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Das Märchen von der Nachhaltigkeit

von Redaktion (Kommentare: 0)


Symbolbild Bananen © pixabay GabiSanda

Beim Bestreben, nachhaltigster Discounter zu werden, ist Lidl auf seinen Bananen ausgerutscht. Rainforest Alliance-Früchte sollen als Preiseinstiegsware das Bio- und Fairtrade-Angebot ergänzen. Anlass für Biomarkt-Betreiber Georg Rieck von einem Nachhaltigkeitsmärchen zu sprechen.

Lidl Deutschland weitet zwar sein Angebot an Bananen mit Fairtrade-Zertifizierung aus und will ab Sommer 2019 in allen rund 3.200 Filialen Bio- sowie konventionelle Bananen aus fairem Handel anbieten. Somit ist die konventionelle Banane mit Fairtrade-Zertifizierung für Kunden in ganz Deutschland erhältlich – bisher war sie laut Lidl in 40 Prozent der Filialen verfügbar.

Drei Alternativen zur Auswahl

Gleichzeitig jedoch ergänzt das Unternehmen das Bananensortiment bundesweit mit konventionellen Rainforest Alliance-zertifizierten Bananen zum Einstiegspreis. „Damit entspricht Lidl dem Kundenwunsch nach Bananen im Preiseinstiegssegment und der derzeitigen Marktlage“, heißt es in einer Mitteilung. Durch die drei Alternativen lässt das Unternehmen den Kunden in der wichtigen Produktgruppe Banane die Wahl, gemäß ihrer Wünsche und Lebensgewohnheiten einzukaufen. Ab Sommer 2019 bietet Lidl dann drei verschiedene Bananen-Varianten an, zwei davon sind Fairtrade-zertifiziert. Zu den Rainforest Alliance-zertifizierten Früchten bei Lidl hatte sich Oxfam bereits 2016 kritisch geäußert. Inzwischen hat der Zertifizierer einige Missstände abgestellt.

90 Prozent Umsatz mit Billigbananen

„Es ist uns nicht gelungen, den Kunden von unserem Engagement zu überzeugen. Daher lassen wir unseren Kunden die Wahl und bieten zukünftig drei Bananenvarianten an”, erläutert Jan Bock, Geschäftsleiter Einkauf bei Lidl Deutschland. „Wir werden unsere Kunden auch in Zukunft unter anderem am Point-of-Sale über den Mehrwert von Fairtrade-zertifizierten Produkten aufklären, wir stehen zu Fairtrade.” Wie die FAZ berichtet, werden rund 90 Prozent des Umsatzes noch immer über die konventionelle Frucht erwirtschaftet.

 

"Fair haben sie erledigt"

Für Georg Rieck, Betreiber des Klatschmohn-Biomarktes in Gießen, ist diese Entwicklung Anlass, über „Das Märchen vom nachhaltigsten Discounter Deutschlands“ zu schreiben:

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da fasste der Billiganbieter Lidl den Entschluss, der nachhaltigste Discounter Deutschlands zu werden. Nicht nur die Edel-Bio-Marke „Bioland“ sollte in den Regalen der Lidl Filialen einen festen Platz erhalten, sondern auch nur noch Bananen von Farmen, die ihre Arbeiter gerecht entlohnen und für deren Wohlbefinden sorgen…. Jetzt, drei Monate später, beendete Klaus Gehrig, Chef der Schwarz Gruppe, das Fair-Bananenexperiment des Hauses: „Der Kunde will eine billige Banane.“

Lidl hatte letzten Herbst mit vollen Backen angekündigt, voll auf Fairtrade-Bananen umzustellen. Auf der Grünen Woche in Berlin legten sie dann einen großen Werbeauftritt hin. Deutschland-Chef Matthias Oppitz forderte von der Konkurrenz mitzuziehen. Der gesamte Einzelhandel solle dafür sorgen, dass Hungerlöhne und Kinderarbeit bei der Produktion der beliebten Südfrüchte der Vergangenheit angehören.

Tatsächlich ist die Scheinheiligkeit des „nachhaltigsten Discounter“ kaum zu überbieten, denn kurz darauf hat er im Preiskrieg mit Aldi den Verkaufspreis für fairtrade-zertifizierte Bananen zeitweise auf 1,09 Euro das Kilo herabgesetzt – noch im Vorjahr der marktübliche Preis für konventionelle Bananen. Und Lidl treibt den Preis weiter nach unten: 1,09 Euro - 0,99 Euro, 0,88 Euro … „Der Kunde will eine billige Banane“.

Bio- und Fairtrade-Ware machen einen Bruchteil des Marktes aus – Bananen sind trotz aller guten Worte zur Nachhaltigkeit oft Gegenstand von Preiskämpfen des deutschen LEH. Dadurch fallen die Importpreise, allein 2018 minus vier Prozent. In Deutschland ist ein Kilo Bananen billiger als heimische Äpfel. Seit Jahren sinkt der durchschnittliche Verbraucherpreis kontinuierlich. Im Mai 2018 lag er fast wieder auf dem Niveau von 2010. Das Discount-Prinzip ist das Gegenteil von Fair, Bio und Nachhaltig. Wenn sie sich tatsächlich wandeln würden, wären sie keine Discounter mehr … „Der Kunde will eine billige Banane“.

Im Rahmen des Lidl-Experiments wurden in Kolumbien inzwischen 3.000 Hektar in zwei Dutzend Farmen umgestellt. Jetzt trifft der Stopp Klaus Gehrigs die Produzenten in Kolumbien wie ein Schlag ins Gesicht. Die Umstellung auf faire Produktion plus Zertifizierung hatte sie nicht nur Kraft, sondern auch Geld gekostet … „Der Kunde will eine billige Banane“.

Jan Bock, der Lidl-Einkaufsleiter, bestätigte vor kurzem, dass er den Preiskrieg auch in den Qualitätsnischen FAIR und BIO führen wird. Sieh an: Der Kunde ist ja gar nicht der Täter … der Einzelhandel sorgt für Hungerlöhne und Kinderarbeit in den Produktionsländern. „Fair“ haben sie jetzt erledigt. Dann wird über kurz oder lang auch BIO dran sein.

Es waren einmal Bioland-Bauern in Deutschland mit ihrem Chef Jan Plagge, die glaubten dem Discounter seine scheinheiligen Worte… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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