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Wie kann Fairer Handel weitere Verbreitung finden?Interview mit Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

von Redaktion (Kommentare: 0)


Fair gehandelte Produkte sind vielfach auch Lebensmittel aus biologischem Anbau, die in Naturkostläden, Weltläden oder im LEH angeboten werden. Die bundesweite Informationskampagne "fair feels good." der VERBRAUCHER INITIATIVE e.V. setzt auf eine größere gesellschaftliche Akzeptanz von Fair Trade-Produkten. Die Kampagne wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert und in Kooperation mit TransFair e.V. und dem Weltladen-Dachverband e.V. umgesetzt. Ziel ist es, die Menschen über den Fairen Handel und seine Produkte aufzuklären, ein Bewusstsein für mehr Fairness beim Konsum zu schaffen und die Armut in der Welt zu bekämpfen.

Eine Diskussion um Werte, die derzeit nicht nur in der Naturkostbranche stattfindet, beschäftigt immer größere Kreise der Gesellschaft. Werte wie Freundschaft, Fairness, Religion und Familie finden zurück in unsere Gesellschaft. Damit rückt der Wunsch nach Vertrauen und Beständigkeit in den Vordergrund des persönlichen Denkens und Handelns. Diese Wünsche und Werte müssen den normativen Grundlagen des Wirtschaftens gegenübergestellt werden.
Frau Dr. Margot Käßmann (Bild), Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Mitglied im Rat der EKD und im Zentralausschuss der KEK (Konferenz Europäischer Kirchen) äußert sich in einem Interview zum Thema Wirtschaftsethik in Zusammenhang mit der Armut in der Welt.

Die Armutsbekämpfung ist eine internationale Gemeinschaftsaufgabe. Was haben wir bis heute erreicht?

Dr. Margot Käßmann:
Ganz deutlich ist, dass die Entwicklung äußerst ungleich verläuft. Entgegen dem durchaus positiven Trend sind beispielsweise in 54 Staaten die Durchschnittseinkommen und in 34 Staaten die Lebenserwartung in den vergangenen fünf Jahren gesunken, in 14 Staaten ist die Kindersterblichkeit im selben Zeitraum gestiegen. Während der Anteil der absolut Armen an der Bevölkerung in Ostasien seit 1981 stetig sinkt (von 57,7 % auf 14,9 % im Vergleich von 1981 und 2001), stieg er in Afrikas Ländern südlich der Sahara stetig von 41,6 % im Jahr 1981 auf 46,4 % 2001. Soll also das Millenniumsziel der Halbierung der Zahl der Armen in der Welt bis 2015 gelingen, muss dringend der Blick auf die Armen in den Ländern Afrikas gelenkt werden.

Fair gehandelte Produkte finden immer mehr Akzeptanz beim Verbraucher und sozial engagierten Institutionen. Wir können mehr erreichen, wenn sich Verantwortliche aus Wirtschaft und Gesellschaft noch stärker mit den Zielen des Fairen Handels identifizieren würden. Muss in dieser Zielgruppe noch mehr um Verständnis geworben werden?

Dr. Margot Käßmann:
In jedem Fall muss um mehr Verständnis, vor allen Dingen wohl um mehr Bewusstsein für die Existenz des Fairen Handels geworben werben. Ich denke, es fehlt oft an pfiffiger Werbung. Die "Aktion Mensch" hat ja mit ihrer Fernsehwerbung erreicht, dass Downsyndrom-Kinder in der Akzeptanz in der Bevölkerung wesentlich besser dastehen als vor wenigen Jahren. Zudem scheinen mir noch immer zu wenig Auswahlmöglichkeit vorhanden. Menschen sollten vor einem Regal mit Bananen oder Kaffee stehen und wählen können: fair gehandelt oder eben nicht. Bereitschaft, zum anderen Produkt zu greifen, gibt es durchaus.

Globalisierung bedeutet für einige Unternehmen in Billig-Lohn-Ländern produzieren zu lassen, um in Deutschland wettbewerbsfähig zu sein. Kann die Ethik des Fairen Handels ein Vorbild sein, dass es auch anders geht?

Dr. Margot Käßmann:
Ja! Nehmen wir als Beispiel die viel gescholtenen deutschen Zuckerrübenbauern, von denen viele an der Existenzgrenze stehen. Hier müssten weltweit dieselben sozialen Standards und dieselben ökologischen Standards gelten. Erst dann wäre der Preis wirklich vergleichbar. Insofern kann die Ethik des Fairen Handels auch deutsche Produkte wieder wettbewerbsfähiger machen.

Sollten sich die Kirche und ihre zahlreichen Institutionen noch stärker für den Fairen Handel hier in Deutschland engagieren?

Dr. Margot Käßmann:
In jedem Fall! Bei uns gibt es gerade neue intensive Überlegungen, wie in allen Institutionen fair gehandelter Kaffee angeboten werden kann. Wir wissen doch alle: erst wenn die Zahl derer steigt, die fair gehandelte Produkte kaufen, gibt es auch einen Einfluss auf den Markt.

Muss die Politik noch bessere Rahmenbedingungen schaffen, um die Kirche in ihrem Engagement für den Fairen Handel zu unterstützen?

Dr. Margot Käßmann:
Meines Erachtens hat die Politik die Ernsthaftigkeit des Engagements für den Fairen Handel noch nicht wirklich erkannt. Das wird eher als eine kleine gemütliche Nische angesehen, etwas belächelt im Sinne von "Weltverbesserer". Wenn es aber nur noch "Weltverschlechterer" gäbe? Ich hoffe, dass im Zusammenhang mit der Diskussion der Millenniumsziele die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens auch politisch neu auf die Tagesordnung kommt.

Jeder Bürger kann mit seinem Einkaufszettel Politik machen und sich so für fair gehandelte Produkte entscheiden. Inwieweit hilft dabei die Informationskampagne "fair feels good."?

Dr. Margot Käßmann:
Die Informationskampagne "fair feels good." ist ein guter erster Ansatz. Das müsste pfiffig ausgebaut werden mit einem Schuss Leichtigkeit und Humor und nicht mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger. Ein eingängig erkennbarer Song dazu, der das Engagement für fairen Handel aus der Ecke der "Biofreaks" und mitten hinein in die Alltagsexistenz in unserem Land holt. Es muss ein positives Gefühl produzieren, mitzumachen, dabei zu sein, zu denen zu gehören, die sich engagieren für fairen Handel. Oder wie die Bibel sagt: "Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!" (04.08.05)

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