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Milchbauern nach Demo gedemütigt

von Redaktion (Kommentare: 0)


Polizei und Molkerei-Chef demütigen Milchbauern nach einer Demonstration vor der Molkerei Elsterwerda. Bericht eines Bauern.

Für manch einen Bauer, der dabei war, war es der erschütternste Tag in seinem beruflichen Leben als Landwirt. Was war passiert?

Bauern klagen seit Langen über nicht mehr kostendeckende Milchauszahlungspreise, die zurzeit bei 26 Cent liegen. Bei diesem Niveau soll es nicht bleiben - die Agrarpolitik in Brüssel will noch weiter runter, auf 22 Cent den Liter.

Das haben zwei Molkereien in Deutschland als chic empfunden: Köln und Elsterwerda (beide gehören zu Campina, Anm. d. Red.). "Da machen wir mit" - 23,50 Cent Auszahlungspreis für die angelieferte Milch im Monat März; "Mal sehen, wie die Milchbauern darauf reagieren". Und sie haben reagiert und zwar sofort.

Sie sind aus ganz Deutschland gekommen, haben am 2. Mai in Köln und am 3. Mai in Elsterwerda vor der Molkerei friedlich aber konsequent auf die ruinöse und existenzbedrohende Situation aufmerksam gemacht. Es wurde diszipliniert um ein Gespräch mit den verantwortlichen Molkereichefs gebeten, um sie für unsere sehr bedrohliche Situation zu sensibilisieren und um gemeinsame Lösungsansätze zur Verbesserung der Situation zu finden.

Die Demonstration am 3. Mai in Elsterwerda war angemeldet und zeitlich begrenzt genehmigt. Nach Ablauf der vorgegebenen Zeit wurden wir als Bauern aufgefordert, das Eingangstor der Molkerei nicht länger zu besetzen, um die weiter Produktion im Werk nicht zu gefährden - Frischmilch rein, Milchprodukte raus.

Wir waren diszipliniert und verließen nach wiederholter Aufforderung durch die Polizei den Demonstrationsplatz.
Beim Abmarschieren griffen uns Polizeibeamte mit Gummiknüppeln und scharf munitioniert an.
Sie griffen rücklings beim Fortgehen zwei Bauern heraus, rissen sie zu Boden, knebelten sie auf bestialische Weise, so dass daneben stehende Bäuerinnen Wein- und Schreikrämpfe bekamen. Einer der Festgenommenen, ein junger Bauer, wurde, nachdem er gesichtsseitig ca. fünf Minuten auf den Straßenboden brutal von der Polizei gepresst worden war und sein entsetzlichen Hilferufe verstummten, abgeführt.
Für mich ist am 3. Mai eine Welt der demokratischen Ordnung zusammengebrochen. Bauern wollten auf ihre Not aufmerksam machen, wollten mit Molkereien reden, die die ohnehin schlechten Milchauszahlungspreis noch weiter runter fahren. Wir wollten miteinander reden, reden über diesen Weg, wie wir diesem Trend Einhalt gebieten. - Da kommt die Staatsgewalt in Form der Polizei und tritt den Bauern, von denen sie jeden Tag ernährt werden, mit Gummiknüppeln entgegen, und zwar viel mutiger als gegen Hooligans, denn sie wussten: Die Bauern sind brav, hier können wir uns mal so richtig austoben. Und das haben sie denn auch, für uns in demütigender Art und Weise getan.

Ich habe als mecklenburgischer Bauer ein dickes Fell; muss man auch haben - zum Überleben. Aber am 3. Mai war ich den Tränen nahe. Wir Milchbauern produzieren Tag für Tag das edelste aller landwirtschaftlichen Produkte, unser weißes Gold - die Milch. Der ruinöse Preisverfall bei der Milch ist für uns der hautnahe Beweis für den Verfall moralischer Werte in unserer Gesellschaft. Denn der Preis für unser hochwertiges Produkt ist unmoralisch.

Als wir erschüttert die Stätte der Staatsgewalt verließen, setzte Herr Buchholz, Zweitchef der Campina-Molkerei von Elsterwerda, dem dramatischen Geschehen noch die Krone auf: Nachdem er sich den Demonstranten in einem ergebnislosen Gespräch gestellt hatte, beobachtete er aus dem Fenster seines Büros im dritten Stock das weitere Geschehen. Als wir zurück zu unseren Autos gingen, erhob er seine Hand wie Benedikt XVI., allerdings - er zeigte uns den Mittelfinger!

Mein geliebtes Deutschland, wo bist du hingeraten?! Du trittst die, die das Brot des Volkes schaffen, mit Füßen, wie zu Thomas Müntzers Zeiten. So kann es nicht weitergehen. Ich bin zutiefst enttäuscht von meinem Vaterland.

(Der Artikel erschien in der "Unabhängigen Bauernstimme", Ausg. Juni 2005. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags/Ulrich Jasper)
(22.06.05)

(Bild: Die Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft Tagwerk vermarktet ihre eigene Milch zu fairen Preisen)

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