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Rewe übernimmt Minderheitsbeteiligung an spanischem Bio-Vermarkter

von Redaktion (Kommentare: 0)


Nachhaltigkeit im Handel ist mehr denn je in der Diskussion. Und zwar nicht nur im Naturkosthandel. Alle großen Lebensmittelkonzerne sind auf dem Weg von Konzepten und Versprechungen in die Umsetzungsphase. Die Rewe-Group hat sich mit einer Minderheitsbeteiligung am spanischen Bio-Gemüse-Vermarkter Campina Verde eine noch engere Zusammenarbeit als bisher gesichert und macht auch sonst mit seinen „grünen“ Versprechen ernst. Geraten die Bio-Pioniere ins Hintertreffen?

(Bild: Die Campina Verde-Gründer Federico Huber und Alwin Gfrörer )

„Die jahrelange partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Rewe ist mit dieser Minderheitsbeteiligung von 25 % nur formalisiert worden“, so Federico Huber und Alwin Gfrörer in einem Gespräch mit Bio-Markt.Info während der BioFach 2009 in Nürnberg. Es kam den beiden Firmengründern des Obst- und Gemüsevermarkters Campina Verde mit Sitz in Cordoba in Andalusien darauf an, die Vorteile vertikaler Integration im Handel auch in diesem Fall zu nutzen, erklären sie. Andalusien hat sich in den letzten zehn Jahren wie kein anderes Anbaugebiet in Südeuropa zum Produktionsfeld für biologisches Obst und Gemüse für die großen Abnehmerländer Deutschland, Frankreich und Großbritannien entwickelt. Vor allem im Winter und Frühling liefert die Region Zitrusfrüchte, Tomaten, Gurken, Paprika, Erdbeeren, Avokados (Bild), Zucchini und vieles andere mehr in europäische Fachgeschäfte und Supermärkte.

Campina Verde übernimmt mit seinen insgesamt 18 Mitarbeitern die Funktionen der Koordinierung, der Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle im Packhaus bis hin zur Anbauberatung durch geschulte landwirtschaftliche Fachkräfte. "Qualitätssicherung in einem sehr weiten Sinn war und ist nach wie vor eines unserer hervorstechenden Aufgabengebiete", so Federico Huber. In Malaga und Almeria sind Agrartechniker stationiert, die die Felder und Gewächshäuser der Produzenten regelmäßig besuchen, um die notwendige Vor-Ort-Beratung, die Begleitung der Abläufe und eine Beratung hinsichtlich der Qualitätssicherung vorzunehmen. Die Qualitätssicherung, Transparenz und eine kontinuierliche Belieferung sind für unsere deutschen Abnehmer die wichtigsten Punkte beim Kauf von Bio-Ware aus Spanien“, so Huber. Campina Verde arbeitet mit 40 Packstationen zusammen und vermarktet insgesamt 20.000 t Bio-Obst und -Gemüse pro Jahr. „Wir arbeiten direkt mit einzelnen Anbauern, mit Erzeugergruppen oder Familienbetrieben zusammen, aber auch mit Kooperativen, die die Bio-Produktion von bis zu 600 Bauern erfassen“, ergänzt Alwin Gfrörer. Eine langfristige Anbauplanung gibt den Erzeugern Planungssicherheit zu weitgehend stabilen Preisen. (Bild: Packstation für Bio-Erdbeeren im ökologisch sensiblen Doñana-Delta)

Die Vermarktung der Ware in Deutschland und anderen europäischen Ländern erfolgt über den Fachgroßhandel, überwiegend jedoch über Rewe. Rewe habe sich zum Ziel gesetzt, so Huber, zum nachhaltigsten Lebensmittelkonzern in Europa zu werden. Dazu seien eigene Kriterien entwickelt worden, die auch das soziale Umfeld der Produzenten sowie die Umweltsituation vor Ort berücksichtigen.

Konkret geht es z.B. in Andalusien 
- um Ressourcen schonende Verwendung von Wasser (Pilotprojekt mit WWF in Huelva beim Erdbeeranbau)
- um die Frage der Entsorgung von
Massen an Plastikfolien für Gewächshäuser sowie
- um die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von illegalen afrikanischen Einwanderern im Produktionsgebiet um Almeria.   
(Bild oben: Packstation u.a. für Tomaten)

Durch die Minderheitsbeteiligung an Campina Verde wollte sich Rewe zudem das Beschaffungs-Know-How von Campina Verde exklusiv innerhalb des deutschen LEH sichern. "Auch die in jahrelanger Arbeit von uns erworbene Expertise wird dadurch honoriert", so Gfrörer. Die Beteiligung an der Campina Verde Ecosol erfolgte bereits im Juli 2008 durch die Firma Jump Central GmbH (Rewe Zentral AG) mit Sitz in Köln. Ob sie im Laufe der Zeit aufgestockt werden soll, ist unklar. Die Rewe-Group wäre nicht der erste Konzern, der sich einen Bio-Produzenten kauft. (Bild rechts: Tomatenanbau unter Folie)

Durch die Klimawandelprognosen der vergangenen Jahre sind nun endlich auch die Lenker in den Chefetagen der Lebensmittelkonzerne aufgewacht. Im Rahmen der allgemeinen Nachhaltigkeitsdiskussion sprach Rewe-Konzernchef Alain Caparros bereits im Januar 2008 vom Verständnis der Rewe bei dieser Thematik: „Nachhaltigkeit darf kein Marketing-Gag sein, sie muss Bestandteil unseres Alltags, auch in unserem Unternehmen sein“. Auf der Rewe-Website finden sich Beispiele: Ein Öko-Gewächshaus, das mit Hilfe von Photovoltaik-Modulen gleichzeitig Strom produziert und weniger Wasser als üblich verbraucht. Wie Ludger Breloh mitteilte, befindet sich dieses allerdings noch in der Erprobungsphase, gehört also eher in die Rubrik Zukunftsvision. Das trifft jedoch nicht für andere Maßnahmen zu. Caparros verkündete bereits vor einem guten Jahr, dass die Rewe zu 100 % Strom aus erneuerbarer Energie bezieht. Für alle bundesweit über 6000 Märkte wird derzeit Strom aus Sonne, Wasserkraft, Wind und Biomasse eingesetzt. Die Unternehmensgruppe ist nach eigenen Angaben größter Nutzer von „Grünstrom“ in Deutschland.
Der LEH, beispielsweise in Person von Caparros, merkt inzwischen auch, dass die Verbraucher in Sachen Qualität anspruchsvoller werden: „Der Lebensmittelhandel steht vor einer Zeitenwende. Ging es den Kunden in den vergangenen Jahren ausschließlich um den Preis, rückt die Qualität immer mehr in den Vordergrund.“ Die Latte, so Rewe, würde nach und nach immer höher gelegt. Die Anforderungen an Verantwortung, Engagement und soziales Handeln gingen sehr viel weiter, als die Gesetze es erfordern würden. Das weiß auch der Fachhandel, der für sich bisher das Patent in Anspruch genommen hat, den Qualitätsanspruch der Verbraucher zu bedienen. Doch aufgepasst, über Werte reden ist das Eine, die Werte, u.a. die Qualität tagtäglich in Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung über die gesamte Wertschöpfungskette auch auszufüllen, das Andere. Wichtig dabei ist, dass der Verbraucher immer wieder miterlebt, wie das in der Praxis umgesetzt wird.

Zurück zu Rewe, die als Beispiel für die Strategie im LEH dienen möge: Die Bio-Schiene von Rewe (früher Füllhorn, jetzt Rewe Bio) gibt es bereits seit 20 Jahren. Das Sortiment wurde mäßig, aber regelmäßig ausgebaut. Nun kommen weitere Aktivitäten hinzu, um den neuen „grünen“ Weg, die Nachhaltigkeitsstrategie, mit Leben zu erfüllen: Aktuelles Beispiel ist eine Kooperation mit dem Hamburger Kaffeeröster Darboven, um dessen Kaffee ‚Intention’ bio+fair in die Rewe-Märkte zu bringen. Außerdem unterstützte Rewe die WWF-Aktion „Rettet die Eisbären“ mit einer Spende von 150.000 Euro, die aus dem Verkauf von 1 Mio. Energiesparlampen resultierte.

Der grünen Imagepflege dient auch ein Film auf der Rewe-Homepage zum Thema „Gesellschaftliche Verantwortung“ sowie die Rewe-Kriterien im Bereich Lebensmittel, Non-Food, Touristik, Gesellschaft, Umwelt und „Grünstrom“, die dort nachzulesen sind. Dass Nachhaltigkeit nicht immer nur kostspielig ist, sondern in vielen Fällen sogar Kosten spart und natürlich auch das Image aufpoliert, wurde auf der Nachhaltigkeitskonferenz der NürnbergMesse, die vor der BioFach stattfand, mehrfach betont. Dass Rewe mit seinen Aktivitäten bei den Kunden ankommt, beweist das Geschäftsergebnis des vergangenen Jahres. Wie die Lebensmittelzeitung Anfang März berichtete, steigerte die Rewe Group den Gesamtumsatz 2008 um 11 % auf rund 50 Mrd. Euro. Profilieren wolle man sich weiterhin mit rund 350 Projekten in den Bereichen Nachhaltigkeit und Qualitätssicherung.


Kommentar: Nachhaltigkeit mehr als nur ein Marketinggag?

Interessant ist es schon, dass der konventionelle Lebensmittelhandel den Naturkostfachhandel im Bereich Nachhaltigkeit (Ökologie, Soziales, Ökonomie) auch in den beiden ersten Kategorien zu überholen droht. Deutlich ist, dass sich der konventionelle Handel nicht mehr, wie in den neunziger Jahren, nur mit Alibi-Taten hervortut, sondern sich ernsthaft mit dem Thema befasst und auch handelt.

Während sich ein Teil des Naturkostgroß- und Einzelhandels in Deutschland schon mit der Zusicherung der Bio-Eigenschaft der Ware – sei sie nun EU-Bio oder Verbandsbio – seitens der Lieferanten zufrieden gibt, gehen einige konventionelle Wettbewerber mit Qualitäts- und Nachhaltigkeitskriterien darüber hinaus. Nicht unbedingt freiwillig, man denke nur an die Greenpeace-Kampagne „Hier bekommen sie das meiste Gift für ihr Geld“ und immer wieder die Veröffentlichung über Funde von Pestizidrückständen in Obst und Gemüse.

Zum einen gibt es natürlich viele deutsche Naturkosthersteller, die sich seit Jahren, bzw. von Anfang an, mit dem Themenkomplex der Nachhaltigkeit inklusive Fairness beschäftigen und sich enorm viel Mühe geben, diese auch soweit wie möglich umzusetzen. Manko ist nur, dass es häufig viel zu wenig an die große Glocke gehängt wird. Da sind freilich die Möglichkeiten, im Vergleich zu einem Konzern des Ausmaßes von Rewe, recht beschränkt. Kleine bis mittelständische Naturkosthersteller können nicht gleich eine Abteilung für Nachhaltigkeit einrichten, die sich um nichts anderes kümmert. Zum anderen jedoch darf die Bio-Branche ihren Vertrauensvorschuss nicht aufs Spiel setzen, sondern muss mit Hochdruck am Thema bleiben, vor allem auch in der Kommunikation. Motto: Wir tun Gutes und sprechen darüber. Das tun bislang nur einige wenige mit dem nötigen Enthusiasmus, genannt seien Eosta, Rapunzel oder Gepa. Die Nachhaltigkeitsdiskussion wird uns, sicherlich länger als die Finanzkrise, noch eine Weile beschäftigen. Das Thema ist der Bio-Branche doch eigentlich auch auf den Leib geschnitten. Heißt also, sich in diese Diskussion einbringen, Ideen und Erfolge kommunizieren und sich nicht von den Großen unterbuttern lassen. Ansonsten wäre es nicht das erste Mal, dass Pioniere in der Marktwirtschaft von kapitalkräftigen Unternehmen überholt werden. (Bild oben: Spargelstechen in Andalusien) 

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