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Ablasshandel im Bioladen – kann man sich CO2-frei-kaufen?

von Redaktion (Kommentare: 0)


Aus der Überzeugung heraus sich Gottes Gnade durch eigene Anstrengung verdienen zu müssen, nagelte Martin Luther im Jahr 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. „Deshalb irren jene Ablassprediger, die sagen, dass durch die Ablässe des Papstes der Mensch von jeder Strafe frei und los werde.“ (Martin Luther, These 22)


Knapp 500 Jahre später, mitten hinein in eine Zeit, in der viele Menschen über die Zukunft unserer Erde im Allgemeinen und Klimaschutz im Speziellen nachdenken und richtig zu handeln beginnen, bekommt der Luther an sich wieder Grund zu protestieren.

 

Von München nach Palma de Mallorca ab € 19,99. Mal schnell für ein Wochenende abchillen macht pro Person, hin und zurück 680 kg zusätzliche CO2-Belastung für unseren Planeten. Was bedeutet das in Relation gesetzt? Die jährliche Belastung durch einen Kühlschrank liegt bei 100 kg, durch 12.000 km Fahrt im PKW bei 2.000 kg. Alles leicht berechenbar im Internet bei www.atmosfair.de. Nun scheint die ökologisch so verteufelte Fliegerei selbst für Vorzeigeökos gar nicht mehr so dramatisch umweltrelevant, wenn man z.B. das ganze Jahr schon auf ein Auto verzichtet. Verzicht aufs Auto, dafür einmal im Jahr nach Mallorca, sind immer noch 1320 kg CO2 gespart. Jawohl gespart! Vergleichsweise. Noch dazu lässt sich der Flug ganz und gar „CO2 neutral“ gestalten, indem man bei Atmosfair zum Flug ein Zertifikat erwirbt. Für € 17,- lassen sich die 680 kg CO2 ausgleichen, indem Atmosfair das Geld in Klimaschutzprojekte in der Dritten Welt fließen lässt und dort entsprechend viel CO2 eingespart wird.

 

Das erscheint auf den ersten Blick nicht nur logisch, sondern auch äußerst zielführend. Denn letztlich ist es unserem Planeten ja egal, wo die Schadstoffe in die Luft geblasen bzw. eingespart werden. Die gemeinnützige GmbH Atmosfair ist sicher eine Bereicherung, wenn man bewusst an die Sache herangeht, unnütze Flüge vermeidet, nicht vermeidbare ausgleicht und versucht Klima schonend zu leben.

 

Wohl aus diesem Grund hat das Beispiel Fliegen Schule gemacht und „Klimaneutralität“ wird nun auch in anderen Bereichen umgesetzt. Man kann heute klimaneutral bauen, wohnen, reisen, drucken und sich klimaneutral beerdigen lassen. Ganze Firmen arbeiten inzwischen klimaneutral und - nota bene! - auch der Kirchentag wird klimaneutral ausgerichtet. Bei soviel Offenheit der Menschen für dieses Thema, lässt sich natürlich auch gleich wunderbar damit werben. Und so kann man im Internet auf www.CO2-neutral-leasen.de einen wunderschönen Sportwagen im Regenwald bewundern, der für klimaneutrales Auto fahren wirbt. Und selbstverständlich schwappt die klimaneutrale Welle jetzt auch in die Bioläden. (Bild: Tagwerk Gröbenzell)

 

Angefangen hat es mit Bio-Bananen, jetzt gibt es auch schon das klimaneutrale Bio-Würstchen und ein Ende ist wohl noch lange nicht absehbar. Geht denn da alles noch mit rechten Dingen zu? Oder wird das ganze als Hype zum gleichen Nonsense wie der Biosprit, für den heute letztlich Regenwälder sterben müssen? Zu befürchten ist letzteres, denn die derzeit entstehende Manie fordert schon eine ganze Menge an Projekten mit sehr viel CO2-Einsparkapazität. Wo sollen denn diese vielen Einsparungen so schnell herkommen, da darf gezweifelt werden. Greenpeace zweifelte. Bei den so genannten „emissionsfreien“ Bio-Bananen ergab sich aber letztlich, dass zumindest tatsächlich Gelder in Projekte fließen.

Derer es derzeit noch gar nicht allzu viele gibt. In Indien wurden Großküchen mit Solarkochern ausgestattet und Biomassekraftwerke gebaut, in Honduras Kleinwasserkraftwerke angelegt. Die meisten Projekte aber sind erst in der Planungs- oder Bauphase. Ihnen jetzt schon die Einsparungen aufladen zu wollen, um all die beworbene Klimaneutralität umsetzen zu können wäre wohl vermessen. Derzeit fließen Gelder in sinnvolle Projekte. Das ist gut. Mehr aber auch nicht. Lasst es dabei! Sonst folgt auf „Trinken für den Regenwald“ und „Rauchen für die Rente“ jetzt „Autofahren für den Klimaschutz“ und es wird lächerlich.

 

Unsere Betrachtungsweise macht die Sache so verwirrend. Viel klarer wird es, wenn man den Spieß einfach mal umdreht: Unser Planet braucht, um der Klimakatastrophe zu entgehen massive Einsparung von CO2. In der Dritten Welt können dazu Gelder am effizientesten eingesetzt werden. Hier entstehen derzeit auch viele Projekte mit großem Einsparpotenzial. Aber leider bringt diese Einsparung dem Klima gar nichts, denn durch unseren weiteren Verbrauch an Ressourcen werden all diese Einsparungen neutralisiert! So schauts aus! Was in Indien moderne Solarkraft an Holz spart, wird durch den Verzehr „klimaneutraler“ Bananen wieder aufgebraucht. Man stelle sich vor ein konventioneller Landwirt dürfte seine Produkte als „Bio“ ausloben, weil er durch Ausgleichszahlungen und Projektförderungen den Bioanbau entsprechend unterstützt. Lächerlich!
 
Lassen wir also die Kirche im Dorf. Und werben wir nicht auch noch im Bioladen mit Slogans, die jedes bewusste Einkaufen beim Verbraucher konterkarieren. Wer das Klima schonen will, greift bitte zu den heimischen Äpfeln und spart an den Bananen, wie weit er dabei gehen will, sei ihm überlassen. Wer stark verarbeitete Produkte wie Würstchen isst, muss wissen, dass er dabei dem Klima mehr schadet als mit Obst und Gemüse. Das Tagwerk-Würstl kommt dabei wenigstens aus der Region, aber es wird niemals klimaneutral zu haben sein!

 

Werbung will den Menschen immer noch in erster Linie verführen. Der ehrliche Umgang mit dem Verbraucher war lange Jahre das Erfolgsrezept der ganzen Biobewegung. Heute müssen wir unseren „Mitstreitern“ auf dem weiten Feld des Biomarktes gegenüber sehr wach sein, sonst fangen auch wir sehr schnell an die Kundschaft zu verarschen. Die Firma Biotronic, Haus- und Hoflieferant deutscher Bioläden, wirbt mit dem Siegel „klimaneutrale“ Biobananen und behauptet in ihrem Werbeprospekt: „Regional und saisonal einkaufen? Ökologisch bewusstes Einkaufen nach dieser Devise ist kaum möglich. Der Biobauer von nebenan kann gar nicht so viel anbauen, wie benötigt wird. Und kaum einer will sich heutzutage den Winter über von Kohl und Kartoffeln ernähren wie unsere Großeltern. Schon haben wir das Argument, warum Bio-Produkte aus Übersee eine sinnvolle Ergänzung für unsere Ernährung sind.“ So einfach kann man es sich heute schon wieder machen. Und wenn dieses Konzept aufgeht, greift der moderne Bio-Verbraucher freudestrahlend zu den Bananen, die unreif geerntet, um die halbe Welt gefahren in energieaufwendigen Reiferäumen in Deutschland nachgereift, aber mit dickem „Emission free“ Siegel und peppig und modern aufgemotztem Werbekonzept ausgestattet, in den Bio Gourmet Tempeln unserer modernen Zeiten neben Großmutters ollen Äpfeln liegen. Nein Danke! (Bild: Tagwerk Gröbenzell)


„Deshalb irren jene Klimaneutralprediger, die sagen, dass durch die Aufschläge auf das Produkt der Mensch von jedem Nachdenken und sich beim Einkauf Gedanken machen müssen frei und los werde.“ (Tagwerk, These 1.0)


Ökobilanzen sind grundsätzlich problematisch, da selten alle Faktoren erfasst werden können. Eine Ausstellung des bayerischen Umweltministeriums über Klimaschutz bringt einige Aspekte auf den Punkt und zieht unter Anderem folgende Schlüsse:


• Ein Ernährungsstil, der mehr pflanzliche und weniger tierische Lebensmittel einbezieht, ist der wirkungsvollste Beitrag zum Klimaschutz im Ernährungsbereich.
• Auf die gleiche produzierte Menge bezogen, benötigt der Bio-Pflanzenbau nur gut die Hälfte an Energie und produziert nur drei Viertel bis halb soviel klimaschädliche Treibhausgase.
• Gemüse und Obst entsprechend der Saison und aus dem Freiland schonen das Klima.
• Mit dem Flugzeug importiertes Frischobst und -gemüse belasten das Klima etwa 80-mal mehr als Schiffstransporte und bis zu 300-mal mehr als regional erzeugtes. Lebensmittel aus der Region tragen zum Klimaschutz bei. Importe per Flugzeug sind besonders Klima schädigend – auch bei Bio-Produkten.

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