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Besserer Geschmack durch Öko-Züchtung?

von Redaktion (Kommentare: 0)


Sie beißen herzhaft in eine knackige Möhre oder Sie zerteilen genüsslich eine Tomate, um sie aufs Brot zu legen. Aber beim Kauen merken Sie, dass der Geschmack fade und wässrig ist. Diese Beschreibung trifft bisweilen nicht nur auf Lebensmittel aus konventionellem Anbau, sondern zunehmend auch auf Bio-Produkte zu. Dabei wird für Bio-Produkte häufig mit dem besseren Geschmack geworben. Kein Wunder, wenn sich Neukunden enttäuscht abwenden und langjährige Bio-Konsumenten verärgert sind. Damit zukünftig Bio-Produkte besser schmecken, veranstaltete die Zukunftsstiftung Landwirtschaft eine Tagung zu dem Thema "Wie kommt die Öko-Züchtung auf den Teller?". Ziel ist es, längerfristig im Ökolandbau eine eigenständige Züchtung von Obst-, Gemüse- und Getreidesorten zu realisieren, die nicht an den gängigen Kriterien von Massenertrag und äußerer Perfektion orientiert sind. Innere Werte wie ein hoher Gehalt an Vitaminen und Mineralien sowie ein ausgezeichneter Geschmack wären Ziele, für die sich der kostenaufwändige Aufbau eigener Züchtungslinien lohnen würde.

Die von rund 100 Teilnehmern (Bild) besuchte Saatgut-Tagung in Kassel-Wilhelmshöhe Mitte Januar begann mit einem einführenden Vortrag des Unternehmensberaters Udo Herrmannstorfer. Er setzte sich ausführlich mit den Zielen und der Durchführung der bisherigen Züchtung auseinander um darzustellen, weshalb es nun, wo Gentechnik und andere unerwünschte Züchtungsmethoden Einzug halten, an der Zeit sei, eine eigenständige Forschung zu entwickeln. Das Hauptproblem dabei ist weder das erforderliche Wissen noch die Züchtungsziele, sondern in erster Linie die Finanzierung. Während bislang die Züchtungsforschung überwiegend staatlich finanziert wurde, müssen beim Aufbau eigenständiger Systeme diese selbst bezahlt werden. Herrmannstorfer: "Entweder der Staat fördert auch ökologische Züchtungsforschung, oder wir müssen die Frage stellen, ob sich diese Aufgabe auch anders finanzieren lässt?" Eine Möglichkeit sei das Erheben eines Mehrpreises beim Endprodukt entweder bei den neuen Sorten oder auf alle Produkte, die auf diesen neuen Sorten basieren. Hier sei eine "Vereinbarung in der Vermarktungskette" gefragt, so der anthroposophische Wirtschaftsfachmann.

Interessante erste Beispiele für eine geschmacksorientierte Vermarktung von Gemüse und Getreide folgten der mehr grundsätzlichen Einführungsrede. Christian Hiß, direktvermarktender Gemüsebauer im Kaiserstuhl bei Freiburg, berichtete von seinen Erfolgen. "Neukunden gab es in den letzten zwei Jahren vor allem über den Geschmack, wenn ich beispielsweise die Tomatensorte ‚Berner Rose anbiete", so die Erfahrung des Demeter-Gärtners. Fünf verschiedene spezielle Sorten bietet Hiß bei Möhren, Sellerie, Feldsalat, Tomaten und Kohl an. Zwar ist das bislang erst ein Zehntel seines Angebots, das er auf 10 ha anbaut, aber er ist überzeugt, dass hier die Zukunft liegt.

Auch Julian Jakobs (Bild), Demeter-Gärtner bei München, berichtet von seinen Erfahrungen mit Möhren der Sorte Rodelika, Hilmar und Oxheart. "In drei Wochen hatten wir fünf Tonnen Hilmar-Möhren über den Naturkosthandel abgesetzt." Unterstützt wurde Jakobs dabei von dem Regionalgroßhändler Ökoring. Verkostungen und verteilte Informationsblätter weckten das Interesse der Kunden. Robert Dax, Geschäftsführer von Ökoring, setzt vor allem auf Frische und auf Qualitätsmarketing. Zwei Drittel des Großhandelsumsatzes werden mit Frischprodukten erzielt. Nachdem 2002 die Möhre Hilmar in kürzester Zeit abgesetzt worden war, verdoppelte man die Menge für 2003. Trotz eines Preisaufschlages von 20-30 Cent für den Verbraucher, was einem Mehrpreis von 10 - 15 Cent für den Landwirt entsprach, war auch diese Menge in kürzester Zeit verkauft. Zwei Informationsveranstaltungen auf dem von Julian Jakobs gepachteten Demeter-Betrieb ‚Obergrashof zeigte Ladnern und Verbrauchern, wie und wo die Möhren angebaut wurden. "Die Sortenfrage war für viele der Ladner ein ganz neuer Aspekt" so der erfahrene Gärtner.

Gabi Schneider, Vorstand BNN und selber Inhaberin eines Naturkostladens bei Freiburg, zeigte sich überzeugt, dass eine geschmacksorientierte Vermarktung erfolgversprechend sei: "Unsere Kunden fragen immer mehr danach, was gut schmeckt. Deshalb möchte ich selber besser darüber informiert werden, welche Sorten ich eigentlich verkaufe", meldet sie ihren Bedarf nach ausreichendem Informationsmaterial an.

Bei einem anderen Vermarktungsprojekt ist die Vermarktungvon Brot aus speziellem Getreide, das in der Bodenseeregion gezüchtet und erzeugt wurde, mit einem Aufpreis von 10 Cent geplant. Die Züchtung findet am Keyserlink-Institut in Salem in Zusammenarbeit mit umliegenden Biobetrieben statt. Ein anderes Finanzierungsbeispiel für biologische Züchtung ist die Sativa Genossenschaft mit 700 Mitgliedern in der Schweiz. Hier sponsert die Supermarktkette Coop die Aktivitäten von Peter Kunz mit einem festen Betrag - ein entsprechender Vertrag konnte Ende 2003 abgeschlossen werden. "Es gibt immer weniger gute konventionelle Sorten, die wir nützen können, die Eignung der Sorten für den Ökolandbau nimmt ab", beschrieb Kunz die derzeitige Problematik, die selbständiges Agieren der Bio-Branche immer dringlicher mache.

Auf die Begriffe kommt es an

Bislang versuchten die Gärtner und Züchter von Bio-Sorten den Verbrauchern und potentiellen Unterstützern die Unterschiede beim Einsatz von Saatgut mit gärtnerischen Begriffen klarzumachen. Man kann sich jedoch vorstellen, dass viele Städter wenig von "F1-Hybriden" und "samenfesten Sorten" verstehen, und dies an ihrem Vorstellungsvermögen leicht vorbeigeht. Auch der Begriff der "alten Sorten" hilft nur bedingt weiter, da bei ihnen der züchterische Fortschritt bereits vor Jahrzehnten stehen geblieben ist, wie der langjährige Züchter Dieter Bauer vom Dottenfelder Hof bei Frankfurt anmerkt. Auch eine negative Definition über die Ablehnung der Gentechnik setzt nicht unbedingt die Kräfte frei, die für die Entwicklung einer neuen, speziell am biologischen Landbau orientierten Züchtung erforderlich sind.

Vielversprechender scheint zu sein, den Nutzen für Verbraucher, die letztlich auch eine entsprechende Forschung über das Produkt oder über Spenden bezahlen müssen, zu definieren. Ein ausgezeichneter Geschmack und ein wissenschaftlich nachweisbar höherer Zuckerwert in Möhren oder ein ausgeglichenes Süße-Säure-Verhältnis bei Tomaten wären beispielsweise neue Zielsetzungen. Robustheit und unempfindliche Kulturen, die einen zufriedenstellenden Ertrag aufweisen, sind weitere Züchtungsziele, die vor allem für den Gärtner von Bedeutung sind.

Hier muss also versucht werden, von den Erzeugern über den Handel bis hin zum Verbraucher alle in ein Boot zu bekommen. Mit entsprechenden Kommunikationsmaßnahmen kann der Mehrwert deutlich hervorgehoben werden. Denjenigen Verbrauchern, denen an einem hohen Genusswert beispielsweise von roh verzehrten Gemüsearten liegt, kann auf diese Weise ein entsprechendes Qualitätsprodukt angeboten werden. Sicher, der Geschmack hängt nicht nur von der Sorte ab, sondern auch vom Standort, der Sonnenscheindauer und anderen klimatischen Faktoren. Aber eine größere Beachtung der inneren Qualität, die durch eine ökologische Züchtung veranlagt wird, scheint in der derzeitigen Diskussion, die sich beinahe nur noch um Preise und Mengen dreht, dringend erforderlich.
(2.2.2004)

Infos zu Saatgutfragen:
http://www.zs-l.de

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