Anzeige

Sind wir die Nachhaltigsten?

von Redaktion (Kommentare: 2)


Kommentar von Horst Fiedler

Wem bislang nicht bewusst war, dass die Steigerung von nachhaltig Rewe Bio ist, sollte den aktuellen Angebotsflyer des Handelskonzerns zur Hand nehmen, der ab heute gültig ist. Mit dem 20 Seiten umfassenden Papier vermittelt die Rewe dem Kunden eine schöne nachhaltige (und preiswerte) Bio-Welt in ihren Filialen.

Wenn diese Woche weniger Geld in die Bioladen-Kassen fließt, dann kann das an der großen Bio- und Nachhaltigkeitsaktion von Rewe liegen. Unter der Überschrift „Gesünder ernähren. Bewusster leben“ will der Handelskonzern verantwortungsbewusste Käufer in seine Märkte locken. „Saisonal führen wir bis zu 3.647 Bio-Produkte“, heißt es da vielversprechend. Mehr Artikel als mancher Bioladen zu bieten hat, stehen also zeitweise in den Regalen von Rewe. Rund 450 davon gehören zur Eigenmarke Rewe Bio. „Unsere Eigenmarke Rewe Bio ist Vorreiter, was neue Standards und eine nachhaltigere Produktion anbelangt“, heißt es da werbewirksam mit dem Hinweis, dass jedes zweite Produkt mit dem Siegel des Naturland-Verbandes ausgezeichnet ist.

Dem aufmerksamen Leser stellt sich natürlich die Frage, im Vergleich zu welcher Produktion Rewe Bio nachhaltiger ist? Das riesige konventionelle Sortiment des Handelskonzerns kann nicht gemeint sein, denn das ist ja nicht annähernd nachhaltig produziert. Und da Rewe Bio zur einen Hälfte aus EU-Bio besteht - dem untersten Level in der Bio-Produktion - kann es allenfalls nachhaltig sein, aber nicht „nachhaltiger“.

Superlative sind fehl am Platz
Die deutsche Sprache lässt ja viele inhaltlich nicht begründbare Steigerungen zu. So können Wassergläser voll sein, voller und am Vollsten. Auch Kassen, die bereits leer sind, können leerer sein, und die Kassen der Kommunen sind traditionell am Leersten. So wenig Sinn wie eine Steigerung bei den genannten Beispielen ergibt, so wenig sinnvoll ist es auch bei Nachhaltigkeit, Superlative zu bemühen. Entweder es ist etwas nachhaltig oder nicht. Nachhaltigkeit muss an den Erfordernissen ökologischer Kreisläufe gemessen werden, alles andere sind Bemühungen, das Ziel Nachhaltigkeit zu erreichen. Aber von dem Ziel sind wir alle noch weit entfernt. Wer Nachhaltigkeit erreichen will, kann nicht heute schon „nachhaltiger“ sein  - schon gar nicht mit Rewe Bio.

Die Bemühungen von Rewe sind ohnehin wenig glaubwürdig, weil alle Bio-Angebote dem Preishammer unterliegen. Bis zu 23 Prozent kann der Kunde bei einzelnen Produkten sparen. Auch bei Produkten mit UTZ-, Fairtrade- und Rainforest Alliance-Labeln, die eigentlich den Bauern in Übersee helfen sollen, ihr Einkommen zu verbessern, gibt es bis zu 20 Prozent Nachlass. Und mit dem MSC-Fischangebot ist Rewe ebenfalls noch weit von Nachhaltigkeit entfernt, denn eine Bestandssicherung der Arten ist mit diesem Label nicht verbunden.

Fachhandel kann nicht gemeinschaftlich reagieren
Ein zweiter Werbeflyer, der einen Teil der übrigen 23.000 konventionellen Produkte bewirbt, darunter viel Fleisch mit bis zu 44 Prozent Nachlass, lässt es mit der Nachhaltigkeit bei Rewe ohnehin sehr schlecht aussehen. Es sind halt nach wie vor zwei Welten beim Handelskonzern, wobei die Bio-Welt dort nur ein kleiner Trabant der konventionellen Welt ist. Sein fahles Licht vermag noch lange nicht das ressourcenfressende und umweltschädliche Kerngeschäft zu überstrahlen. Dennoch wird sich der Handelskonzern wieder als verantwortlich für Mensch und Umwelt in den Köpfen der Verbraucher verankern können.

Der Naturkostfachhandel kann darauf nicht reagieren. Denn er verzichtet zurzeit noch auf eine gemeinsame Imagewerbung, weil jeder gern seines eigenen Glückes Schmied sein will und Marketing-Ausgaben scheut (im Schnitt investiert der Naturkosteinzelhandel laut Kommunikationsberatung Klaus Braun gerade mal 1,1 Prozent vom Umsatz für Marketing/Werbung). Wäre man da schon weiter, könnte der Fachhandel werbewirksam eingreifen und nach der Rewe-Diktion heute verkünden: „Wir sind die Nachhaltigsten!“.

Info: Zu finden ist der Prospekt auf der Rewe-Website im Bereich "Angebote". Um ihn aufzurufen, gibt man in der rechten Spalte die eigene Postleitzahl ein. Es erscheint zunächst das Prospekt mit konventionellen Angeboten, ab Seite 13 beginnt die Bio-Version.


Stichworte:

Marketing

LEH


zur Startseite/alle Meldungen

Zurück

Uns interessiert Ihre Meinung. Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zum Thema!


Kommentar von Georg Rieck |

"Wenn diese Woche weniger Geld in die Bioladen-Kassen fließt, dann kann das an der großen Bio- und Nachhaltigkeitsaktion von Rewe liegen."

Lieber Horst Fiedler,

hör´doch bitte mit diesen Untergangssprüchen auf! Auch wenn sie "gut gemeint" sein sollten, weil Du glaubst, den Fachhandel damit auf Trab bringen zu müssen, ist es kontraproduktiv eine negative Stimmung zu erzeugen. Die Ermutigung der Naturkostunternehmen wäre wichtig und richtig, denn das Tante - Emma - Sterben - Trauma sitzt tief. Auf keinen Fall dürfen wir (Naturkostfachhandel) uns ins Bockshorn jagen lassen, nur weil der LEH jetzt eine sehr starke BIO - Offensive startet!


Die entscheidende Frage wird letztendlich sein, ob wir uns mit dem LEH um einen begrenzten Nischen - Kuchen balgen müssen, oder ob in der Gesellschaft wirkliche Veränderungen stattfinden, die zu einem starken Kuchenwachstum führen. Dann hätte der Naturkosthandel nämlich einen Platz in der Ehrennische! In dieser Frage brauchen wir eine gute Expertise, sowie Mut und Hirn! Arbeite bitte daran!

Georg Rieck

Kommentar von Horst Fiedler |

Lieber Georg Rieck,

wer denkt denn bei einer Woche weniger Geld in der Kasse gleich an Untergang? Wichtig ist doch, die Zahlen im Blick zu behalten und nach Ursachen zu suchen, um entsprechend reagieren zu können. Man kann natürlich auch die Augen verschließen und darauf hoffen, dass der Bio-Kuchen immer größer wird und man eines Tages vom LEH per Sänfte in die Ehrennische getragen wird.

Schauen wir auf die Entwicklung, dann wird der Bio-Kuchen doch bereits größer (LEH +14,6 Prozent, Naturkostfachhandel +5 Prozent) und die Wettbewerber arbeiten daran, durch Nachhaltigkeitskampagnen die Konturen zwischen konventionellem Supermarkt und Bioladen verschwimmen zu lassen. Gleichzeitig versuchen sie, durch Listung von Fachhandelsmarken und Verbandsware die Qualität ihres Bio-Angebotes zu verbessern. Alles deutet darauf hin, dass der LEH die Ehrennische selbst mitbesetzen will. Es wäre auch der erste Fall von Barmherzigkeit im Lebensmitteleinzelhandel, wenn es anders laufen sollte.

Es ist doch wie im Wahlkampf: Wer als Partei davon ausgeht, durch eine höhere Wahlbeteiligung mehr Stimmen zu bekommen und deshalb auf Wahlkampf verzichtet, ist am Ende der sichere Verlierer. LEH, Drogeriemärkte und Discounter machen derzeit den Schulz, also muss auch die Naturkostbranche ihre Stimme erheben, um wenigstens beim Wettlauf um die Ehrennische vorn zu sein. Nur gemeinsam kann das Tante-Emma-Trauma abgebaut werden!

Horst Fiedler



Newsletter bestellen

Anzeige

Anzeige