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Interview mit Victor Ananias, Vorstandsvorsitzender von Bugday

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Der erste Schritt für ein Netzwerk der gesunden Produktion und des gesunden Konsums wurde von der Organisation Bugday 1990 getan, als sie einen Straßenmarkt im Ferienressort Bodrum am Mittelmeer ins Leben rief. Seit diesem Zeitpunkt gab es viele weitere Schritte und Initiativen, um das nationale und internationale Netzwerk für Bio-Landwirtschaft und Vermarktung der Produkte in der Türkei und im Ausland zu knüpfen. Bio-Markt.Info sprach mit Victor Ananias, dem Vorsitzenden von Bugday, über die Möglichkeiten und Herausforderung für Bio-Produkte in der Türkei. (Bild: Victor Ananias)
Victor, die Türkei hat ehrgeizige Pläne, um die Produktion von Bio-Produkten zu fördern, sowohl auf dem nationalen Markt als auch in Bezug auf Exporte. Es wird geschätzt, dass die Bio-Anbaufläche von 0,8 auf 3 % steigt, der nationale Markt seinen Wert von 5 auf 50 Millionen US-Dollar erhöht und die Exportzahlen von 150 Millionen bis 2012 auf 1 Milliarde US Dollar steigen. Halten Sie diese Zahlen für realistisch?

Die Motivation im Land ist stark, genauso wie die Ziele, die durch Genossenschaften, die Regierung und zivile Organisationen gesteckt wurden, das ist richtig. Unser nationales Komitee für Bio-Landwirtschaft besteht aus etwa 35 Mitgliedern aus allen drei Organisationsformen, und diese haben gemäß ihren Visionen in den letzten Jahren einen Nationalen Aktionsplan ins Leben gerufen. Wir haben starke Vorteile und viele Stärken, um diese Ziele über kurz oder lang zu erreichen. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass die schnelle Abwanderung der Bevölkerung aus ländlichen Gegenden in die Städte eine Besonderheit unserer Gesellschaft, nämlich die gemeinsam zu handeln, geschwächt hat. Das stellt ein Problem dar.

Dies ist das einzige ernsthafte Hindernis, das eine Verzögerung bei der Erreichung unserer Ziele in der Bio-Landwirtschaft bewirken kann. Aber ich bin zuversichtlich. Wir sind nicht weit entfernt von unseren Wurzeln, von unserem kulturellen Hintergrund, zusammenzuarbeiten, von den Grundlagen einer gesunden Ernährung, von fairem Handel und von nachhaltiger Produktion. All diese Werte sind unserer Generation noch geläufig - wir kennen diese Gefühle und den Geschmack naturbelassener Lebensmittel. So ist es nicht einfach, die oben genannten Zahlen zu beurteilen. Für mich sind sie erreichbar, wenn wir daran glauben. Ansonsten ist die eingeschlagene Richtung gut, nur die Zeitleiste mag sich noch verändern.

Eine große Herausforderung ist die fehlende Gesetzgebung. Was gibt es in dieser Richtung Neues? Arbeitet die Regierung an diesem Thema?

Die türkische Regierung hat Einiges auf Gesetzesebene bewegt. Wir waren eines der ersten Länder, das Vorschriften und Gesetze für die Bio-Landwirtschaft geschaffen hat. Das einzige Hindernis dabei ist, dass unsere Gesetzgebung sich auf den Export bezieht, da die Bio-Branche des Landes ursprünglich auf diesen Bereich ausgerichtet war. Aber mit Hilfe von Organisationen wie uns, Mitgliedern des nationalen Führungskomitees, haben wir mehr oder weniger Vorschriften entsprechend den nationalen Gegebenheiten und entsprechend der EU-Gesetzgebung verabschiedet. Wir haben nicht mehr Schwierigkeiten als jedes andere europäische Land in Bezug auf die Gesetzgebung. Das heißt aber natürlich nicht, dass alles überall im Land tatsächlich auch in die Praxis umgesetzt wird. Kontrollen, Zertifizierung und Etikettierung sind Bereiche, die funktionieren, aber wir haben noch keinen eindeutigen Standard in der Sprache der Landwirte formuliert, der auch händlerfreundlich ist.

Welche Interessengruppen sind für die erfolgreiche Entwicklung der Bio-Landwirtschaft und den entsprechenden Markt in der Türkei wichtig?

Unsere Landwirte sind mehr oder weniger erfahren, meist Kleinbetriebe, und sie sind es gewöhnt arbeitsintensiv zu wirtschaften, was bereits vollständig oder annähernd nach Bio-Richtlinien geschieht. Ebenso unterstützt die Regierung auf der Gesetzesebene. Es gibt einige günstige Kreditmöglichkeiten und höhere Direktzahlungen an Bio-Produzenten. Landwirtschaftliche Produktionsfaktoren sind mehr und mehr auf dem Markt verfügbar, und es gibt 14 Kontroll- und Zertifizierungsbehörden. Die einzige und wichtige Interessengruppe, die Akteure in der Entwicklung der einheimischen und fremden Märkte, sind die türkischen Verbraucher.

Wie ist der gegenwärtige Stand der Dinge? Wo können die Verbraucher in der Türkei Bio-Produkte kaufen? Erzählen Sie uns über die Tätigkeiten von Bugday.

Bis vor fünf oder sechs Jahren betrug der einheimische Konsum von zertifizierten Bio-Produkten weniger als 1 %.Unsere Organisation hat die Pioniere der Naturkostbranche unterstützt und organisiert, wie beispielsweise die ersten Naturkostläden, die Großhändler, die durch die Gemeinden geförderten landwirtschaftlichen Systeme und Abokisten im Lieferservice. Aber wir waren nicht wirklich sehr erfolgreich - bis wir den ersten Marktplatz mit 100 % Bio-Produkten ins Leben gerufen haben. Wir haben uns in unserem Parlament für die Änderung des Stadtrechtes eingesetzt, das das kommunale Gesetz für frisches Obst und Gemüse regelt. Es gestattete den Landwirten nicht, ihre Produkte in den Städten zu verkaufen. Dies hat sich für konventionelle Landwirte nicht geändert. Nach einiger Zeit konnten wir es zugunsten von Bio-Produzenten ändern. Sie sind nun die Einzigen, denen es gestattet ist, ihre frischen Produkte in unsere Städte zu bringen und zu verkaufen. Daraufhin trafen wir zuerst eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit der Stadtteilbehörde Sisli in Istanbul (Bild), dann mit Samsun am Schwarzen Meer und Antalya am Mittelmeer. Wir riefen in den letzten drei Jahren die ersten drei Marktplätze ins Leben, und diese sind seither sehr erfolgreich. Man kann sie als Motoren des einheimischen Marktes betrachten. Die Macht der Verbraucher zeigt sich dort - tausende von einheimischen Familien kaufen ihren Wochenbedarf an Bio-Produkten auf diesen Märkten. Unsere Organisation garantiert Produktvielfalt und Bio-Zertifizierung. Die Preise werden kontrolliert und so reguliert, dass sie nicht mehr als 30 % über denen der konventionellen Produkte liegen. Die wichtigste Interessengruppe ist die der Verbraucher, die Bürgerbewegung. Bugday arbeitet seit seiner Gründung vor 18 Jahren mit ganzheitlichem Ansatz auf verschiedenen Ebenen – auf der politischen, im Bildungsbereich, international und damit, verschiedene Netzwerke aufzubauen.

Große konventionelle Firmen sind ebenfalls bereit, die Bio-Branche voranzutreiben. Wer sind wichtige Akteure in diesem Bereich?

Wir haben diverse Geschäftsleute, die aktiv sind, Unternehmer, die in verschiedenen Bereichen der Bio-Produktion investiert haben. Einige davon sind:
Die Unternehmerin Gürsel Tonbul, vormals Lehrerin und Reiseveranstalterin in Kusadasi, die auf 300 Hektar sowohl einen Hof als auch einen Verarbeitungsbetrieb unterhält und die Entwicklung der regionalen Bio-Produktion unterstützt.
Aydin Dogan, ein Medienchef, baute in seiner Heimatstadt Kelkit Gümüshane im Osten des Landes einen Milchbetrieb auf. Er besitzt mehr als 1000 Tiere und verkauft im ganzen Land hochwertige Milch unter dem Markennamen Pinar.
Hidir und Enis Oktay, Vater und Sohn, die eine Elektrofirma betreiben, mieteten von der Regierung auf Gökceada, der größten Insel der Türkei im ägäischen Meer, ein 300 Hektar großes Gelände mit einem Hof. In der Milchfabrik auf dem Gelände werden unter anderem Käse, Joghurt und Ayran sowie Olivenöl hergestellt.

Das Paar Semih und Neylan Dinler begannen ihre Aktivitäten im Bio-Bereich an der Mittelmeerküste mit der Produktion von Olivenöl. Kürzlich haben sie eine Fabrik in Istanbul gebaut und etliche Produzenten unter Vertrag genommen. Dort werden 35 verschiedene Bio-Kosmetika und 55 Produkte im Bereich Lebensmittel produziert. Die Rohmaterialien werden aus dem gesamten Land geliefert. Diese Fabrik produziert alle Inhaltsstoffe, essentielle Öle und Basisöle für ihre Kosmetikprodukte selbst.
Viele weitere Investitionen und Forschungen haben die Bio-Branche vorangetrieben, insbesondere in den letzten fünf Jahren.

Deutsche Käufer von Bio-Produkten kennen nur Feigen und Rosinen aus der Türkei. Es gibt doch sicherlich noch viel mehr Exportprodukte. Wo sehen Sie das größte Potenzial - Bio-Baumwolle?

Wir exportieren seit über 25 Jahren große Mengen an getrockneten Bio-Aprikosen, Haselnüssen, Baumwolle, Rosenöl, Mandeln, Linsen, Kichererbsen, Oregano, Fruchtkonzentrate und Säfte. Obwohl wir im allgemeinen der wichtigste Exporteur für diese Produkte sind, bieten wir auch noch viele traditionelle Fertigprodukte wie beispielsweise wilden Pistazienkaffee, Fruchtpasten, Tarhanasuppe, Kosmetik aus unseren Wildpflanzen und unseren kultivierten Heilpflanzen an, sowie auch Ölsamen, um einige Beispiele zu nennen. Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten für neue Investitionen – sowohl auf der Stufe der Entwicklung als auch für neue Produktlinien, sowohl für den einheimischen Markt als auch für den internationalen Markt.

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