Früchten meines Gartens leben werde, also weniger Marktteilnehmer sein muss als heute noch.“

Weder der eine noch der andere Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Zwar ist der Bio-Anteil am Lebensmittelumsatz in Deutschland von damals einem Prozent auf rund sechs Prozent gestiegen, aber den „Heuhaufen“ gibt es bekanntlich immer noch. Den Laden in Hamburg gründete Klaus Griesbach zusammen mit seiner Frau Marion McClenahan. Das Ehepaar bekam wenige Jahre später einen Sohn.

Marktwirtschaftlicher Wettbewerb ohne Reflexion macht blind

„Wenn nach Visionen, Orientierung und Leitbildern gefragt wird, fällt mir immer noch der Satz Wilhelm Reichs ein: Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens, sie sollten es auch bleiben“, sagte Klaus Griesbach damals im Interview mit Achim Wagner. Zur Naturkost sei er durch sein Interesse an Philosophie und Natur gekommen. „Die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen wird den Teilnehmern des Naturkostmarktes umso unsichtbarer, je mehr diese sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb ohne theoretische Reflexion behaupten wollen“, postulierte er und könnte dies noch heute der Branche ins Stammbuch schreiben.

Und auch diese fundamentale These ist bislang nicht widerlegt: „Ohne eine Politik, die der dem marktwirtschaftlichen Wettbewerb innewohnenden Tendenz zur zerstörerischen Konzentration radikal begegnet, also letztlich Eigentum immer wieder neu verteilt, wird ‚Naturkost für alle‘ (wie so unendlich vieles andere auch) unmöglich bleiben!“

Ohne Partnerschaft droht der Untergang

Auch die Notwendigkeit von Kooperationen hat der Visionär bereits frühzeitig erkannt: „Ohne ein starkes Element von Partnerschaft, das heißt hier: des Verzichts auf wirtschaftliche Dominanz mit dem Ziel von Stabilität und gedeihlicher Entwicklungsmöglichkeit auch für den anderen, wird der regionale Naturkosthandel seinen, mit der Philosophie der Naturkostbewegung auf das Engste verbundenen Charakter nicht erhalten können und untergehen.“

Und aktuell ist der Visionär auch noch mit dieser Aussage: „Der Naturkostmarkt kann als eines der ideologischen Nebenprodukte der Modernisierung des Systems nach der 68er-Revolte verstanden werden. Kein noch so bemerkenswerter wirtschaftlicher Einzelerfolg innerhalb des Naturkostmarktes kann doch darüber hinwegtäuschen, dass von einer Politik, die ‚Naturkost für alle‘ ermöglichen könnte, keine Rede sein kann.“

Lohn nach Arbeitszeit und Geld für Kinder

Klaus Griesbach hat in Hamburg eine andere Form der Ökonomie ausprobiert. Wichtig war ihm, Abhängigkeiten von Geldgebern zu vermeiden, wie damals Die Zeit schrieb. „Wer sich für uns engagiert, soll das nicht für Prozente tun“, war seine Devise. Und sein Personal entlohnte er nach der Stundenzahl: Für die gleiche Arbeitszeit wurde der gleiche Lohn gezahlt. Nur für Frauen, die Kinder zu versorgen hatten, gab es mehr Geld: 250 Mark für erste Kind, 150 Mark für das zweite.

„Schwarzbrot“ hatte Ende der 90er Jahre etwa 20 Mitarbeiter und war mehr als ein Naturkostladen heutiger Prägung: „Schon früh hat Griesbach mit anderen Hamburger Läden zusammen Importe von Reis und Rosinen, Hirse und Hafer aus dem Ausland organisiert“, berichtete Die Zeit. „Zunächst wurden die Import-Waren in Griesbachs Schwarzbrot-Laden, dann in den Lagerräumen der Spedition umgeschlagen. Schließlich gründete er die Schwarzbrot-Einkaufsgemeinschaft und mietete sich ein eigenes Lager in Hamburg Altona.“ Doch im Jahr 1999 musste der Bio-Pionier Insolvenz anmelden.

Aufbau-Arbeit in China

In der Folge ist Klaus Griesbach für einen chinesischen Importeur tätig, eher er selbst nach China geht und  dort Unternehmen wie Organic Farm berät und so für den Aufbau von Bio im Reich der Mitte aktiv ist. Die neue Bio-Realität Chinas war manchmal selbst für Griesbach zu viel, wie die ARD in der Werbung für ihren Film „Grüne Tomaten für Moas Erben“ schreibt: „Nie hätte er sich träumen lassen, dass aus der alternativen Müsli-Kultur einmal asiatischer Luxus werden würde.“

Nach seiner Rückkehr aus China im Jahr 2015 wurde es krankheitsbedingt ruhig um Klaus Griesbach. Die Branche trauert um einen Weggefährten, der sich für die Verbreitung von Naturkost und für die Umsetzung alternativer Wirtschaftsformen verdient gemacht hat.

Mögen seine Mahnungen auch heute noch Gehör finden und zumindest sein größter Wunsch „Bio für alle“ eines Tages in Erfüllung gehen.

Lesen Sie auch das Kondolenzbuch des BNN, in das sich viele Weggefährten eingetragen haben.

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