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Klimawandel im Regal angekommen

von Horst Fiedler (Kommentare: 0)


Prof. Dr. Klaus Fichter warb für Lösungen zur Anpassung an den Klimawandel. (Foto: Fiedler)

Die Auswirkungen der Klimaveränderung haben das Sortiment von Bioläden erreicht. Beim Fachtag des Großhändlers Kornkraft wurde erläutert, worunter der Anbau von Äpfeln, Blutorangen, Wassermelonen und Tomaten bereits heute leidet.

Wer statt eines Holsteiner Cox die neuseeländische Apfelsorte Braeburn im Bio-Obstregal findet, muss sich nicht wundern. Der Klimawandel spielt dem alten deutschen Apfel mitunter übel mit, wenn der Sommer zu heiß ist und er deshalb nicht genügend Säure entwickeln kann. „Der Holsteiner Cox braucht einen kühlen Sommer, sonst verändert sich das Fruchtfleisch zulasten der Verweildauer im Laden“, erläuterte Dirk Augustin, Chef des gleichnamigen Demeter-Obsthofes im Alten Land.

An diesem Beispiel wird deutlich, wie dem Klimawandel in der Landwirtschaft alternativ begegnet werden kann: durch Anpassung der Sorten. Denn an die Reduzierung von CO2-Emissionen glaubt kaum noch jemand, so dass sich Landwirte und mit ihnen die gesamte Wertschöpfungskette auf neue Sorten und Methoden einstellen müssen. Für solche Anpassungsprozesse an den Klimawandel wurde an der Universität Oldenburg das Netzwerk Innovation & Gründung im Klimawandel (NIK) gegründet. Der Großhändler Kornkraft Naturkost nimmt die Dienste der Wissenschaftler in Anspruch.

Prof. Dr. Klaus Fichter, verantwortlich für den Forschungs- und Lehrbereich Innovationsmanagement & Nachhaltigkeit an der Uni Oldenburg und Projektleiter beim NIK, wies auf dem Fachtag speziell auf die Gefahren für Nordwestdeutschland hin, wo viele regionale Erzeuger des Großhändlers Kornkraft beheimatet sind. Dort sei mit trockeneren und wärmeren Sommern sowie feuchteren und wärmeren Wintern als früher zu rechnen. „Starkregen, Hitzeperioden und Sturmtage nehmen zu“, sagte der Wissenschaftler, warnte aber gleichzeitig vor Panikmache. Denn das NIK könne Unternehmen und Start-ups beim Identifizieren, Entwickeln und Umsetzen innovativer Lösungen und Produkte zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels unterstützen, erläuterte er das vom Umweltministerium unterstützte Netzwerk.

Chance für alte Sorten und Rassen
NIK-Geschäftsführer Karsten Hurrelmann berichtete über die Arbeitsweise des Netzwerks. So werde in Workshops herausgefunden, wo Gefahren für das einzelne Unternehmen bezüglich des Klimawandels bestehen und was Lösungen sein könnten. Beim Handel sieht er die Sicherstellung der Warenverfügbarkeit in Gefahr. Außerdem gelte es, einer schwankenden Warenqualität und steigenden Kosten aufgrund der Klimaeinflüsse zu begegnen. Chancen bestünden im Rückgriff auf alte Sorten und Rassen, die resistenter seien. Steigende Kosten, zum Beispiel für die Kühlung der Ware, ließen sich durch neue Baumethoden oder Dachbegrünung eindämmen. Auch gegen Sturm und Waldbrandgefahr gebe es präventive Maßnahmen. Die Vorsorge habe auch eine Marketing-Perspektive: Wer aktiv an Anpassungsprozessen für den Klimaschutz arbeite, könne für sich reklamieren: Ich bin Vorreiter!

Ernte-Chaos durch Klimawandel
Torben Wernicke, Einkaufsleiter Frische bei Kornkraft, berichtete von Problemen der Bauern in der Mittelmeerregion mit dem Klimawandel. Sie beträfen auch den Bio-Groß- und -Einzelhandel in Deutschland. So sinke die Temperatur dort oft nicht mehr tief genug ab, um die Ausfärbung der Blutorange zu ermöglichen. Wassermelonen kämen wegen der Sommer-/Winterverschiebung teils vier Wochen später auf den Markt. Das kalte Frühjahr führe auch zu einer späteren Tomatenernte in Spanien, die statt Anfang April erst Ende April gestartet werden könne. Die höchste Produktivität liege dann zu einer Zeit, zu der auch in Deutschland Tomaten geerntet werden. An der ostspanischen Küste, wo die meisten Lieferanten für Kornkraft ihre Anbauflächen haben, sei Sturm inzwischen ein Problem: Sogar Strände würden abgetragen. „Die Niederschläge in der Region sind seltener, aber konzentrierter. Brunnen müssen immer tiefer gebohrt werden, was die Wüstenbildung fördert“, so Wernicke.

Stephan Puls, Gemüsebauer im niedersächsischen Gehrde, berichtete von zunehmenden Schäden durch Hagel. Wenn am 10. März die Freilandsaison beginne, pflanze er alle zehn Tage Salat und alle sieben Tage Radieschen. „Ein Hagelschauer macht alles in Minuten kaputt“, berichtete er. Zehn Gewitterfronten habe er im Jahr 2016 gezählt. Auch ihm würde eine Anpassung der Anbaumethode an den Klimawandel helfen.

 

Kommentar

Einen Schritt weiter

Während andere noch auf eine Reduzierung der CO2-Emissionen hoffen, ist der Großhändler Kornkraft Naturkost schon auf dem Lösungsweg. Um die Zukunft ihrer Handelspartner zu sichern und damit nicht zuletzt ihre Zukunft, haben sich Jochen, Sabine, Nina und Robin Schritt ganz konkret mit den Auswirkungen des Klimaschutzes auf die Branche beschäftigt und ihn zum Thema auf ihrem Fachtag gemacht. Nicht nur exotische Inselstaaten werden vom unbändigen Energieverbrauch und den Folgen maßloser Stickstoffdüngung betroffen sein, sondern auch der Naturkostfachhandel. Anpassung an den Klimawandel ist deshalb ein realistischer Weg, um seine Folgen zu meistern.

Das sieht mal wieder nach echter Pionier-Arbeit aus. Aber wie heißt es doch so schön: Einmal Pionier – immer Pionier! Sympathisch ist, dass bei der Suche nach Lösungen wieder alte Sorten und Rassen in Betracht gezogen werden. Und Grasdächer. Der Bio-Weg kann also weitergehen. Und wenn andere auch „Vorreiter“ sein wollen, bitte gerne. Wenigstens ist zu erwarten, dass der konventionelle Handel relativ schnell auf den „Anpassungs-Zug“ aufspringen muss, um keine wirtschaftlichen Einbußen zu erleiden. Am Ende könnte alles Bio sein, was das Klimaproblemschon mal entschärfen würde. Dank der Schritts wären wir dann alle einen großen Schritt weiter.

Horst Fiedler


Stichworte:

Großhandel

Sortiment

Landwirtschaft


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