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Den Öko-Züchtern auf die Finger geschaut

von Redaktion (Kommentare: 0)


Ein bunt gemischtes Publikum aus Verbrauchern, Vertretern der Bio-Anbauverbände, Gärtnern und Landwirten sowie Studenten der Universität Kassel war im Anthroposophischen Zentrum in Kassel zusammengekommen. Auch Repräsentanten der traditionellen Saatgutfirmen Chrestensen, Hild und KWS (Klein-Wanzlebener Saatzucht) nahmen teil. Der Schwerpunkt der Tagung lag in diesem Jahr auf den Ansätzen und Intentionen der biologisch-dynamischen Züchterinnen und Züchter.

Rund 120 Menschen haben an der fünften Saatgut-Tagung der Zukunftsstiftung Landwirtschaft in Kassel teilgenommen. Das Interesse des breit gefächerten Publikums belegte, dass ökologische Gemüse- und Getreidezüchtung - über ein kleines Fachpublikum hinaus - zum Thema geworden ist. Immer deutlicher wird: Die verantwortungsvolle Entwicklung unserer Kulturpflanzen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die letztendlich jeden betrifft und nicht allein von Saatgutfirmen bestimmt werden darf. Die Veranstaltung bot ein Forum, die Ansätze verschiedener Initiativen kennen zu lernen und Anregungen einzubringen.

In fünf Arbeitsgruppen wurde unter dem Motto "Dem Züchter auf die Finger geschaut", über Züchtungsziele für den Öko-Landbau diskutiert, über innovative Wege bei Züchtungsmethoden sowie über die unterschiedliche Herangehensweise, im Vergleich zur konventionellen Züchtung. Im Eröffnungsvortrag betonte Dr. Karl-Josef Müller (siehe Bild), von der Getreideforschungsstelle Darzau, dass Innovation in der Züchtung nicht allein von der neuen Idee, der Erkenntnis der Züchterpersönlichkeit abhänge, sondern ebenso stark vom sozialen Umfeld, das dieser Vision, Interesse und Verständnis entgegenbringen müsse. Das Publikum bezog er direkt in diesen Prozess ein und forderte alle Teilnehmer auf, in den Arbeitsgruppen zusammen mit den Züchtern auf die Suche nach dem Neuen für Ansätze und Ziele zu gehen und Anregungen zu geben: "Werden Sie zu Mitwirkenden in der Züchtung".

Dieses Motiv griff Nikolai Fuchs, Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach/Schweiz auf. Er formulierte in seiner Schlussrede die Notwendigkeit Züchtung als gesellschaftliches Thema weiter zu etablieren. Dazu gebe es mehrere Voraussetzungen, die gleichzeitig Herausforderungen seinen. Zum einen sei es von Seiten der Züchter wichtig, Einblicke in ihre Arbeit zu gewähren, um Verständnis zu wecken, zum anderen mit dem Handel zu kooperieren, um den Absatz der Züchtungsergebnisse zu sichern und ein Feedback über die Vermarktbarkeit zu bekommen. Den Verbrauchern käme die Rolle zu, mit ihren Wünschen und der Beurteilung eine Richtung vorzugeben und durch finanzielle Beteiligung die Entwicklung neuer Sorten zu unterstützen. Darüber hinaus legte Fuchs realistisch dar, dass sich Öko-Züchtung auch langfristig nicht selbst tragen kann. "Die Lizenzeinnahmen für Getreide beispielsweise reichen bei der vorhandenen Öko-Anbaufläche gerade einmal für vier Sorten aus, um die Kosten für die Sortenentwicklung zu decken. Vorausgesetzt, dass von jeder Sorte 20.000 Hektar angebaut werden", rechnete er vor. Deshalb sei die Züchtung weiterhin auf Gelder von Außen angewiesen. Cornelia Wiethaler, Projektbüro Agravivendi aus Überlingen, forderte in diesem Zusammenhang eine stärkere Beteiligung von Staat und Wirtschaft in diesem Bereich.

Spannend waren die Forschungsergebnisse, über die Züchterin Ute Kirchgaesser (Bild) aus Bingenheim berichtete. Ihre Klangversuche, bei denen sie Samen und Pflanzen einer Saatgut-Partie Tönen unterschiedlicher Intervalle aussetzt, zeigten bemerkenswerte Veränderungen im Wachstum der Vergleichslinien. Im Nachbau, der ohne Beschallung stattfand, hatten sich die veränderten Merkmale erhalten. Kirchgaesser will in diese Richtung weiterforschen. Es ging ihr in dieser Versuchsanordnung in erster Linie darum, zu zeigen, dass die Einflussmöglichkeiten des Menschen auf die Kulturpflanzen weit vielfältiger sind, als die Züchtung bisher ausschöpft. "Hier arbeiten wir nicht mehr im stofflichen Bereich, sondern stoßen in den Bereich der Lebenskräfte vor", fasste Züchter Thomas Heinze aus Eichstetten am Kaiserstuhl zusammen.

Premiere hatte eine umfangreiche Ausstellung über die biologisch-dynamischen Züchtungsziele Qualität und Geschmack (siehe Bild). Die 23 großformatigen Tafeln zeigen Ergebnisse, Fotos und Zeichnungen, die auf Arbeiten von Züchter Dietrich Bauer, Dottenfelderhof, und Qualitätsforscher Dorian Schmidt, Hauteroda basieren sowie Dorothea Dorn, Untersuchungsstelle für Bildschaffende Methoden von Kultursaat e.V., Bingenheim. Die Untersuchungen an Kohl und Möhren fanden im Zusammenhang mit einem Forschungsprojekt mit der Bundesanstalt für Züchtungsforschung (BAZ) statt und wurden vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau gefördert. Die Ausstellung wird als nächstes auf der Internationalen Landwirtschaftlichen Tagung in Dornach zu sehen sein.

Organisator der Kasseler Saatgut-Veranstaltung ist die seit rund fünf Jahren arbeitende Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Sie ist eine unselbständige Stiftung der Gemeinnützigen Treuhandstelle e.V. mit Sitz in Bochum und wurde als Gemeinschaftsstiftung von 20 Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen gegründet. Ziel ist die Förderung innovativer Projekte in Züchtung, Forschung, Bildung und Praxis des biologischen Landbaus. Außerdem setzt sie sich engagiert für eine gentechnikfreie Landwirtschaft ein. Im Jahr 2003 betrug das Gesamtvolumen der Projektförderung 1,7 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte davon floss in die Saatgutzüchtung und -Forschung. (19.01.05)

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