Anzeige

organic-market.info| Mediadaten | Impressum | Datenschutz

Crowdfunding: Geld aus dem Internet

von Karin Heinze (Kommentare: 0)


Screenshot Startnext

Laut einer aktuellen Studie von Ernst & Young und dem Center for Alternative Finance der Universität Cambridge boomen Crowdfunding sowie andere alternative Finanzierungswege in Europa. Der Markt jenseits der klassischen Bankenfinanzierung hat sich innerhalb von zwei Jahren versechsfacht und ist europaweit auf ein Volumen von 2,96 Milliarden Euro gewachsen (GB: 2,34 Mrd. Euro, F: 154 Mio. Euro, D: 140 Mio. Euro). Crowdfunding nimmt an Beliebtheit zu und bietet sich als Finanzierungsalternative für Gründer an. Startnext ist die größte Crowdfunding-Plattform im deutschsprachigen Raum. Im Jahr 2014 konnten Projekte über die Plattform rund 8 Millionen Euro einsammeln. Ein Teil des Geldes floss in den Bio- und Nachhaltigkeitsbereich. Karin Heinze besuchte Startnext in Berlin und sprach mit Projektbetreuerin Johanna Stiller (Video-Interview).

Bild: Das Crowdfunding-Unternehmen Startnext wies 2014 eine Bilanz aus, die sich sehen lassen kann.

Startups gründen mit Crowdfunding

Immer öfter hört man von Startups, die mithilfe von Crowdfunding gegründet werden. Rund 2.500 Projekten hat die Crowdfunding-Gemeinschaft Startnext in den vergangenen vier Jahren an den Start geholfen. Dabei hat die Crowd die beeindruckende Summe von 18 Millionen Euro für Projekte und junge Unternehmen über Startnext zur Verfügung gestellt. Generell ist diese alternative Art der Finanzierung relativ neu: Vorläufermodelle gab es im Musik-Geschäft seit 2003 (ArtistShare). 2009 wurde die Crowdfunding-Plattform Kickstarter in den USA gegründet. Kickstarter ist weltweit aktiv und es konnten seit der Gründung bis 2014 bereits 22.000 Projekte erfolgreich finanziert werden. Indiegogo und RocketHub sind weitere internetbasierte Schwarmfinanzierungs-Plattformen mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Im deutschsprachigen Raum wurden im vergangenen Jahr 8,7 Millionen Euro über Crowdfunding-Plattformen (plus 61 %) für 1058 Projekte (2013: 922) eingesammelt, berichtet der Online-Dienst Für-Gründer.de. Das durchschnittliche Finanzierungsvolumen pro Projekt habe deutlich zugenommen, analysiert Für-Gründer.de.

Bild: Ideen aus dem Bio-Lebensmittelbereich auf Startnext. Screenshot Startnext

Die Crowd überzeugen

Das Konzept funktioniert folgendermaßen: Auf der Crowdfunding Internet-Plattform stellen Personen oder Unternehmen ihr Projekt mittels eines kurzen Videos vor und versuchen damit Menschen aus der „Crowd“ - sprich ihre Zielgruppe - vom Sinn und Zweck ihres Produktes/Projektes zu überzeugen. Über verschiedene Social-Media- Kanäle werden in der Folge Fans und Supporter gesucht, die in einem definierten Zeitraum Geld in Aussicht stellen. Nur wenn die von den Projektinitiatoren vorgegebene Fundingschwelle bis zum Datum erreicht ist, fließt das Geld über die Crowdfunding-Plattform an die Projektinitiatoren. Das eingesammelte Geld ist zweckgebunden. Als Gegenwert werden häufig Produkte, die aus dem Projekt entstehen, angeboten, etwa in Form einer Musik-CD, Film-DVD, eines Einkaufsgutscheins, eines Lebensmittels, einer Dienstleistung etc. Oder aber der Geldgeber erhält eine stille Beteiligung, wenn das Projekt zustande kommt. Oft haben die Projekte, besonders bei Startnext, einen ideellen Wert und verfolgen ein ökologisches oder nachhaltiges Ziel.

In Deutschland gehört Startnext zu den ersten Crowdfunding-Gemeinschaften und ist derzeit mit einem Marktanteil von 83 Prozent die weitaus größte Plattform im deutschsprachigen Raum. Seit Kurzem können auch "Starter" aus der Schweiz über Startnext ein Projekt starten. In Deutschland existieren mittlerweile weitere Startnext-Subplattformen, die sich beispielsweise speziell um Sport (Fairplaid) oder Musik (musicstarter) kümmern oder Regionen abdecken (Dresden-Durchstarter, Nordstarter im Großraum Hamburg). Seinen Sitz hat Startnext in Dresden, in Berlin sind Projektbetreuung, Kommunikation und Beratung angesiedelt. Insgesamt arbeiten zehn Menschen für das unabhängige Unternehmen.

Bild: Zügiges Wachstum bei Startnext. Screenshot Startnext

Crowdfunding im grünen Bereich

Neben dem Marktführer Startnext, nennt sich VisionBakery zweitgrößter deutscher Schwarmfinanzierer, allerdings mit einem Bruchteil des finanziellen Volumens von Startnext. Das Unternehmen, das in Leipzig ansässig ist, setzt stark auf regionale, kreative und soziale Projekte mit kleinerem Geldbedarf. Im Öko-Bereich hat sich Greenvesting auf die Finanzierung regenerativer Energiekonzepte, ebenso wie die Frankfurter Plattform Bettervest. Die EcoCrowd ist ein Projekt der Deutschen Umweltstiftung, gefördert vom Bundesumweltministerium und noch im Beta-Stadium. In der Schweiz gibt es das 100.days.net, in den Niederlanden OnePlanetCrowd, eine der größten öko-sozialen Crowdfunding-Plattformen Europas, die auch grenzübergreifend arbeitet. Derzeit läuft dort z.B. eine Aktion für Bio-Seiden-Bettwäsche der Firma Seidentraum von Dr. Matias Langer aus Leipzig.

Selbst die Banken haben Crowdfunding für sich entdeckt: So haben die Volks- und Raiffeisenbanken unter dem Namen „Viele-schaffen-mehr“ eine Plattform zur Unterstützung von lokalem Engagement und sozialen Projekten aufgelegt. Seedmatch funktioniert nach einem anderen Prinzip und ist nach eigenen Angaben die größte Crowdinvesting-Plattform für Startups. Dort werden relativ große Summen für Wirtschaftsunternehmen eingeworben. Seedmatch bietet wenig im nachhaltigen Bereich an, sondern ist vielmehr im kommerziellen Sektor unterwegs. Ein Beispiel: In 15 Tagen wurden knapp 180.000 Euro für CineApp gesammelt, einen Kinoticket-Service fürs Handy.

Screenshots Startnext

Für die erfolgreiche Abwicklung von Projekten aus dem Öko- und Nachhaltigkeitsbereich auf Startnext gibt es eine Reihe ganz konkreter Beispiele: Die Geschäftsidee Original Unverpackt mit einem Pilot-(Bio)Laden in Berlin ohne verpackte Lebensmittel und Getränke konnte über Startnext fast 109.000 Euro generieren und lag schließlich 544 % über der angestrebten Fundingschwelle. Die GemüseAckerdemie, ein Öko-Gartenbau-Bildungsprogramm für Schüler schaffte immerhin rund 33.700 Euro und eine Finanzierungsquote von 224 %. Das vegane Bio-Burger-Restaurant und Foodtruck Bunte Burger sammelte von 828 Supportern über 45.800 Euro ein und das Hamburger Startup Brüdergleich, das einen veganen Jogurt namens Reisgurt aus Bio-Reis auf den Markt bringen will, brachte es auf 21.445 Euro.

Was braucht es für Crowdfunding? Eine überzeugende Geschäftsidee, kreativ und innovativ oder öko und nachhaltig, ein Produkt, das die Welt besser macht, eine Zielgruppe... Dazu ein kurzes Video und etwas Einsatz auf den sozialen Medienkanälen - übrigens hat Startnext fast 48.000 Freunde auf Facebook - schon ist eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und kann innerhalb weniger Wochen zum Erfolg führen. Als das Interview geführt wurde, war Reisgurt noch eine ganze Ecke vom Erreichen der Fundingschwelle von 17.500 Euro entfernt. Mittlerweile ist das Projekt mit einer Summe von 21.445 Euro abgeschlossen.

Bilder: Erfolgreiche Einzelhandelsprojekte von Startnext. Screenshots Startnext

 

Interview mit Johanna Stiller, Projektbetreuerin und zuständig für Online-Kommunikation bei Startnext. Video Karin Heinze

(Zusammenfassung, das Originalinterview auf BioMarktInfo-YouTube)

Welche spannenden Projekte aus dem Bio-Bereich stellen sich gerade auf Startnext vor?

Zum Beispiel das Projekt „Naturtasche“, ein leichter Bio-Baumwollbeutel in verschiedenen Größen, der dem Trend des unverpackt Einkaufens gerecht wird. Die Beutel werden in Behindertenwerkstätten hergestellt. Die Kampagne ist gerade im Endspurt. (Anm. d. Red.: Erfolgreich abgeschlossen mit 7.242 Euro).

Und im Food-Bereich gibt es auch interessante Projekte?

Ja! Gerade stellt sich eine vegane Jogurt-Alternative aus Bio-Reis namens Reisgurt vor, die sowohl für Laktose-Intolerante als auch Veganer und natürlich andere Genießer gedacht ist. Schmeckt wirklich sehr lecker. Das ist ein Hamburger Unternehmen. Wir sind bundesweit und auch in Österreich und der Schweiz tätig.

Welche Projekte im Öko-Bereich sind denn schon erfolgreich abgeschlossen worden?

Das Projekt GemüseAckerdemie, das Kindern und Jugendlichen an Schulen den ökologischen Anbau und den Wert von Lebensmitteln näher bringen will ist erfolgreich. Auch Projekte mit Bienen waren schon erfolgreich. Dem ersten Unverpackt Einkaufen-Laden hier in Berlin hat Startnext an den Start geholfen und mittlerweile wurden zwei weitere unverpackt-Geschäfte in Dresden und einer in Innsbruck erfolgreich über die Crowd finanziert. Es laufen noch zwei weitere Kampagnen für Läden in München und Schwäbisch Gmünd.

Wie viele Projekte sind insgesamt mit Startnext bisher finanziert worden und was sind Schwerpunktthemen?

Seit 2010 wurden 2500 Projekte über Startnext mit insgesamt rund 18 Millionen Euro finanziert. Die Schwerpunkte liegen in den Kategorien Musik und Film. Das liegt mit Sicherheit daran, dass diese Projekte sich besonders  gut präsentieren vorab lassen und die Unterstützer über Hörproben oder Trailer eine relativ klare Vorstellung davon bekommen, was am Ende herauskommen soll. Außerdem gibt es sehr konkrete Gegenleistungen wie beispielsweise eine CD, DVD oder Konzertkarten. Attraktive Gegenleistungen sind wichtig. In diesen Kategorien liegt auch eine gewisse Erfahrung vor und man muss nicht mehr viel erklären. Nachhaltigkeit ist allerdings zu einem Schwerpunkt von Startnext geworden, weil es unserer Community wichtig ist, die Welt zu verändern und Gutes zu tun.

Welche Grundidee steckt hinter Startnext/Crowdfunding generell?

Mit der Hilfe vieler Großes bewege, heißt das Motto. Ideen, die viele Menschen bewegen oder auch Dinge, die vielen gefallen könnten, kommen dafür in Frage. Das System ermöglicht die Partizipation der Endnutzer. Normalerweise konsumiert man eher anonym und ist nicht am Entstehungsprozess einer Produktes beteiligt – das ist bei Crowdfunding anders.

Stellt ihr fest, dass die Bereitschaft nachhaltige und Bio-Projekte zu finanzieren bei der Crowd wächst?

Ja, auf jeden Fall. Die Zahlen zeigen uns das, sowohl die Zahl der Projekte als auch die Zahl der Unterstützer wächst von Jahr zu Jahr.

Kannst Du ein paar Tipps geben, was wichtig ist für Gründer, die ihre Idee mit Crowdfunding finanzieren wollen?

Wer schon recht genau weiß, was er will, kann sehr einfach eine Projektseite bei uns anlegen. Bevor wir die Seite freischalten, geben wir ein individuelles Feedback, was eventuell noch verbessert werden kann. Wenn jemand nur eine grobe Idee hat, helfen wir vorab mit der Konzeption und beraten die Projekte. Jeder kann sich gerne mit uns in Verbindung setzen und wir geben dann eine Einschätzung ab. In Berlin bieten wir jeden Montag zwischen 16:00 und 18:00 Uhr eine Sprechstunde an.  Unsere Erfolgsquote der Finanzierung liegt bei durchschnittlich 60 Prozent. Das durchschnittlich Volumen pro Projekt liegt ganz grob bei 8.000 Euro – unser erfolgreichstes Projekt hat allerdings alleine 220.000 Euro eingesammelt.  

Kann man Crowdfunding als alternatives Finanzierungsmodell bezeichnen?

Wir sehen sogar weit mehr darin. Es geht nicht nur um das Geld, sondern um den Nutzen, den beide Seiten – das Projekt und die Community – davon haben. Außerdem hat eine Crowdfunding-Kampagne den Vorteil, dass sie schon die Markterkundung (gibt es Interessenten für meine Idee, mein Produkt) das Marketing (ich mache schon auf mein Produkt aufmerksam, das noch gar nicht auf dem Markt ist) integriert. Man kann eine Menge dabei lernen und auch wenn es im ersten Anlauf nicht klappt, ist das nicht schlimm. Im zweiten Anlauf hat es bisher immer geklappt, man hat viele Erkenntnisse im Laufe des Prozesses gewonnen und das finanzielle Risiko ist minimiert.

Wer und was steckt hinter Startnext

2010 haben Denis Bartelt, Fotograf und Gründer der Software-Agentur tyclipso.net und Tino Kreßner, Filmproduzent und Unternehmer, Startnext als erste deutsche Crowdfunding-Plattform in Dresden gegründet. Beide haben früh Erfahrungen gesammelt, wie kreative Ideen im digitalen Zeitalter gefördert werden können und schließlich 2009 begonnen Startnext zu entwickeln. Startnext ist ein unabhängiges Unternehmen, komplett selbst finanziert mit mittlerweile 10 Mitarbeitern in Dresden und Berlin. „Wir arbeiten jeden Tag daran, kreative Ideen auf den Weg zu bringen und Startnext weiterzuentwickeln“, heißt es auf der Website. Und weiter: „Alle Vordenker und kreativen Menschen müssen sich denselben Herausforderungen stellen: Ihre Idee bekannt machen, Menschen als Unterstützer gewinnen und Kapital einsammeln. Wir haben Startnext gestartet, um sie genau dabei zu unterstützen.“

Foto Startnext


Stichworte:

Betriebswirtschaft

Hintergrund/Strategie

Naturkostfachhandel


zur Startseite/alle Meldungen

Zurück

Uns interessiert Ihre Meinung. Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zum Thema!



Anzeige

Anzeige