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Antibiotika im Schweinestall: Kritik auch an Bioland

von Leo Frühschütz (Kommentare: 3)


Die Debatte um den Einsatz von Antibiotika in der Bio-Schweinehaltung hat nun auch den Verband Bioland erreicht. Die taz berichtete in ihrer aktuellen Ausgabe, dass Bioland in seinen Richtlinien bestimmte für die Humanmedizin wichtige Antibiotika, die Fluorchinolone, verboten habe. Aber es habe Ausnahmen gegeben.

„2014 wurden 35 Ausnahmegenehmigungen zur Einzeltierbehandlung für alle Tierarten auf den Einsatz eines nicht zugelassenen Medikaments erteilt“, zitiert die taz Bioland-Sprecher Gerald Wehde. Da die Anwendungsverbote auch einige andere Wirkstoffe und Arzneimittelgruppen betreffen, geht aus dem Artikel nicht hervor, wie viele der 35 Ausnahmen auf Fluorchinolone entfallen. Gerald Wehde begründet in der taz die Ausnahmen damit, dass „der Tierarzt keine Alternativbehandlung aus Sicht des Tierschutzes“ habe vornehmen können.

In der vergangenen Woche hatte die taz im Zusammenhang mit den Herrmannsdorfer Landwerkstätten berichtet, dass der Anbauverband Biokreis Fluorchinolone verboten, aber dennoch Ausnahmen genehmigt hatte. In diesem Zusammenhang zitierte die taz am Ende des Berichts den „Bioland-Chefberater für Schweineerzeuger“, mit den Worten, dass der Verband nur selten Ausnahmen zu lasse. Und wenn, dann „darf das Tier nicht mehr über die Bioland-Schiene vermarktet werden“. Im aktuellem Artikel heißt es nun von Bioland: „ Ein einmaliger Einsatz eines Medikaments aus unserer Verbotsliste führt nicht zu einer Zeichenaberkennung.“

Die taz hatte auch bei Demeter nachgefragt. Der Verband hatte mitgeteilt, dass Ausnahmen von Medikamentenverboten kein Thema seien. Allerdings gibt es in den Demeter-Richtlinien gar keine Medikamentenverbote. Auch in den Naturland-Richtlinien findet sich keine Liste mit Anwendungsbeschränkungen oder –verboten.

 

Kommentar: Warum sind 16 Tonnen Reserveantibiotika kein Skandal?

Angesichts des medialen Tamtams um eine handvoll Ausnahmegenehmigungen, die es nicht hätte geben dürfen, lohnt ein Blick auf die konventionelle Landwirtschaft. Vor der Grünen Woche berichtete Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer im Tagesspiegel, dass der Antibiotikaeinsatz zwar sinke, sich die Anwendung der als Reserve-Wirkstoffe für Menschen wichtigen Fluorchinolone dagegen um 50 Prozent zugenommen habe. Die Organisation Germanwatch wies auf den erhöhten Einsatz von Reserveantibiotika in konventionellen Milchviehställen hin. Selbst die amtliche Statistik für 2014 hat 16 Tonnen Reserveantibiotika in den Ställen gezählt.

Dennoch: Verbote mit Ausnahmegenehmigungen zu umgehen wie bei Bioland und Biokreis - das mag erklärbar sein. Aber es macht – einmal veröffentlicht –Vertrauen kaputt. Und das ist kostbar.

Leo Frühschütz


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Verbände


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Kommentar von Jost Maurin |

Die geringe Zahl der Ausnahmegenehmigungen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bioland einen systematisch Bruch seiner Richtlinien verteidigt und das noch nicht einmal problematisch findet.
Sonst könnte man ja sagen: OK, das war ein quantitativ unbedeutender Ausrutscher. Aber leider ist das nicht so. Das ist offizielle Politik von Bioland und damit ein grundsätzliches Problem. Diese Politik ist geeignet, ein Klima zu schaffen, in dem man es mit den Richtlinien nicht so ernst nehmen muss. Ich will mir gar nicht ausmalen, wozu das langfristig führen könnte.
Übrigens hat die taz in extenso auch über den offensichtlichen Missbrauch von Antibiotika in der konventionellen Tierhaltung berichtet.

Kommentar von Georg Plate |

Die kritisierten 35 Ausnahmegenehmigungen von Medikamenten zur Einzeltierbehandlung 2014 bei Bioland-Betrieben sollte man wirklich erst in Relation zu den sonstigen zulässigen Medikamenten sehen, deren Vielzahl ja hier gar nicht benannt ist.
Kritischer ist doch viel mehr, dass andere Verbände im Bio- und konventionellen Tierhalterbereich gar keine Beschränkungen gegenüber den staatlich zugelassenen Medikamenten eingeführt haben!
Und jede Richtlinie muss auf dem Weg der Umsetzung auch mit Ausnahmen umgehen können, die in der Regel den Lernprozess der Tierhalter begleiten. Wenn die Ausnahmen dann auch noch dokumentiert sind, ist der Lernprozess um so besser nachvollziehbar.

Kommentar von Astrid Poensgen-Heinrich |

Es ist doch sattsam bekannt, mit welcher Häme die Eigner, Erzeuger und Verbraucher konventioneller Waren reagieren, wenn in der Bio-Branche etwas schief läuft. Umso trauriger finde ich hier die Ausnahmeregelung für solch üble Medikamente wie Fluorchiniolone. Da gibt es eine große Anzahl von Menschen, die schwer krank wurden durch die Einnahme von Fluorchinolonen, die diese Medikamente nicht mehr nehmen, nachdem sie von den Schäden wissen, die nur noch "BIO" kaufen, um sicher zu gehen, nicht durch die Hintertüre doch wieder kontaminiert zu werden und dann dass???; und dass es gar keine Verbote bei Demeter und Naturland (wo noch??) gibt - zeigt das Blauäugikeit, ist es einfach nur ein Versäumnis oder Dummheit oder steckt mehr dahinter. "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?" Ich hoffe es sehr, werde am Thema bleiben.



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