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Großdemo in Berlin Riesenerfolg

von Redaktion (Kommentare: 0)



Die Demonstration „Wir haben Agrarindustrie satt!“ zog am Samstag,  18.1.2014 über 30.000 Menschen nach Berlin. Das Wetter spielte mit, es waren milde 6°C, und die Sonne schien auf die Massen, die sich am Potsdamer Platz eingefunden hatten. Gute vier Stunden dauerten die Veranstaltungen, die mit einer Auftaktkundgebung begannen. Die Stimmung unter den Menschen, die aus allen Teilen der Republik angereist waren, hätte nicht besser sein können: Fröhlich und zugleich kämpferisch. Es war die vierte bundesweite Demonstration dieser Art. Im vergangenen Jahr waren 23.000 Menschen gekommen.
Eine Kampfansage gab es gleich zu Beginn von mehreren Sprechern an Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied. Er hatte zur Eröffnungspressekonferenz der Grünen Woche in Berlin gesagt, dass es Massentierhaltung in Deutschland nicht gäbe (siehe Bericht der Mittelbayrischen Zeitung).

Dies sei lediglich ein Kampfbegriff von Gruppierungen, die die Landwirtschaft aufgrund falscher Informationen diskreditieren wollten. Ähnlich klang es von Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich: Er vertrat die Ansicht, dass sowohl Öko-Landwirte als auch konventionell wirtschaftende Bauern „nachhaltig und verantwortungsbewusst“ handelten. Rukwied habe vor der Demonstration gewarnt und gesagt, sie wolle einen Kübel Gülle über die Landwirte ausgießen.
(Bild links: Ein Fahnenmeer auf dem Potsdamer Platz) 

Angeführt von hunderten Bäuerinnen und Bauern sowie 70 Traktoren zogen 30.000 Menschen vom Potsdamer Platz vorbei an den Gebäuden von Bundesrat und Landwirtschaftsministerium bis vor das Kanzleramt in Berlin. Die Demonstranten forderten dort auf der großen Wiese, auf der eine Bühne aufgebaut war, von Bundeskanzlerin Merkel und Vizekanzler Gabriel einen Kurswechsel in der Agrarpolitik. Statt weiterhin „Klientelpolitik für die Agrarindustrie“ zu betreiben, solle sich die Bundesregierung für eine soziale, tiergerechte und ökologische Agrarwende einsetzen. Über 1500 Botschaften der Demo-Teilnehmer mit einem stilisierten Teller mit rosa Rand hängten sie mit Wäscheklammern an eine Leine. (Bild rechts: Etliche junge Menschen waren gekommen und brachten sich mit eigenen Ideen ein) 

 „Die Große Koalition fährt die Agrarpolitik an die Wand! Wer Megaställe genehmigt und subventioniert, wer auf Export und Freihandel setzt und dann auch noch darüber nachdenkt, Gentech-Pflanzen auf Europas Äckern zuzulassen, der lässt die Bäuerinnen und Bauern im Stich und handelt gegen die Interessen von Verbraucherinnen und Verbrauchern, Tieren und Umwelt“, sagt Jochen Fritz vom Organisationsbündnis „Wir haben es satt!“. „Wir erwarten von der neuen Bundesregierung eine Landwirtschaftspolitik, die das Arten- und Höfesterben stoppt und den Hunger in der Welt bekämpft.“
(Bild links: Gruppe aus München beim Protest in Berlin)

Die Veranstalter kritisierten besonders das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP). „Hinter verschlossenen Türen verhandelt die EU-Kommission über ein Freihandelsabkommen, das Bauern und Verbrauchern gleichermaßen schadet. Die große Mehrheit der Menschen will keine Chlorhühnchen, kein Hormonfleisch und keine Gentechnik durch die Hintertüre“, sagte Fritz. Genau das drohe aber, wenn das geplante Freihandelsabkommen abgeschlossen werde. 
(Bild rechts: Wohin man von der Tribüne aus blickte, der Potsdamer Platz war voller Demonstranten) 

Zur Demonstration aufgerufen hatte ein Aktionsbündnis, das aus über 100 Organisationen besteht, vor allem landwirtschaftliche Verbände, Imker, Natur-, Tier- und Verbraucherschützer, Entwicklungsorganisationen und Erwerbsloseninitiativen. Ganz vorne dran ist der BUND, vor allem mit der bayerischen Sektion Bund Naturschutz, Campact, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, Bioland, Demeter, Naturland sowie den kirchlichen Organisationen Brot für die Welt und Misereor. Besonders fiel auf, wer viele bunte Fahnen, Transparente und Banner zur Verfügung stellen konnte. Die Grünen traten mit einem eigenen Motivwagen gegen Gentechnik sowie einem eigenem Block auf. Auch die anderen Verbände und Organisationen starteten nacheinander geordnet in Gruppen vom Potsdamer Platz aus. Sponsoren aus der Bio-Branche waren die Biocompany, Rapunzel, Märkisches Landbrot, Alnatura, Bohlsener Mühle, Terra Naturkosthandel, Bauckhof, Upländer Bauernmolkerei, Voelkel und Ökokiste.   (Bild links: Einer von 70 Traktoren, die die Demo anführten)

Das Thema bewegt viele Initiativen, Organisationen und Einzelpersonen, so dass sie teilweise eine weite Anreise in Kauf nahmen, um nach Berlin zu kommen. Viele machten mit nachempfundenen gelben Ortseingangsschilder auf ihre Herkunft aufmerksam, die sie in die Höhe hielten. Insgesamt spiegelten die Vielzahl an Transparenten, Kostümen und selbstgebastelten Pappschildern sehr gut die Motive der Demoteilnehmer wieder und vermittelten ein gutes Bild von der enormen Breite und Vielfalt der Bewegung. Außer Neonazis seien alle willkommen mitzumachen und sich für die gute Sache zu engagieren, hatte Georg Jansen (AbL) unter großem Beifall zur Eröffnung der Kundgebung gesagt. (Bild rechts: Kreative Transparente sorgten für Abwechslung zu den Verbandsfahnen)

Häufig waren die Teilnehmer bereits am Vortag oder in Bussen über Nacht angereist, um rechtzeitig am Start um 11 Uhr dabei sein zu können. Von 12 bis 14 Uhr lief der Demozug durch die Straßen im Regierungsviertel mit einigen Stopps bei Aktionstheatern am Rande. Im Anschluss gab es eine Reihe von Ansprachen auch von internationalen Gästen. Aus Äthiopien reiste Million Belay von der „Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika“ an. Er führte aus, wie Monsanto die kleinbäuerliche Wirtschaft weltweit zerstört: In afrikanischen Ländern setzten die G-8-Staaten eine „Monsanto-Vision“ mit Einsatz von Pestiziden, einheitlichem Monsanto-Saatgut, Gentechnik und mit der Trennung von Vieh- und Ackerwirtschaft durch. „Das zerstört die auf Vielfalt basierende kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft und unsere Ernährungssouveränität nachhaltig“, kritisiert Belay. (Mehr Infos zum Kampf von Belay gegen die Gates-Stiftung hier)

Auch bei den Rednern bei der Auftaktveranstaltung gab es Grußadressen und Statements aus Großbritannien, Schweden, Frankreich, Griechenland und weiteren Ländern. Hauptzielrichtung des Protests war nicht nur die deutsche Politik, sondern gerade auch die USA mit der Einrichtung einer Freihandelszone, die unter der Bezeichnung TTIP derzeit ausgehandelt wird. Erstmals mit dabei war eine Gruppe des Bündnisses TTIP-Unfairhandelbar. Die Gegner des geplanten Freihandelsabkommens fürchten, dass im Rahmen der Verhandlungen zentrale Verbraucher-, Agrarproduktions- und Arbeitsschutzstandards der EU einer Angleichung an wesentlich niedrigere US-Normen weichen müssen und dadurch z.B. Genfood legal nach Europa exportiert werden kann.
(Bild rechts: Auftakt-Tribüne am Potsdamer Platz)

Internationale Teilnahme brachten Delegationen aus europäischen Nachbarländern wie eine Gruppe von 15 Teilnehmern aus Polen. Mit dabei war der Inhaber einer kleinen vegetarischen Naturkostladenkette sowie Frau Dorota Metera, die Leiterin einer Bio-Kontrollstelle, die sehr angetan waren von der Öko-Großdemo in Berlin. 
(Bild links: Dicht gedrängt am Potsdamer Platz)

„Keinen Meter für Hans-Peter“, skandierten Tausende von Demonstranten, als sie am Berliner Dienstsitz des neuen Landwirtschaftsministers Hans-Peter Friedrich vorbei kamen. Es wird befürchtet, dass er von Kanzlerin Angela Merkel die Anweisung erhalten hatte, sich bei den kommenden Verhandlungen der EU-Agrarminister in Brüssel nicht gegen die Einführung einer neuen Genmais-Sorte auszusprechen. Eine ganze Reihe von Sprechern adressierten zumindest in kurzen Wortbeiträgen wichtige Themen. Beispielsweise Carsten Ellenberg, der durch die Rettungsaktion für die Kartoffelsorte Linda bekannt wurde, sprach über die notwendige Vielfalt beim Kartoffelanbau.

Am Ende der Veranstaltung nahmen viele die Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung an, zum „Politischen Suppentopf“ zu kommen, und gingen ca. einen halben Kilometer zum Sitz der Stiftung, der zwischen den Bahnhofhaltestellen Friedrichstraße und Hauptbahnhof liegt. Dort konnte man sich nach der vierstündigen Demo und Kundgebung aufwärmen. Ein vollwertiges Mittagessen wurde spendiert, allerdings musste man zuvor lange anstehen, weil die grünnahe Stiftung offenbar nicht mit so viel Zuspruch gerechnet hatte.
(Bild: Grüner Demoblock vor dem Bundesrat)











(Bilder: Begeisterte junge Frau vor dem Bundestag links, Protest vor den Glasfassaden Mitte, Protestbotschaften vor dem Kanzleramt)


Tipps:
www.wir-haben-es-satt.de

Einen Tagesschau-Bericht der ARD im Miniformat vom 18.1.2014 kann hier abgerufen werden.
Ebenso ein Bericht der Heute-Redaktion vom ZDF mit einem Interview mit Rudolf Bühler von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. 

Das Aktionsbündnis "Wir haben es satt!" weist darauf hin, dass die Demo-Forderungen auf den Fakten des Weltagrarberichts beruhen, in dem 400 internationale WissenschaftlerInnen eine Neuausrichtung der Landwirtschaft fordern: www.weltagrarbericht.de
 

Statements:

Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW): „Die Menschen wollen keine Gentechnik auf Äckern und Tellern. Die Zukunft aller Landwirte in Deutschland hängt daher davon ab, ob sie weiterhin gentechnikfrei produzieren können. Es ist deshalb entscheidend, dass die Bundesregierung in Brüssel mit einem klaren Nein gegen die Zulassung des Gentech-Maises „1507“ stimmt.“ (Bild links: Prinz zu Löwenstein gibt sich kämpferisch)

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes: "Immer größere Bestände in immer intensiveren Haltungen mit immer mehr manipulierten Hochleistungstieren sind ein Irrweg. Wir brauchen ein neues Denken und Handeln in der Agrarpolitik."

Hubert Weiger
, Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „2014 ist ein entscheidendes Jahr. Es kommt darauf an, das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU zu stoppen. Dieses Abkommen gefährdet uns, unsere Kinder, die Tiere und die Umwelt. Das dürfen wir nicht zulassen. Chlorhühnchen, Hormonfleisch und Gentechnik auf dem Teller lehnen wir ab! Stattdessen brauchen wir eine Landwirtschaft, in der bäuerliche Betriebe gefördert werden statt Massentierhaltung und Export. Agrarminister Friedrich muss sich dafür einsetzen, dass mehr Geld in tiergerechte Haltungsformen fließt und dass Gentechnik und Pestizide nicht in unsere Lebensmittel gelangen.“
 
 
Kerstin Lanje, Referentin für Welthandel und Ernährung bei MISEREOR: „Milchpulver, Hühnchenreste und Schweinefleisch, die in Massen von Deutschland und der EU exportiert werden, sind so billig, dass Bauern in Afrika damit nicht konkurrieren können. Auch unsere Soja-Importe als Futtermittel für die massenhafte Fleischproduktion gehen auf Kosten der Armen in den Herkunftsländern. Riesige Flächen von wertvollem Ackerland werden für die Sojaproduktion genutzt, die dann für den Anbau von Lebensmitteln fehlen. Menschen werden von ihrem Land vertrieben. Pestizide für die anfälligen Monokulturen vergiften Menschen, Tiere und die Umwelt.“ 
 
Carlo Petrini, Präsident von Slow Food International: „Die bäuerliche Landwirtschaft ist nicht modernitätsfern, arm oder unterentwickelt. Es ist ein nachhaltiges landwirtschaftliches Modell, das natürliche und menschliche Ressourcen respektvoll nutzt und so soziale und Ernährungssicherheit weltweit garantiert. Dafür steht das diesjährige Internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe und dafür stehen wir heute in Berlin!“ (Picture by Good Food Good Farming: Carlo Petrini)
 
Eckehard Niemann, Sprecher des Netzwerks Bauernhöfe statt Agrarfabriken: „Das Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken fordert von der Bundesregierung das vollständige Verbot neuer Megaställe sowie Gesetze für eine artgerechte, flächenverbundene Tierhaltung ohne Antibiotika-Abhängigkeit, mit Auslauf und Stroh, in bäuerlich-mittelständischen Strukturen und lebendigen ländlichen Regionen – also: Klasse statt Masse zu fairen Erzeugerpreisen!“
 

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