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Lidl-Bioland: Kampagne läuft

von Horst Fiedler (Kommentare: 3)


Wenn Bioläden zum Jahresanfang nicht mehr so viel Bioland-Milch wie gewohnt verkaufen, kann das einen einfachen Grund haben: Ihre Kunden decken sich bei Lidl ein und sparen dabei Geld.

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Kommentar von Georg Rieck |

„Viele Menschen sind auf der Suche nach Bio zu bezahlbaren Preisen. Ihnen muss auch der Fachhandel ein Stück entgegengehen.“
Lieber Horst Fiedler,
es ist unstreitig gut, wenn sich alle Partner einer Wertschöpfungskette gemeinsam darum bemühen, unnötige Kosten zu vermeiden. Aber dabei darf es nicht darum gehen, das goldene Kalb „Effizienz“ so lange zu umtanzen, bis nur der Stärkste übrig ist.
Kleinteiligkeit und Vielfalt sind zwei ökologische Prinzipien aus denen wir unsere Ziele ableiten müssen! Der Anspruch, der Ökologie die Priorität vor der Ökonomie einzuräumen, begeistert heute viele und immer mehr Menschen, denn die Notwendigkeit für diese Sichtweise wird immer dringender: Klimawandel, Artensterben, Plastikmüll u. v. m.
Warum also wollen Sie den Fachhandel unbedingt auf die falsche Piste treiben?
Die Konkurrenzangst mag dazu geeignet sein, das Denken einzustellen – das brauchen wir nicht! Wir brauchen, ganz im Gegenteil, den ungeheuren Mut, die richtigen Wege zu gehen, auch wenn diese von der meinungsbildenden Mehrheit zur Zeit für falsch erachtet werden. Das können wir doch – haben wir seit 40 Jahren geübt – sind nur zwischenzeitlich ein bisschen fett und schlapp geworden vielleicht.
Wenn wir uns jetzt dazu verführen lassen, auf unsere Partner der Vorstufe Preisdruck auszuüben, haben sie uns. Dann ist unsere Existenz tatsächlich nicht mehr notwendig. Denn damit würden wir ein Hauptunterscheidungsmerkmal zu den Handelskonzernen verlieren, die mit dem gnadenlosen Einsatz des Preisdrucks erst ihre Vorstufen in den Ruin getrieben haben und jetzt ihre Marktmacht dazu missbrauchen, um weltweit die Erzeugerstrukturen unter Druck zu setzen und damit das ökologische und soziale Desaster anrichten, das heute die europäischen, demokratischen Gesellschaften fast auseinander brechen lässt – ganz zu schweigen von der weltweiten Sklaverei. Wenn die Probleme, die unsere Generation dem Planeten aufgehalst hat, zu einem guten Ende gelöst werden sollen, muss ökologisch ausgerichteten Prinzipien Vorrang vor den sogenannten „ökonomischen Gesetzen“ eingeräumt werden. Das bedeutet für den Handel mit Lebensmitteln die Verpflichtung, genau den Mehrwert zu erwirtschaften, den die Produzenten benötigen, um sorgfältige und wertschätzende Arbeit zu leisten.
Die Idee, „den Menschen auf der Suche nach bezahlbaren Preisen entgegen zu kommen“ führt in die Irre – ganz und gar in einer übersättigten Wohlstands-gesellschaft.
Außerdem ist es darum niemals gegangen und darum geht es auch jetzt nicht! Nein, es geht um die zehn Milliarden Umsatz der Bio-Branche! Das ist den Konzernherren ein Stachel im Fleisch, dass ihnen die „Hippies“ 10 Milliarden Umsatz weggenommen haben. Die wollen sie wieder haben – das ist alles!

Antwort von Horst Fiedler

 

Lieber Georg Rieck,

mein Ansinnen ist doch nur, dass sich Großhändler zusammensetzen und sich eine effiziente Arbeitsteilung bei der Logistik überlegen. Sie soll dem Fachhandel helfen, Kosten zu sparen, also effizienter zu werden. Die AG-Wert, bestehend aus mehreren regionalen Bio-Großhändler, die Alnatura mit Frische beliefern, ist vielleicht ansatzweise ein Beispiel dafür, wie Aufgaben in der Branche sinnvoll verteilt werden können, ohne die „Vielfalt“ zu gefährden. Alnatura hat diese AG sicher nicht aus Nächstenliebe ins Leben gerufen, sondern aus Gründen der Effizienz und des ökologischen Anspruchs.

Auch der Facheinzelhandel könnte in vielen Bereichen gemeinsam agieren und sich dadurch viel Arbeit und Kosten sparen. Es geht am Ende darum, den Preisabstand zwischen Verbandsware im Discounter und im Fachhandel nicht allzu groß werden zu lassen. Kunden, die vergleichbare Produkte jeweils zum deutlich höheren Preis kaufen, gibt es schließlich nicht allzu häufig. Der Fachhandel hat seinen Kunden über Jahre eingetrichtert, dass Verbandsware das Premium-Bio ist. Jetzt ist diese Ware auch im Discounter erhältlich ‒ und zwar billiger, weil der Vertriebsweg effizienter ist. Solange Einkommen begrenzt sind, wird der Preis für die Verbraucher eine wichtige Rolle beim Einkauf spielen ‒ auch bei höchsten Ansprüchen an den Erhalt des Planeten. Verbandssiegel machen Ware pauschal vergleichbar, so dass der Kunde sich weniger mit der Qualität beschäftigen muss. Als Entscheidungskriterium bleibt der Preis.

Mit einem verklärten Blick auf den Fachhandel kann man natürlich zu dem Ergebnis kommen, dass hier noch die heile Welt vorherrscht, die jedem, der sich unter „Kleinteiligkeit und Vielfalt“ subsumieren lässt, ein hinreichendes Auskommen garantiert. In Wahrheit ist der Preiskampf doch vor allem hier in voller Härte im Gange. Für viele unserer Hersteller sind Jahresgespräche der berühmte Gang nach Canossa. Bei Edeka und jetzt wohl auch bei Lidl, werden Erzeuger und Verarbeiter dagegen hofiert und erhalten sogar bessere Konditionen ‒ nach den Marktgesetzen natürlich nur so lange, bis Abhängigkeiten geschaffen worden sind. Der Fachhandel praktiziert unterdessen schon längst den „gnadenlosen Einsatz des Preisdrucks“, vor dem Sie warnen. Auch wenn es 40 Jahre gut gegangen ist: Seit etwa drei Jahren setzen LEH, Discounter und Drogeriemärkte stärker auf Bio und wollen damit auch Kunden gewinnen. Deshalb lässt sich der Pfad der Tugend nicht mehr so einfach beschreiten wie früher. Durchhalteparolen sind da nicht hilfreich. Es muss gehandelt werden!

Natürlich kann und muss der Bio-Fachhandel selbstbewusst seine Leistungen kommunizieren und weiter deutlich machen, warum ökologische Landwirtschaft teurer und besser ist als konventionelle. Aber er muss auch den kaufmännischen Bereich durchforsten und entlang der Wertschöpfungskette prüfen, wo Egoismen zu Fehlentwicklungen geführt haben ‒ was also nicht zwingend zur Erreichung der ökologischen und ökonomischen Ziele notwendig ist. Der Fachhandel soll nicht auf die Preisschiene gedrückt werden, sondern ein Gleichgewicht finden zwischen allen Faktoren, die beim Kauf entscheiden. Sonst streichen die Handelskonzerne auch noch die drei Milliarden Euro Umsatz ein, die die „Hippies“ umsetzen. Sechs der zehn Milliarden Euro Bio-Umsatz haben sie ja bereits unter ihrer Kontrolle.                                                                                                                                                     

Kommentar von Edgar K. Rieflin |

Es braucht einen Verband, der nicht nur mit den Lieferketten verhandelt. Dies wäre zu einseitig und viel zu kurz gegriffen. Natürlich sind Kosteneinsparungen möglich und notwendig. Dafür braucht der Verteilerhandel ein anderes Abnahmekonzept, welches ihm und dem Einzelhandel eine Perspektive gibt.
Bisher lässt sich der Einzelhandel, was Sortiment angeht, von den Herstellern und in Folge auch des Verteilers, vor sich hertreiben und ist gezwungen Dinge zu listen, die eigentlich gar nicht in das Konzept passen. Ich schlage zur Diskussion also vor: a. eine Gemeinschaft innerhalb des BNN. b. eine Gemeinschaft, die nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die Qualität achtet, c. Auftritt unter einem Sigel, ähnlich wie ZEG (Fahrrad), das Handwerk, oder Genossenschaftsverband des deutschen Biofachhandels. Der könnte auf die Qualitäten und die Sortimente des Fachhandels Einfluss nehmen und brancheneigene Produkte herstellen lassen, deren Namen nicht überall verkauft werden könnte. Der Fachhandel ist schon lange nicht mehr in der Lage, den Erzeugern die Ware abzunehmen, oder geschweige denn den Herstellern ihre Produkte zu vermarkten. Diese werden sich neue Absatzmärkte suchen müssen und könnten eventuell den Biogroßhandel dazu nutzen, auch Lebensmittelketten zu beliefern.

Kommentar von Georg Rieck |

Werter Horst Fiedler,
In Ihrer Antwort schreiben Sie:
„Es geht am Ende darum, den Preisabstand zwischen Verbandsware im Discounter und im Fachhandel nicht allzu groß werden zu lassen."
Genau das kann nicht gelingen. Denn ein Grundgesetz des Discounts lautet: „Der Verkaufspreis hat mit dem Einkaufspreis nichts zu tun“.
Das bedeutet, dass der VK-Preis im Geschäft des Discounts nur noch die Funktion der psychologischen Beeinflussung des Endkunden hat.
Das ist wie bei Hase und Igel – das kann niemand gewinnen.
Ganz im Gegenteil müssen wir uns als Partner einer Wertschöpfungsgemeinschaft verstehen. Es ist unsere Aufgabe, die Werte zu generieren, die notwendig sind, um diesen schrecklichen, überall sichtbaren, schleichenden Verfall jeglicher Qualität zu stoppen und ins Gegenteil zu verkehren. Unsere Aufgabe ist es ökologisch positiv wirksames Handeln zu ermöglichen. Das wird immer schwieriger und teurer. Daher ist es kontraproduktiv ständig dem Druck des Discounts folgend, nach Preissenkungen zu rufen – im Gegenteil müssen wir all unsere Fähigkeiten dazu verwenden die Preise durchzusetzen, die notwendig sind, um das Ziel zu erreichen.
Sie schreiben:
„In Wahrheit ist der Preiskampf doch vor allem hier in voller Härte im Gange. Für viele unserer Hersteller sind Jahresgespräche der berühmte Gang nach Canossa. Der Fachhandel praktiziert unterdessen schon längst den „gnadenlosen Einsatz des Preisdrucks““
Dieser „Fachhandel“, der sich den als schädlich erkannten „Regeln“ des LEH auf der Einkaufsseite unterwirft, der sich korrumpieren und konventionalisieren ließ, wird in naher Zukunft entweder gekauft, oder er verschwindet. Einfach deshalb, weil er wegen mangelndem Profil zwischen den Konzernen flach gemacht wird.
Sie schreiben:
„Deshalb lässt sich der Pfad der Tugend nicht mehr so einfach beschreiten wie früher. Durchhalteparolen sind da nicht hilfreich. Es muss gehandelt werden!“
Tatsächlich ist es an der Zeit, sich mit der Rolle des Fachhandels grundlegend auseinanderzusetzen. Was wird Bio-Fachhandel zukünftig sein? Ich bin davon überzeugt, dass an dieser Stelle eine Richtungsentscheidung zu fällen ist: Entweder wir setzen uns weiter für eine Umsteuerung der Lebensmittelwirtschaft nach ökologischen Prinzipien ein, gehen voran und sind Leuchttürme einer „Kulturrevolution“, oder wir werden Kaufleute unter Kaufleuten mit der Hoffnung auf ein Greening der konventionellen Lebensmittelwirtschaft, mit großem Identitätsverlust und schlechten Überlebenschancen im Haifischbecken.
Für das Erste bezahlen uns die Kunden, das Zweite braucht eigentlich niemand wirklich, denn das machen die Marketingabteilungen der Konzerne tatsächlich effektiver, weil ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt … !
Vielleicht müssen sich hier auch die Wege trennen? Ich will nur den ersten Weg gehen, denns, Alnatura und andere konventionalisierte Filialisten vielleicht lieber den zweiten?


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