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Biolebensmittelcamp: Schluss mit „man müsste“

von Daniela Nickel (Kommentare: 0)


Etwa 80 Fach-Teilnehmer*innen nutzten die Ideenwerkstatt um aktuelle Themen der Bio-Branche voranzubringen.© Biolebensmittelcamp. (YouTube/Biolebensmittelcamp)

Zeit für Lichtblicke, Geistesblitze und Sternstunden bot das 3. Biolebensmittelcamp in Fulda. Veranstalter Wolfgang Falkner, Geschäftsführer der CampCompany, will der Bio-Branche mit seiner Ideenwerkstatt trotz aktueller Probleme Mut machen. In BarCamp-Manier diskutierten die Teilnehmer über 14 ausgewählte Themen. Schnell kristallisierte sich heraus, was die Branche besonders umtreibt: Klimawandel, Verpackungsflut, Arbeitsbedingungen und Generationswechsel.

Klimaneutralität bis 2030: „Veränderung muss aus uns heraus kommen“

Nur wenige Probleme fordern die Menschheit so stark heraus wie der Klimawandel. Auch wenn die Bio-Branche einen Löwenanteil zum Klimaschutz beträgt, fehlt es an essentiellen Maßnahmen. Jonathan Mesecke von Naturkost Elkershausen ist überzeugt, dass neben den Konventionellen auch die Bios wieder zurückbesinnen müssen: „Der Kapitalismus hat dazu geführt, dass planetare Grenzen überschritten wurden.“ Zwar sehe sich die Bio-Branche gern in einer Vorbildrolle, letztlich gehöre sie ebenso zum System.

"Die Bio-Branche ist insbesondere in der landwirtschaftlichen Erzeugung ein gutes Stück nachhaltiger als die konventionelle Landwirtschaft. Im Lebensmittelverarbeitungsbereich und über die Wertschöpfungskette gibt es jedoch auch Defizite, die in den letzten Jahren stärker geworden sind. Beispielsweise den Ressourcenverbrauch sowie den CO2-Ausstoß  in Sachen Verpackung, aber auch in der kleinteiligeren Logistik."

Jan Niessen, TH Nürnberg 

 

Gerade bei Transport und Verpackungen, waren sich die meisten Diskutanten einig, braucht es drastische Veränderungen. Katharina Reuter, Geschäftsführerin von UnternehmensGrün, sprach sich für Verbote und wahre Preise aus. „Schlechte Materialien müssen teurer werden“, findet sie. Dasselbe gelte für klimaschädliches Handeln.

Verpackungsflut stoppen – nicht ohne Verlust

Auf Verpackungen verzichten? Das scheint im bestehenden System unmöglich: „Verpackungen sind das Schmiermittel unserer Wirtschaft“, sagte Jan Niessen, Professor an der TH Nürnberg. Ohne sie würden die Produktvielfalt, Hersteller und (Müll-)Industrie schrumpfen – ebenso wie der Wohlstand.

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Entgegen dieser Einschränkungen regte Stefan Voelkel, Geschäftsführer der gleichnamigen Naturkostsafterei, ein neues Mehrwegsystem an: gleiche, ungebrandete Gläser, Flaschen und Kisten, die herstellerübergreifend wiederbefüllt werden können. „Wichtig ist, dass wir aufhören mit dem ‚man müsste‘“, so Georg Neubauer von Blattfrisch.

Es geht nicht nur ums Geld

Bio-Unternehmen konkurrieren mit den Konventionellen nicht nur beim Verkauf ihrer Produkte. Es wird für sie auch schwieriger, Fachkräfte zu gewinnen. Das Problem: Große Lebensmittelhändler können ihren Mitarbeiter durch höhere Umsatz- und Handelsspannen meist höhere Löhne zahlen als die meisten Bio-Unternehmen.

Doch die Bezahlung ist nicht die einzige Stellschraube, um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Oft wird das Gehalt zur sekundären Entscheidung, wenn der Arbeitgeber bestimmte Werte ehrlich vertritt und einen fairen Arbeitsrahmen bietet. In der Bio-Branche würden Bewerbern oft flache Hierarchien kommuniziert, aber nicht gelebt, kritisierte Nicole Breisinger, Geschäftsführerin bei Sunflower Family.

 

 

 Man geht nicht um 17 Uhr nach Hause und sagt sich,
das war’s jetzt, morgen fang ich wieder damit an,
über die Arbeit nachzudenken.

Anne Baumann, AöL


Manuel Pick schlug vor, alte Strukturen aufzubrechen, um gute Bewerber anzusprechen. Dazu gehöre auch, mehr Transparenz im Unternehmen zuzulassen. Junge Bewerber legen oft Wert auf Arbeitszeiten, die sich mit Familie und Freizeit gut vereinbaren lassen. Dieser Wunsch nach Work-Life-Balance stellt gerade Pionier-Unternehmen vor eine große Herausforderung. Jan Niessen: „Momentan treffen alte Selbstausbeuter auf eine neue Generation von Arbeitnehmern.“ Das beobachtet auch Anne Baumann, zuständig für Presse und Öffentlichkeit bei der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL). Doch man könne es den jungen Bewerbern nicht verübeln, wenn sie sich nach einer guten Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben sehnen.

Generationswechsel: Wie gelingt eine erfolgreiche Übergabe?

Eine ihrer schwierigsten Aufgaben erwartet Unternehmer*innen am Ende ihres Arbeitslebens. Nämlich dann, wenn sie ihren Betrieb an einen Nachfolger übergeben wollen.

Wenn klar ist, wer den Betrieb künftig leiten wird, kommt es darauf an, genügend Zeit einzuplanen. Nur so könne man den Wechsel gut vorbereiten und durchziehen, rät Prisca Wende. Es lohnt sich aus ihrer Sicht, wenn  Mediatoren, Anwälte, Prozess- und Steuerberater die Übergabe begleiten.

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Wer ein Bio-Unternehmen von den Eltern übernimmt, hat Bio mit der Muttermilch aufgesogen. Aber reicht das, um mit dem Unternehmen auch dessen Werte zu übergeben? Wissenschaftler von der Universität Kassel haben das untersucht.

Das „Reinwachsen und Rauswachsen“ haben Gudrun Schweisfurth und ihre Nichte Sophie von den Hermannsdorfer Landwerkstätten gerade durchlebt. Nach gut zweieinhalb Jahren ist ihnen der Generationswechsel gelungen. Für Gudrun und Karl Schweisfurth war es wichtig, die „unternehmerische Verantwortung so zu übergeben, dass es kein Zurück mehr gibt“. Nur so könne die nachfolgende Generation auf der Basis alter Erfahrungen neue Wege einschlagen.

Das Beispiel von Familie Schweisfurth zeigt, die Übergabe kann weitestgehend reibungslos und ohne Zwist gelingen. Ihnen halfen regelmäßige Treffen, genügend Zeit, klare Übergabestrukturen und externe Moderation. Essenziell sei, so Prisca Wende, dass alle Fragen, Ängste, Wünsche und Probleme offen auf den Tisch kommen und rechtzeitig geklärt werden.

Impulse mit in den Alltag nehmen

Auch das 3. Biolebensmittelcamp bot seinen Teilnehmer*innen eine Plattform für Kritik, Zukunftsmusik und Selbstreflexion jenseits von Selbstlob und Schulterklopfen. Man diskutierte offen, was die Branche blockiert, und was sie für ein lebenswertes Morgen leisten kann. Dabei wurde deutlich: Die Bio-Branche kann vieles schaffen – wenn sie den Konjunktiv über Bord wirft. Ihre Akteure müssen Ideen umsetzen und gemeinsam vorangehen. Nur so kann sich die Branche aus ihrer ewigen Opferrolle gegenüber den Konventionellen befreien.

 

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