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Abschied vom Überfluss notwendig

von Horst Fiedler (Kommentare: 2)


„Es gibt nur nachhaltige Lebensziele, Objektorientierung beim Thema Nachhaltigkeit ist Selbsttäuschung“ - Niko Paech plädiert für eine Wachstumsrücknahme.

Mit „Bio für alle“ allein ist die Welt nicht zu retten. Beim Fachtag des Großhändlers Kornkraft stellte Prof. Niko Paech eine ernüchternde These auf und empfahl seine Postwachstumsökonomie, die mit weniger Konsum und Mobilität einhergeht.

Wer die eingeleitete Energiewende als Allheilmittel sieht, muss sich von dem Ökonom und Zukunftswissenschaftler Prof. Dr. Niko Paech (Universität Siegen) eines Besseren belehren lassen: Nicht auf die ökologische Optimierung von Dingen komme es beim Thema Nachhaltigkeit an, sondern auf Verhaltensveränderungen. „Abschied vom Überfluss“ nennt er seine Forderung, die wohl die meisten Menschen als Verzicht begreifen. Statt Green Growth, womit heute versucht wird, die schädlichen Auswirkungen der Konsumgesellschaft zu verringern ohne diese Gesellschaft abzuschaffen, schlägt er Degrowth vor, die Wachstumsrücknahme. „Es gibt nur nachhaltige Lebensziele, Objektorientierung beim Thema Nachhaltigkeit ist Selbsttäuschung“, mahnte Paech und erläuterte, dass ökologische Produkte nur die Bemäntelung unseres Lebens seien, das nach wie vor weit von Nachhaltigkeit entfernt sei.

Mobilität ist das größte Problem
Die individuelle CO2-Bilanz sei der Maßstab für Nachhaltigkeit und da sehe es ziemlich düster aus. Die Menschen in Deutschland hätten ihr CO2-Kontingent meist bereits mit unter 30 Jahren verbraucht. Wer sich vegan ernähre, könne sich maximal zwei Flüge leisten, nannte Paech ein Beispiel. Die Mobilität sei das größte Problem der heutigen Gesellschaft. „Die nächste Stufe nach der SUV-Welle ist, dass Kinder mit Ryanair in den Kindergarten gebracht werden“, überspitzte er, um deutlich zu machen, dass dringend Verhaltensänderungen an den Tag gelegt werden müssten.

„Ohne Reduzierung unserer Ansprüche geht es nicht“, betonte er. „Das ist eine Drecksarbeit, die uns niemand abnimmt.“ Entsprechend zu handeln sei auch deshalb notwendig, weil viele Menschen bereits einen Konsum-Burn-Out hätten. Ihnen fehle die Zeit für das eigentliche Leben: „Zeitknappheit ist die Strafe des Marsches in den Wohlstand.“ Durch Konsum seien die Menschen nicht glücklicher geworden. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren habe sich der Absatz von Antidepressiva verdoppelt.

Vom Konsumenten zum Prosumenten
Heilsam wäre es deshalb, vom Konsumenten zum Prosumenten zu werden, also jemandem, der neben seinem stundenmäßig reduzierten Job selbst produziert, repariert und tauscht. Mit Zeit und handwerklicher Kompetenz könnten die Menschen den ressourcenfressenden globalen Produktionsprozessen und dem übermäßigen Konsum etwas entgegensetzen. Jeder müsse sich fragen, was er wirklich brauche. Der Wissenschaftler kritisierte die Akademisierung der Bevölkerung, wodurch die Fähigkeit verloren gehe, sich in einem gewissen Maße selbst zu versorgen und praktische Dienstleistungen anzubieten. Im Rahmen einer Regionalökonomie könnte sich Hamburg innerhalb eines 50-Kilometer-Radius bereits zu 60 Prozent selbst versorgen, bei 100 Kilometer seien es sogar 100 Prozent, so der Professor.

„Bio für alle“ sei natürlich unverzichtbar, aber wichtiger sei eine Wirtschaft ohne Wachstum. Dazu bedürfe es eines anderen Rahmens und dem Rückbau des Konsums, wodurch freie Zeit gewonnen wird. Da Menschen alles langsam machen müssten und nicht zum Multitasking befähigt seien, komme mit der Veränderung der Wirtschaftsweise auch das Glück zurück. Niko Paech hat die erforderlichen Umstellungsprozesse in seinem Buch „Die Befreiung vom Überfluss“ beschrieben.


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Kommentar von Heiner Petersen |

Ich kann, aus meinem bescheidenen Wissen heraus, Niko Paech nur zustimmen. Aber seine Thesen werden nie mehrheitsfähig werden, weil wir alle uns dann unseren Widersprüchen und auch den Widersprüchen des ökologischen Landbaus "heutiger Prägung", stellen müssen. Es ist die Systemfrage die so weh tut. Solange das Anbau- und Vermarktungssystem eine ökologische Kreislaufwirtschaft nicht ernst nimmt sondern nur als Absichtserklärung in den Präambeln gut sichtbar positioniert, wird es, mit kleinen Ausnahmen (Artenschutz), keine wirklichen Verbesserungen in puncto nachhaltige Lebensweise geben.

Kommentar von Sabine Starke-Wulff |

Ich stimme Niko Paech ebenfalls zu und denke, dass nicht alles schlecht ist, was uns erwartet. Viele Leute beklagen sich über Entfremdung der Arbeit, zu starre Strukturen und sehnen sich danach, wieder mehr Bezug zum eigenen Leben und der eigenen Kreativität zu haben. Aus diesem Grund wurde sharetopia.de initiert, ein bundesweites Tauschnetzwerk, das seit Sommer 2016 online ist. Dort kann man schon mal ein bißchen Postwachstum ausprobieren.



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