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Ist das der künftige Motor unserer Utopie? – Elke Röder zur Kooperation zwischen Bioland und Lidl

von Redaktion (Kommentare: 11)


Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN)
Äußert sich kritisch zur Zusammenarbeit von Bioland und Lidl: Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) © BNN

Bioland ist eine langfristige Partnerschaft mit Discounter Lidl eingegangen. BNN-Geschäftsführerin Elke Röder äußert sich dazu in einem Gastkommentar:

Gleich vorneweg: Der Naturkost-Fachhandel hält keinerlei Rechte an den Leistungen der Bio-Bauern. Aber: Was uns seit Beginn eint, ist die Erkenntnis, dass unser Ernährungssystem umgebaut werden muss. Dieser gemeinsame Wille war damals eine Utopie. Nun wird deutlich: Wir haben einen wichtigen Teil des Weges bereits hinter uns. Wollen wir nun gemeinsam weiter gehen?

Billige Discounter und aufwändige Verbandsware – ein ungleiches Paar

Das Geschäftsmodell von Discountern ist kein Geheimnis. Kernstück dieser Betriebsform ist eine erfolgreiche Niedrigpreispolitik. Ebenfalls kein Geheimnis ist, welch hohe Aufwände die Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung von ökologischen Lebensmitteln mit sich bringt. Das gilt in noch höherem Maße für Verbandsware.

 

Bioland-Produkte von Lidl
© obs/LIDL/Lidl

Bioland: Langfristige Kooperation mit Lidl

Lidl bietet deutschlandweit Produkte von Bioland-Bauern an. Keine einmalige Aktion, sondern eine langristige Zusammenarbeit – mit Fair-Play-Regeln.

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Fragen über Fragen

Ist der günstigste Preis für die Kunden und ein guter Preis für die Lieferanten möglich? Und ist das der künftige Motor unserer Utopie? Oder wird da quer subventioniert: Wer mehr als 95 Prozent  seines Umsatzes mit Produkten aus Pestizid-Landwirtschaft macht, braucht für die restlichen 5 Prozent des Sortiments weniger genau zu rechnen. Wie lange rechnet ein durch Diskontierung wachsendes Unternehmen so? Bei wieviel Prozent Bio-Umsatz muss die Marge erhöht werden, um das Discountprinzip nicht grundsätzlich zu gefährden?

Oder gibt sich jemand der Illusion hin, aus Discount würde irgendwann Fachhandel werden? Und wenn man so naiv nicht ist, wenn man nicht denkt, dass Discounter von ihrem Prinzip bei Bioland-Produkten dauerhaft Abstand nehmen: Wie steigt man dann aus, wenn der Discounter der größte Kunde wurde?

Ich bin mir sicher, dass diese Fragen viele Unternehmerinnen und Unternehmer beschäftigt. Neben der ganz pragmatischen Betrachtung  ist immer mehr Menschen  auch der Blick auf das jeweilige Wertesystem wichtig.

Geht es um Wahrhaftigkeit oder Verdrängung?

Ein Discounter, der sich wirklich und langfristig für die Weiterentwicklung einer nachhaltigen Land- und Lebensmittelwirtschaft einsetzen möchte, müsste sich doch zu allererst den Problemen, die 95 Prozent seines Sortiments verursachen, widmen. Geht es also um Wahrhaftigkeit oder Verdrängung?

Kundinnen und Kunden kaufen, knapp gesagt, dort ein, wo es ihnen gefällt. Neben den eigenen Ansprüchen an Qualität, Atmosphäre, Beratung und kurzen Wegen ist das Preisargument ein Wichtiges. Trotzdem möchten viele Kunden ihr Geld nicht in die Stärkung der Pestizid-Landwirtschaft investieren.

Fachhandel arbeitet noch konsequenter an Erfüllung seiner Utopie

Kunden möchten mit ihrem Einkauf Wertschöpfungsketten fördern, die vor Jahrzehnten eigens aufgebaut wurden, um gesellschaftliche, Umwelt- und Naturschutzziele zu erreichen. Der Fachhandel mit Naturkost und Naturwaren wird in Zukunft noch konsequenter an der Erfüllung dieser Utopie arbeiten. Mit allen Bauern und Herstellern, die sich dem gleichen Ziel verpflichten.

 


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Kommentar von Andreas Schwarz |

Vor allem die Frage der Quersubventionierung ist interessant. Bekommt Lidl niedrigere Preise und die entgangene Marge wird beim Fachhandel wieder hereingeholt? Das wäre der Tod vom Biolandtraum.

Kommentar von Gerhard Schreiber |

Ich finde es nicht gut, wenn sich Bioland auf Discounter einlässt. IUm Endeffekt wird sich der Preisdruck auf die Biobauern und den Bio-Fachhandel auswirken. LIDL und Aldi sollten bei ihrer Klientel bleiben, denen es egal ist was sie auf dem Teller haben, hauptsache billig, und sollten den nachhaltigen Markt den anderen überlassen.

Kommentar von Bernd Drosihn |

Gibt es einen (vom sog. Fachhandel) behaupteten Unterschied zw. „nur“ EU Ware und Verbandsware [demeter, Naturland, Bioland etc.]? Als Verarbeiter kann ich sagen nein, wenn dann eher umgekehrt. Die Bio Verbände ziehen für Ihre Produkte zwar eine Show ab, aber „besser“ ist an ihren Rohwaren gar nix. Jedenfalls nach unserer jahrelangen Erfahrung. Mit anderen Worten, ruhig bleiben und Bio Tee trinken - Lidl und Bioland einfach lassen und nicht behaupten irgendetwas sei „besser“ oder aufwendiger wie ich bei Elke gelesen habe. Auch die Einkäufer der Bio MarkenArtikler oder Großhändler sind nach unserer Erfahrung nicht weicher oder ökiger drauf in ihren Aktionen bzw. Forderungen als die Discount Kollegen. Ist ein Business geworden und sinnvoller könnte es sein, den politischen Druck Richtung mehr Bio Landbau Förderung zu erhöhen, denn der Nachfragedruck auf die knappen Rohstoffe könnte sich durch den Deal steigern?

Kommentar von Manuela Svedik |

Nach Demeter jetzt auch Bioland - die Bio-Giganten in jeder Hinsicht .... dachte ich jedenfalls bisher! Und wer reiht sich als Nächstes ein? Ich mag kaum drüber nachdenken ....

Kommentar von Bernd Gebhardt-Schiller |

Dem Kommentar von Bernd Drosihn stimme ich zu!

Kommentar von Petra Kuhlmann |

Ich finde diese Entscheidung nicht gut. Jahrelang ging es auch ohne Discounter, warum jetzt nicht mehr?

Kommentar von Inge Wick |

Die Bauern und Hersteller - sowohl Bioland als auch demeter - werden sich gut überlegen müssen, in welche Abhängigkeiten sie sich begeben wollen.
Vielen Dank, Elke Röder für diesen gut formulierten Kommentar !
Für den Fachhandel bleibt weiterhin nur der Weg von verbindlichen Kooperationen mit den Erzeugern. Vielleicht gelingt es dem Fachgroßhandel hier eine stabile Versorgung für den Einzelhandel zu erreichen. Vermutlich wird sich auch Verbands-Bio nochmals spalten: in
nachhaltig-qualitätsorientiert- Bio und in Billig-Discount-Bio.

Kommentar von Arne Seiler |

Die Vision der Pioniere vor nun knapp 100 Jahren war keine, die nur um die Ernährungsfrage ging, sondern eine, die das gesamte materialistisch-marktliberale System in ein nachhaltiges, fair und regional wirtschaftendes, an die heutige Zeit angemessenes Wirtschaftssystem verwandeln wollte. Das beginnt beim Bauern und endet beim Verbraucher. Dieses System hatte aber einen ganz konkreten Ansatz: Der Wert der Ware ist NICHT verhandelbar und damit der Preis nur minimalen Schwankungen unterworfen. Diesen Ansatz vertrat Rudolf Steiner vehement. Er wurde aber von den wenigsten Menschen verstanden. Es war nie die Rede davon, dass sich eine sich elitär fühlende Biobranche bildet, die die meisten Aspekte dieser Idee selbst zerstört, und die gleichzeitig aber voller Verblendung meint, die Welt zu retten. Schwarz-Weiß-Denken in seiner Reinform.... Diese Branche hat keine Vision und braucht sich daher nicht zu verwundern, dass sie langsam von den mächtigen Konzernstrukturen eingeholt und von innen wie von außen aufgezehrt wird. Der spirituell-gesamtgesellschaftliche Hintergrund von biologisch produzierten Erkenntnissen wurde frühzeitig torpediert. Uns jungen Leuten hört auch niemand zu. Schon Steiner hörten zu wenige wirklich zu. Niemand muss sich über die heutige Entwicklung wundern. Bio bzw. Demeter für alle, das war einst das wahre Ziel. Dass das aber auch heißt, dass alle Teilnehmer am Markt davon partizipieren können, ist klar und nur konsequent. Der Wunsch, Bio nur im Fachhandel zu haben ist purer Egoismus. Wichtiger als die Frage wer bio handeln darf, sollte sein: zu welchem Preis bio gehandelt werden darf! Und diese Frage beginnt beim Bauern. Wenn die schon mitmachen beim Preiszerfall, beim Sich-im-Preis-drücken-Lassen und beim Wachstumswahn-Denken, dann gute Nacht. Aber da Bio zur Ideologie, zu einem -Ismus geworden ist, was die Biobranche sich täglich selbst beweist, wird der Fachhandel weiter leiden. So, wie es heute ist, geht es nicht mehr lange gut. Da helfen auch keine sinnlosen Werbekampagnen mit elitären Slogans.

Kommentar von Timo Tottmann |

Das die großen Einzelhandelskonzerne, die rund 95% ihrer Einnahmen mit nicht nachhaltig erzeugten Produkten erwirtschaften, nun künftig die Vorzüge der Bio-Verbandsware mit Millionenbudgets hinausbrüllen werden, wird die Bekanntheit der Verbandslogos mit Sicherheit erweitern. Ob es aber auch ihre Bedeutung erweitert?
Das Verbandslogo im Discount und Hypermarkt ist, je nach Perspektive, der Tief- oder Höhepunkt eines Prozess, der vor langem begonnen hat. Auch der jetzige Schritt bringt Bio dem Ursprungsziel „Bio für alle“ ein ganzes Stück näher. Ob es dann aber noch das ganzheitliche Bio ist, welches viele Pioniere ursprünglich mal initiiert und auf den Weg gebracht haben, bleibt offen.

Kommentar von Edgar K. Rieflin |

Ein bisschen kann ich Bioland und Demeter verstehen. Denn die Großbetriebe im Norden und im Osten bringen Mengen, die der Fachhandel nicht abnehmen kann. Im Falle Demeter stört mich nur die lange Scheinheiligkeit gegenüber dem Fachhandel. Wir im Südwesten sind ja etwas kleinkariert, zumindest was die Flächen anbelangt und kennen daher die Absatzprobleme der Großbetriebe nicht wirklich. Ich gehe davon aus, es wird sich in den neuen Absatzkanälen überwiegend um funktionale Ware, die ohne Probleme mit den heutigen Maschinensystemen produziert werden können, handeln. Das was wirklich arbeit im Ladenalltag macht, wird sich Lidl und Co nicht beschäftigen, denn dann müssten sie auf das Preisniveau des Fachhandels gehen und das wage ich sehr zu beweifeln.

Kommentar von Jörg Ottmar |

Das ist wieder eine gute Diskussion, so alt wie die Branche und so verzweifelt wie die Situation, in der sich diese befindet.

Vor wenigen Wochen habe ich in einem echten BIOMARKT ein Suppenpulver gesehen, welches schon vor vielen vielen Jahren auch gerne auf Krämermärkten und dergleichen beworben und verkauft wurde. Darüber eine Werbetafel: Neu im Sortiment, ohne Geschmacksverstärker.
Konventionelle Zutaten: Meersalz, Geschmacksverstärker (Mononatriumglutamat, Dinatriuminosinat, Dinatriumguanylat), Stärke, Palmfett……….
Auf meine Empörung hin wurde die Werbetafel entfernt, bei einem Telefonat ging der Inhaber „ab wie Schmitz´ Katze“. Seine Kunden wollen das und außerdem sei Bio-Weizen aus der Ukraine sei ja auch nicht gut, etc.. Soviel zu Frau Röders Aussage: „Fachhandel arbeitet noch konsequenter an Erfüllung seiner Utopie“.

Wer das für einen bedauernswerten Einzelfall hält, darf gerne darüber nachdenken, wer die in der Schweiz lebenden Anteilseigner eines bekannten Kosmetikherstellers waren, bevor ein böser internationaler Konzern viel Geld dafür bezahlt hat. Oder warum manche Hersteller und Großhändler mehr Details über ihre Grüne Super-Logistik verraten als über Gesellschafterverhältnisse, Beteiligungen und Verflechtungen.
Gibt es die sogenannten Regionalverteiler eigentlich nur noch aufgrund der Besitzverhältnisse und Egoismen deren Gründer, oder kann ein Konsument darin einen nachvollziehbaren Vorteil erkennen?

„Bio für alle“ war und ist zu kurz gedacht. Anscheinend kann sich diese bunte Branche aber trotz aller Umwelt- und Sozialprobleme nicht auf mehr einigen.
Darum wird wahrscheinlich eines Tages, wenn die Zeit reif ist, eine neue Bewegung das Thema neu greifen. Evolution calls!


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