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Siegel-Vergabe: FNG dehnt Nachhaltigkeitsbegriff weit aus

von Jochen Bettzieche (Kommentare: 1)


Geld, Münzen stapeln
Symbolbild © Shutterstock/Syda Productions

Der Branchenverband Forum Nachhaltige Geldanlage vergibt seit 2015 jedes Jahr sein „Gütesiegel für nachhaltige Investmentfonds“ – auch an solche die gar nicht so nachhaltig sind.

Fonds, die vorgegebene Mindestkriterien erfüllen, erhalten das FNG-Siegel. Zusätzlich können sie einen bis drei Sterne erhalten, als besonderes Qualitätsmerkmal.

Der Branchenverband Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG) ist ein Zusammenschluss von Anbietern nachhaltiger Anlageprodukte – von der GLS-Bank bis zur DWS, der Investmentgesellschaft der Deutschen Bank.

Dieses Jahr haben sich 66 Fonds um das Siegel beworben. 65 haben es erhalten. Davon erhielten 25 die höchste Auszeichnung von drei Sternen, das sind mehr als 38 Prozent. Sie sind für das FNG besonders nachhaltig.

Diese Unternehmen stecken in Fonds der laut FNG nachhaltigen Spitzenklasse:

  • Schneider Electric (produziert u.a. Energiemanagementsysteme für Atom-U-Boote und Kontrollsysteme für den Abschuss von Waffen)
  • Alphapet, Mutterkonzern von Google (in der Kritik wegen Datenschutz und der Verlagerung von Unternehmensgewinnen in Länder mit niedrigem Steuersatz)
  • Total (Förderer von Öl & Gas)
  • Verschiedene Betreiber von Autobahnen
  • Walt Disney (wiederholt Probleme mit Arbeits- und Menschenrechten bei Lizenznehmern)
  • L'Oréal
  • BASF (unter anderem im Bereich Gentechnik aktiv)

Bio-markt.info hat beim FNG nachgefragt, warum diese Unternehmen Wertpapiere in den mit drei Sternen ausgezeichneten Nachhaltigkeitsfonds haben. FNG verwies daraufhin an die Gesellschaft für Qualitätssicherung nachhaltiger Geldanlagen (GNG)  – ein hundertprozentiges Tochterunternehmen des FNG, das das Siegel vergibt.

„Beim FNG-Siegel geht es mehr um das Wie der Nachhaltigkeit als um das Was“, stellt Roland Kölsch, Geschäftsführer der GNG klar. Es gehe aber nicht nur um den Ausschluss oder die negative Bewertung von Branchen oder die Geschäftsfelder und das Geschäftsgebaren der Unternehmen, in die ein Fonds investiert. Auch Transparenz und Engagement spielten eine Rolle, sagt Kölsch und räumt ein: „Auch ein Siegel mit drei Sternen kann dem aufgeklärten Investor nicht die Arbeit abnehmen, sich mit den Inhalten der Fonds zu beschäftigen, da jeder Anleger eine etwas anders gestaltete individuelle Konkretisierung von Nachhaltigkeit hat.“

Wer prüft die Fonds auf Nachhaltigkeit?

Die Analyse, wie nachhaltig ein Fonds im Sinne des FNG-Siegels ist, beruht überwiegend auf Daten, die Nachhaltigkeits-Rating-Agenturen liefern. Die gleichen Agenturen liefern auch die Daten, auf deren Basis die Nachhaltigkeitsfonds investieren.

Für die Vergabe des Siegels untersucht die Research Group on Sustainable Finance an der Universität Hamburg die Fonds. Bio-Markt.info schickte eine Mail an das FNG, in der wir darum baten, kurz zu erläutern, „warum Fonds mit diesen Unternehmen im Anlageuniversum mit drei Sternen ausgezeichnet werden.“ Eine Mitarbeiterin der  Research Group on Sustainable Finance an der Universität Hamburg schrieb einige Tage später, Kölsch habe die Nachricht an sie weitergeleitet und sie gebeten, direkt zu antworten. Allerdings schrieb sie nicht, was die Auszeichnung als Top-Nachhaltigkeitsfonds rechtfertigt, wenn diese Unternehmen im Portfolio enthalten sind.

FNG-Siegel bei nachhaltigen Banken umstritten

Tatsächlich ist das Siegel gerade bei den rein nachhaltigen Banken umstritten. Triodos war von Anfang an dabei. Die GLS-Bank hingegen war zeitweilig sogar aus dem FNG ausgetreten, ist aber 2018 wieder dazu gestoßen. Das könnte bedeuten, dass sie sich kommendes Jahr mit ihren Fonds um das Siegel bewerben will.

Ökoworld hingegen ist zwar Mitglied im FNG, lehnt das Siegel aber für die eigenen Produkte ab. Der Vorstandsvorsitzende Alfred Platow findet klare Worte: „Das FNG Siegel ist etwas für die Kapitalverwaltungsgesellschaften, die die Nachhaltigkeit nur anwenden, weil Sie es aus Marketinggründen müssen. Das hat Ökoworld nicht nötig.“

 

Kommentar: Sternenregen

Das Forum Nachhaltige Geldanlagen hat sein Siegel für Nachhaltigkeits-Fonds vergeben. Besonders nachhaltige Fonds hat es mit drei Sternen ausgezeichnet. Wer sich die Preisträger anschaut, wundert sich über deren Zusammensetzung. Ein Kommentar von Jochen Bettzieche.

Sternchen, das löst bei uns allen doch ein wohliges Gefühl aus. Eins mit Stern – das waren die besonders gelungenen Aufsätze in der Grundschule mit Themen wie „Mein schönstes Urlaubserlebnis.“ Und so erstarrt der einstige Schüler auch gleich vor Ehrfurcht, wenn er etwas von gleich drei Sternchen hört. Das klingt doch nach Eins Plus mit mindestens zwei Fleissbildchen obendrauf.

Die Ernüchterung kommt schnell. Zumindest, wenn es um die Nachhaltigkeitsfonds geht, die vom Branchenverband Forum Nachhaltige Geldanlagen ausgezeichnet werden.  Ein bis drei Sterne bekommen die Fonds, die – nach Meinung des FNG - besonders nachhaltig investieren. Doch das liegt wohl im Auge des Betrachters. Das, was das FNG als nachhaltig auszeichnet, das ist für andere zumindest mal umstritten, ja gar irreführend. Drei Sterne, die sollten jene Nachhaltigkeitsfonds zieren, bei denen Anleger sicher sein können, dass sie besonders strenge ethische, ökologische und soziale Kriterien berücksichtigen. Die Realität sieht anders aus: In den Drei-Sterne-Fonds stecken Wertschöpfungsketten, in denen Arbeits- und Menschenrechte nicht beachtet werden. Darin steckt grüne Gentechnik genauso wie Kontrollsysteme für den Abschuss von Waffen. Die Branche Öl&Gas ist ebenso vertreten wie Hersteller konventioneller Automobile. Ist das nachhaltig? Vielleicht. Nachhaltig mit Sternchen? Naja. Sternchen plus? Hoffentlich nicht.

– Jochen Bettzieche

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Kommentar von Roland Kölsch |

Als Verantwortlicher des FNG-Siegel möchte ich folgendes anmerken:

Es gibt viele Wege zur Nachhaltigkeit bzw. mehr Nachhaltigkeit.
Das Gütezeichen wird und kann niemandem die Arbeit abnehmen, der eine ganz konkrete Vorstellung einzelner Unternehmen bzgl. Nachhaltigkeit hat, wie dies offensichtlich beim Autor der Fall ist. Diese individuelle Sichtweise und Einzelfälle als Argument für die generelle Kritik am SRI-Qualitätsstandard FNG-Siegel heranzuziehen, ist meines Erachtens nicht angemessen und hat nichts mit Aufklärung zu tun. Es ist unsachlich, undifferenziert und insgesamt unfair. Vor allem hilft es Anlegern nicht weiter!

Ich vermute, es liegt ein fundamentales Missverständnis bzw. eine Umdeutung des Autors vor, was die Sterne beim FNG-Siegel aussagen.

Link: Vollständigen Kommentar im PDF lesen

 


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