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Tegut brüskiert Bio-Kunden

von Redaktion (Kommentare: 0)


"Ich finde es lästig und unpraktisch, dass ich bei Obst und Gemüse nicht mehr das gesamte Bio-Sortiment an einem Platz finde," so die Tegut-Stammkundin Christel Hainer. "Weil die Anordnung sehr viel unübersichtlicher geworden ist, dauert es viel länger, bis ich meine Einkäufe bei Tegut getätigt habe," ärgert sich Gerhard Herchenröder über die Auflösung der Blockplatzierung. "Man muss länger suchen und greift schon mal daneben," ist nicht nur seine Erfahrung. Beim Auspacken zu Hause sieht man dann, dass einige der vermeintlichen Bio-Produkte doch aus konventioneller Erzeugung stammen. Einige der Kunden überlegen bereits, ob Tegut zukünftig weiterhin ihre bevorzugte Einkaufsstätte sein wird, oder nicht doch der Fachhandel, der ein klareres Angebot, weil eindeutig bio, bereit hält.
(Foto: bisherige Blockplatzierung)

Der mittelständische Filialist Tegut ist in Deutschland führend, was die Vermarktung von Bio-Produkten angeht. Zwölf Prozent des Lebensmittelumsatzes erzielt das Unternehmen mit Sitz im osthessischen Fulda mit Bio-Produkten. Europaweit spielt man damit in der gleichen Klasse wie die Coop Schweiz, die ein ähnliches Engagement an den Tag legt. (Foto: großes Angebot an grüner Bio-Frische) Die Anzahl der geführten Bio-Artikel hat sich von Jahr zu Jahr erhöht und liegt inzwischen bei 1800 in vielen der einhundert größeren Märkte. Daneben gibt es noch 200 kleinere Märkte, die nur ein Bio-Teilsortiment führen. Nach der Wende expandierte Tegut vor allem Richtung Thüringen und Nordbayern, seit einigen Jahren hat man vor allem das Rhein-Main-Gebiet mit seiner einkommensstarken Bevölkerung ins Visier genommen. (Foto: Verkostung von Bio-Produkten überzeugt Kunden)
Mit über 1000 Bio-Artikeln befindet man sich europaweit mit Lebensmittelfilialisten wie Sainsburys, Waitrose und Coop Schweden in einer Kategorie.

Während in den kleineren Märkten, nach Angaben von Thomas Gutberlet, schon immer das Bio-Produkt zu dem jeweiligen konventionellen Produkt platziert wurde, waren die großen Märkte von einer anderen Philosophie geprägt: das Trockensortiment von Alnatura, Fleisch und Wurstwaren sowie der Obst- und Gemüsebereich wurden blockplatziert, also alle Bio-Produkte in diesem Sortimentsbereich zusammen in ein Regal gestellt. Grund war die deutlich bessere Übersichtlichkeit für den Kunden sowie die größere Signalwirkung, die von einem Bio-Regal ausging. Bei einigen Versuchsmärkten fing Tegut im September an und löste die Blockplatzierung auf. Inzwischen wurden die Blockplatzierungen auch in den anderen Märkten aufgelöst. (Foto: Bio-Tomaten lassen den Unterschied schmecken)

Viele Bio-Kunden beklagen die Verwirrung sowie den erheblichen Mehraufwand, den die Suche nach Bio-Produkten bedeutet. Unter 150 Obst- und Gemüsekisten müssen nun die ca. 30 Bio-Kisten gesucht werden. Und die Zuordnung des Warenschildes unten oder oben am Regal ist nicht ausreichend. Um sicher zu gehen, wirklich ein Bio-Produkt zu kaufen, muss der Kunde jedes Produkt in die Hand nehmen und sich davon überzeugen, ob es einen Sticker, eine Bandarole oder eine anderweitige Verpackung mit Bio-Label trägt. Anderthalb Jahrzehnte konnten sich ökologisch konsumierende Verbraucher bei Tegut darauf verlassen, in bestimmten Regalen ausschließlich Bio-Ware zu finden. Diese treuen Bio-Kunden, oft in ländlichen Regionen Osthessens, wo es kaum Naturkostfachgeschäfte gibt, werden nun vor den Kopf gestoßen.

Was für den überzeugten Bio-Kunden eindeutig von Nachteil ist, erweist sich für Mischkäufer als Vorteil. Sie können auf einfache Weise die Preise und äußeren Qualitäten miteinander vergleichen und situativ entscheiden. "Wir wollen Bio jedem Kunden anbieten und immer die freie Wahlmöglichkeit zwischen allen Qualitäten und Preisstellungen geben, von Discount bis Bio," erklärt Juniorchef Thomas Gutberlet die neue Strategie. Neue Kunden sollten verstärkt an Bio herangeführt werden. Eine Doppelplatzierung "einmal im Block und einmal bei dem jeweiligen konventionellen Produkt" sei aus Platzgründen nicht realisierbar. So bliebe nur noch das Alnatura-Trockensortiment blockplatziert. (Foto: Tegut-Markt in Kassel)

Der Erfolg scheint Tegut auf den ersten Blick recht zu geben. Um durchschnittlich 20 % sei der Umsatz bei Bio-Obst und -Gemüse gestiegen, in einzelnen Märkten sogar bis zu 50 %. In etlichen der Supermärkte von Tegut liegt er bereits bei 20 % des Gesamtumsatzes der grünen Frische. Ob sich jedoch die Kunden, beeinflusst durch die neue Platzierung, bewusst für Bio-Erzeugnisse entschieden haben oder es sich nur um unbewusste Käufe handelt, wurde bislang nicht untersucht. Durchaus möglich, dass die Fehlkäufe, die Bio-Kunden in den vergangenen Wochen in ihrem Einkaufskorb beobachten konnten, auch den Kunden passierten, die eigentlich die billigere konventionelle Ware wollten, aber durch unklare Zuordnung der Preisauszeichnung das Falsche erwischt haben.
Oder anders: wenn von 100 gegriffenen Produkten im Bereich Obst und Gemüse nur 4 % Fehlgriffe von Bio-Ware sind, dann erreicht man schon eine 20 %-Erhöhung des derzeitigen Bio-Anteils von rund 20 % auf 24 % der gesamten O+G-Abteilung. Ob damit jedoch auch die Kundenzufriedenheit erhöht wird, darf bezweifelt werden.
3.12.2004

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