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Wir haben es satt: Starkes Signal für eine ökologische Landwirtschaft

von Karin Heinze (Kommentare: 0)


Demo Berlin - Wir haben Agrarindustrie satt

Die große Demo gegen Agrarindustrie während der Grünen Woche hat Tradition. Schon zum sechsten Mal riefen über 100 Organisationen aus Landwirtschaft, Imkerei, Natur-, Tier- und Verbraucherschutz, Entwicklungsorganisationen und dem Lebensmittelhandwerk auf, nach Berlin zu kommen. Rund 23.000 Menschen folgten dem Ruf und brachten am vergangenen Samstag (16. Januar) vielfältige Themen aus diesem Zusammenhang auf die Straße.

Unter dem Motto „Bauernhöfe statt Agrarindustrie - Keine Zukunft ohne Bäuerinnen und Bauern“, forderte das breite Bündnis unter anderem eine ökologische Agrarwende. Weitere Themen waren Tierschutz, Nahrungssicherheit und die Freihandelsvereinbarungen TTIP und CETA. Ein eindrucksvolles Bild lieferten die 130 Traktoren, die sich dem Protestzug anschlossen - 40 mehr als im vergangenen Jahr.

Tierschutz bewegt die Gesellschaft

Georg Janßen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft ( AbL), der die Demo jährlich anmeldet und mitorganisiert, dankte allen Teilnehmern, das sie sich am Schulterschluss zwischen Bauern und Verbrauchern beteiligten. Er zählte auf, was dank bürgerlichem Engagement und Widerstand bisher verhindert werden beziehungsweise angestoßen werden konnte: „Wir haben erreicht, dass keine Gentechnik auf unseren Äckern ist… dafür heimische Eiweißpflanzen. Wir haben erreicht, dass ernsthaft über die Verfügbarkeit von Land und Boden für umstellungswillige Bauern diskutiert wird. Und wir haben erreicht, dass etliche Tierfabriken nicht gebaut wurden“, rief er von der Bühne. Der jüngste, überwältigende Erfolg - 103.000 Unterschriften im Volksbegehren gegen Massentierhaltung in Brandenburg - sei ein starkes Signal.


„Tierschutz im Stall und Umweltschutz um die Ställe herum bewegt unglaublich viele Menschen“, sagte Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes am Rande der Demo gegenüber Bio-Markt.Info. Der Verein, der auch Gründungsmitglied der Initiative „Wir haben es satt“ ist, konnte für die Demo über 1.000 Mitglieder mobilisieren. „Der Wertewandel in der Gesellschaft in Bezug auf das Thema Tierschutz ist spürbar", so Schröder. Entsprechende Regeln müssten jetzt auch in einem Gesetz abgebildet werden. Die Tierwohl-Initiative des Bundeslandwirtschaftsministeriums sei begrüßenswert, aber noch zu wenig, sagt Schröder. Die Teilnehmer der Demo „Wir haben es satt“ und der Demo gegen TTIP mit 250.000 Teilnehmern im Oktober in Berlin, zögen an einem Strang, sodass man beide zusammen als eine große Bewegung bezeichnen könne, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. „Ich bin sicher, dass Tier, Umwelt- und Naturschutz die Republik noch bewegen werden“, erklärte Schröder.

Demo Berlin - Wir haben Agrarindustrie satt Georg Janssen, AbL
Georg Janssen, AbL

Staatssekretärin: "Ihr habt mich überzeugt"

Erstmals gab es ein offizielles Grußwort des Berliner Senats. Sabine Toepfer-Kataw (CDU), Berliner Staatssekretärin für Justiz und Verbraucherschutz, hielt eine engagierte Rede: Sie dankte den Bauern und Bäuerinnen, den Verbraucherinnen und Verbrauchern dafür, dass sie auf die Straße gehen, um für eine andere Landwirtschaft zu demonstrieren. In der Politik habe sich einiges bewegt, was auch in der Einladung des Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt an die Organisatoren des Demo zum Ausdruck gekommen sei.

Die Bewegung habe bereits viele Verbraucher auf ihrer Seite, mit der Demo würden weitere auf die Themen aufmerksam gemacht. Toepfer-Kataw plädierte dafür, den Verbrauchern noch mehr deutlich zu machen, dass Qualität etwas kostet: „Mit jeder Entscheidung an der Kasse treffen wir auch eine Entscheidung über unsere Lebensbedingungen und die aller anderen auf dieser Welt. Wir möchten solch einen Wandel in den Köpfen erreichen.“ Das ginge nicht über Verbote, sondern über den sachlichen Austausch und logische Argumente. Sie habe gelernt, dass es Alternativen gibt. „Mich habt ihr überzeugt, mich habt ihr an eurer Seite“, erklärte sie.

Tierschützer und Veganer waren starke Gruppen auf der Demo
Tierschützer und Veganer waren starke Gruppen auf der Demo

Rahmenbedingungen für Bauern nicht zukunftsweisend

In der konventionellen Landwirtschaft können die Rahmenbedingungen kaum noch schlechter werden. Die Bauern kämpften mit katastrophalen Erzeugerpreisen für Milch und Schweinefleisch, erklärte Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Ostfriesland. „Dieser starke Rückhalt und die Wertschätzung der Gesellschaft, ermutigt dazu, den Kampf für den Erhalt unserer Höfe energisch zu führen.“ Die Überproduktion und Erzeugerpreisen, die deutlich unter den Produktionskosten liegen, prangerte auch Josef Jacobi von der Upländer Bauernmolkerei an (siehe Video). Auch er wünscht sich eine neue Weichenstellung der Agrarpolitik in Berlin und Brüssel, weg von der aktuellen Exportpolitik und hin zu einer regionalen bäuerlichen Landwirtschaft, die den Höfen eine Zukunft bietet.


"Klima“-Bio-Bauer Ulf Allhoff-Cramer machte auf den Klimawandel aufmerksam (Video): „Wir sind wirklich in großer Sorge um die Klimaentwicklung“. Im Vorfeld des Klimagipfels in Paris hatte er zusammen mit der AbL und Bio-Verbänden einen Klima-Appell verfasst und an Bundesumweltministerin Hendriks übergeben. Die Beschlüsse von Paris müssten nun zügig umgesetzt werden, fordert er. „Das ist für uns Bauern eine existenzielle Frage.“


„Hopp, hopp, hopp, Agrarfabriken stopp“ und „Bäuerliche Landwirtschaft - Mensch und Tiere glücklich macht“, waren zwei der vielen Slogans, die von den Demonstranten auf dem Weg vom Potsdamer Platz zum Regierungsviertel skandiert wurden. Starköchin Sarah Wiener hielt in vorderster Reihe mit. Sie setzt sich schon lange für einen Umbau des Ernährungssystems ein und vertrat ihre Forderung auch auf der Demo: „Wir wollen den Wandel mit Fairness und Genuss! Gute, köstliche Lebensmittel bekommen wir nur, wenn wir achtsam mit unserer Umwelt, den Pflanzen und Tieren umgehen. Wenn wir verstehen, dass wir mit der Natur arbeiten müssen und nicht gegen sie, werden wir die Wertschätzung für das, was uns ernährt, wieder erlangen. Davon profitieren die Bauern, die Böden und die Nutztiere.“

Demo Berlin - TTIP-Plakat
Jan Plagge: "Die Politik hört uns"
Protestzug "Wir haben es satt" am Bundestag
Protestzug "Wir haben es satt" am Bundestag

Bioland-Präsident Jan Plagge (Video) hatte schon eine Reihe von politischen Gesprächen auf der Grünen Woche hinter sich. Die Demo war für ihn die Veranstaltung, auf der Bauern und Verbraucher gemeinsam für eine andere, sprich „vielfältige, regionale, bäuerliche, ökologische Landwirtschaft demonstrieren“ und die Politik auf Missstände aufmerksam machen.

Eines der zentralen Anliegen der Branche in Richtung Politik sei, die regionale Wertschöpfung zu stärken und wieder echte Zukunftsperspektiven für Bauern zu schaffen. Das Mantra pro Export sei wissenschaftlich widerlegt und bringe den Bauern keine Zukunftsperspektiven. Auch bei der Gemeinsamen Agrarpolitik in der EU (GAP) sei ein Umsteuern notwendig. Die Mittel müssten dringend denjenigen zugute kommen, die sich für Artenvielfalt und Trinkwasserschutz einsetzen, fordert er (direkte Förderung von Umweltleistungen, 2.Säule). In Bezug auf die EU-Öko-Verordnung hätten die Öko-Verbände das Gefühl, von den politisch Verantwortlichen gehört zu werden, so Plagge. Sowohl der niederländische Landwirtschaftsminister Martijn van Dam (EU-Ratspräsidentschaft) als auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hätten versichert, sich für eine EU-Öko-Verordnung im Sinne des Öko-Landbaus einzusetzen.

Jan Plagge (links) im Gespräch mit der Grünen Umweltministerin Ulrike Höfken (Rheinland-Pfalz) in der Bio-Halle auf der Grünen Woche

Statements zu weiteren Themen:

Zu den geplanten Freihandelsabkommen TTIP und CETA
Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND):
„Bäuerliche Betriebe und die Verbraucher sind die Verlierer der Freihandelsabkommen TTIP und CETA. Die Agrarindustrie will über TTIP und CETA Verbraucherschutzstandards senken. Hormonfleisch und Gen-Food ohne Kennzeichnung könnten dann auch in unseren Supermarktregalen landen. Das Gentechnikkapitel in CETA zeigt, dass die EU-Kommission beim Verbraucherschutz zu faulen Kompromissen bereit ist. Anstatt ihn zu schwächen muss die Bundesregierung endlich dafür sorgen, dass der Verbraucherschutz gestärkt wird".


Zur Perspektive des globalen Südens zum Thema Milch
Kerstin Lanje, Agrarexpertin von Misereor:
„In Burkina Faso unterbieten Milchexporte aus Europa den heimischen Milchpreis mittlerweile um über 60 Prozent. Diese Politik verursacht Armut und Hunger. Deswegen müssen wir die Exporte zu ‚Dumpingpreisen‘ in Länder des globalen Südens, die die Lebensgrundlage der Bauern vor Ort zerstören, sofort stoppen. Gemeinsam mit den Bäuerinnen und Bauern fordern wir politische Rahmenbedingungen zur Beendigung der Überproduktion und Exportorientierung bei Fleisch und Milch in Europa!“


Zum Thema Landwirtschaft und Gesellschaft
Chris Methmann, Agrarexperte von Campact
„Dass Bauern zusammen mit Verbrauchern demonstrieren, Tierschützer mit Tierhaltern, Veganer und Milchbauern zusammen auf die Straße gehen, zeigt: Die Bewegung für eine andere Landwirtschaft kommt aus allen Teilen der Gesellschaft. Zusammen werden wir die Agrarwende durchsetzen. Die sechste ‚Wir haben es satt‘-Demo zeigt endgültig: Wir sind gekommen, um zu bleiben!“

Zum Thema Ökolandbau
Christina Henatsch, Demeter-Bäuerin auf Gut Wulfsdorf
„Ein ‚Weiter-so‘ wie bisher zerstört unsere Lebensgrundlagen. Wir müssen umsteuern und unsere Landwirtschaft fit für die Zukunft machen. Millionen Bio-Bauern überall auf der Welt zeigen heute schon wie man gesunde Lebensmittel herstellt und dabei Klima und Trinkwasser schützt, den Boden fruchtbar hält, Tiere wesensgemäß behandelt und Hunger auf dem Land bekämpft.“


Zum Thema Ernährungssouveränität
Julia BarTal, 15th Garden
„Der 16. Januar wurde auch zum internationalen Kampagnen-Tag gegen die Belagerung von ganzen Städten und Gemeinden in Syrien ausgerufen. Wer Ernährungssouveränität fordert, kann nicht wegsehen, wenn Menschen von ihrem eigenen Regime in das politische Aufgeben gehungert werden. Dieser seit Jahren andauernden Praktik sind hunderttausende Menschen in ganz Syrien ausgesetzt – mit dem Wissen und dem Wegsehen der internationalen Gemeinschaft. Wir wehren uns gegen das Erschließen neuer Märkte für die Interessen von Monsanto, Bayer und Co. unter dem Deckmantel der humanitären und entwicklungspolitischen Hilfe. Menschen in Kriegen zu unterstützen kann und darf nicht für die Interessen von großen Agrarkonzernen geschehen.“

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