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Grüne Woche: Verbrauchermesse und agrarpolitischer Jahresauftakt

von Redaktion (Kommentare: 0)


von Karin Heinze und Horst Fiedler

Bioland auf der IGW in der Biohalle

Bild: Bioland machte sich in der Biohalle auf der IGW unter anderem für Öko-Tierzucht stark

Während am Samstag die bunte „Wir haben es satt“-Demo mit rund 18.000 Teilnehmern vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor zog, wurde auf der Grünen Woche der 100.000ste Besucher begrüßt. Die Anziehungskraft beider Events ist groß, wobei die Verbrauchermesse deutlich die Nase vorne hat. Aber auch dort wird für Bio "demonstriert" - an den Ständen in der Biohalle zeigen Hersteller, Verbände und der Stand des Landwirtschaftsministeriums was Bio ist und kann. Außerdem machten die Öko-Verbände zu Beginn des Wahljahres deutlich, was sie von der Politik erwarten. Eine Bühne dafür bot vor allem der BÖLW-Bio-Empfang. Die Grüne Woche läuft noch bis zum 29. Januar.

Großer Andrang an den Ständen

Bild: Großer Andrang an den Ständen

Biohalle: Berliner Bio-Platzhirsch lässt sich einiges einfallen

Gute Stimmung herrscht in der Biohalle. Dazu trägt erneut die Bio Company bei, die mit 45 regionalen Partnern einen bunten Strauß an Aktivitäten auf die Beine stellt. „Die Gelegenheit, um mit Verbrauchern ins Gespräch zu kommen, die sonst vielleicht nicht den Weg in unsere Geschäfte finden, lassen wir uns nicht entgehen“, sagt Pia Resch, Bereichsleiterin des Kosmetik-und Non-Food-Sortiments bei dem Berliner Filialisten. Sie freut sich auch über Besucher mit kritischen Fragen, z.B. zu Palmöl in Kosmetik. Denn sie spüre, wie sie Verbraucher mit ihren Argumenten für das Sortiment überzeugen kann.

Bio Company Stand in der Biohalle

Bild: Bio Company-Stand mit der Bäckerei von Märkisches Landbrot

Smoothie-Fahrrad Die Mitmach-Bäckerei von Märkisches Landbrot, in der man Brötchen und Pizza backen und anschließend essen kann, ist an allen Messetagen für den Ansturm von Kindern, Jugendlichen und Schulklassen gewappnet: Der Berliner Blogger Hendrik Haase alias Wurstsack moderiert das trubelige Geschehen am Stand, wo man nicht nur Angebote der Bäckerei findet, sondern auch Fleisch- und Wurstwaren der Filialisten-Tochter Biomanufaktur Havelland. Von Besuchern umlagert sind hier auch ein Glücksrad sowie ein Fahrrad, auf dem man in die Pedale tretend einen selbst zusammengestellten Smoothie mixt

Es sei zwar recht kostspielig, zehn Tage lang die 150 Quadratmeter große Fläche zu bespielen, sagt Bio Company-Marketingmann Christian Baier. „Aber wir versuchen maximal zu profitieren, indem wir das Gespräch mit Verbrauchern, Politikern und Promis suchen."

Bild: Das Smoothie-Fahrrad kommt gut an

Interessierte Verbraucher informieren sich in der Biohalle

Beobachtet man die Besucher der Biohalle, bedient die Mehrzahl nicht das typische Klischee des Grüne-Woche-Besuchers, der nach kostenlosen Häppchen Ausschau hält. Viele halten inne, informieren sich sowohl über die Produkte als auch über Themen wie Boden, die ursprüngliche Herkunft von Lebensmitteln (Naturland), Tierhaltung und -züchtung (Bioland) oder Bienen (Demeter). Am Stand des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bietet sich die Gelegenheit mehr über Forschung und über die Bio-Demonstrationsbetriebe zu erfahren. Die Biohalle steht wieder unter dem Motto „Bio – Mehr Platz für Leben“, nachhaltiger Tourismus und Urlaub auf dem Biobauernhof gehören zu den Schwerpunktthemen im Hallenteil 1.2b. Am 26. Januar wird das BMEL zudem die Siegerbetriebe des "Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau" im Rahmen einer festlichen Veranstaltung auszeichnen.

Interessierte Konsumentinnen

Bild: Interessierte Konsumentinnen am Stand des Landwirtschaftsministeriums

Fairtrade-Schwerpunkt beim BMZ

„Eine Welt ohne Hunger ist möglich – mit fairem Einkauf“ - das war das Schwerpunktthema des Bundesministeriums für Zusammenarbeit (BMZ) in der Halle 5.2. Mit einer Reihe von Partnerständen und einem bunten Rahmenprogramm informierte das Ministerium über die in Ländern der dritten Welt von ihm unterstützten Projekte und warb für das Modell Fairer Handel.

EineWelt ohne Hunger ist möglich

Bild: Bühnenprogramm auf der Sonderfläche des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit

Zu Beginn der Grünen Woche übergab das Forum Fairer Handel die aktuelle Studie „Verändert der Faire Handel die Gesellschaft“ an Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (Download Kurzfassung). „Obwohl wir in den vergangenen zwanzig Jahren die Bewegung eine hohe Bekanntheit erreicht hat und der Umsatz mit fair gehandelten Produkten dynamisch gewachsen ist, gibt es noch viel zu tun“, fasst Andrea Fütterer, Vorstandsvorsitzende des Forum Fairer Handel, die Ergebnisse der Studie zusammen. Schade sei, dass nach so vielen Jahren intensiver Arbeit der Anteil von Fairtrade-Produkten nicht über ein Prozent am Lebensmittelumsatz hinausreicht. Und das, obwohl  Fairtrade-Produkte heute nicht nur in Weltläden, sondern auch in fast jedem Supermarkt, vielen Fachgeschäften sowie in der Gastronomie erhältlich sind.

Entwicklungshilfe-Projekte des BMZ

Bild: Entwicklungshilfe-Projekte des BMZ

Die Studie stellt als einen der größten Erfolge des Fairen Handels dessen Konzept heraus. Fairtrade mache komplexe globale Problemzusammenhänge verständlich und biete verständliche und konkrete Lösungsansätze an. Auch Andrea Fütterer ist davon überzeugt, dass die 40-jährige Erfahrung der Fairtrade-Bewegung noch viel stärker in der politischen und der Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden sollte. Darüber hinaus sieht sie das Bewusstsein für mehr Gerechtigkeit zumindest partiell wachsen – z.B. spiegle sich das in den Nachhaltigkeitszielen der UN, die eine große Schnittmenge mit den Fairtrade-Zielen hätten. Andererseits gäbe es aktuell absurde globale Entwicklungen wie die Tatsache, dass laut einer aktuellen Oxfam-Studie die acht reichsten Menschen der Welt so viel besitzen wie die halbe Menschheit.

Vorstandsvorsitzende des Forum Fairer Handel Andrea Fütterer

Bild: Vorstandsvorsitzende des Forum Fairer Handel Andrea Fütterer mit der Studie

BÖLW Bio-Empfang: „Pfade, die zu Straßen werden“

Der BÖLW-Empfang auf der Grünen Woche war von Freude und Ärger gleichermaßen geprägt: Während die konventionelle Landwirtschaft offenbar bereit ist, ihre Praktiken zu überdenken, diskreditiert ausgerechnet der amtierende EU-Agrar-Kommissar den Ökolandbau.

Rund 600 Gäste aus Produktion, Politik, Verwaltung, Verbänden und Handel waren am Freitag zum Bio-Empfang gekommen, den der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW)bereits zum dritten Mal auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin veranstaltete. Prominentester Gast war Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der wie sein niedersächsischer Kollege Christian Meyer und die SPD-Agrar-Expertin Ute Vogt ein Statement zur Agrarpolitik abgab.

Peter Röhrig

Bild: Peter Röhrig begrüßte die Gäste des BÖLW-Bio-Empfangs

Der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein verwies in seiner Eröffnungsrede auf Zeitungsberichte, wonach konventionelle Bauern umdenken. So hat der Tagesspiegel den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, dahingehend zitiert, dass Produktionsverfahren und Haltungsbedingungen verbessert werden müssten. Es bestehe eine große Bereitschaft, die bisherigen Praktiken zu überdenken.

Löwenstein warnte davor, aus Angst, man stelle sich auf die Seite der Ökos, neue halbherzige Leitlinien zu ersinnen: „Der Ökolandbau ist seit Jahrzehnten erprobt und weltweit harmonisiert. Wir haben einen Markt, in dem Preise bezahlt werden, die die Wahrheit sprechen.“ Die Bio-Bewegung habe den Umbau angepackt und Richtlinien entwickelt, die in die EU-Ökoverordnung eingeflossen seien. „Jede Transformation braucht Pioniere, braucht Pfade, die zur Straße werden“, so der BÖLW-Vorsitzende.

BÖLW-Vorstandsvorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein

Bild: BÖLW-Vorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein

Wenig erfreut zeigte sich Löwenstein über eine Aussage des EU-Agrarkommissars Phil Hogan in einem TAZ-Interview. Auf die Frage, ob eine Revision der EU-Ökoverordnung nicht aufgegeben werden sollte, antwortet Hogan, dass der Vorschlag nicht zurückgezogen werde. Am 22. März werde mit Rat und Parlament weiter verhandelt. „Unser Entwurf der neuen Öko-Verordnung reagiert auf Probleme der Branche: 2011 starben Menschen wegen Ehec-Keimen in Bioprodukten, die von außerhalb der EU zum Beispiel nach Deutschland importiert worden waren“, zitiert die TAZ den EU-Kommissar. Dazu Löwenstein: „Der Ökolandbau soll hier in die Nische zurückgedrängt werden. So kann man keine Politik machen!“

Bundeslandwirtschaftminister Christian Schmidt

Bild: Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt

Schmidt: Voneinander lernen

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), dem hoch angerechnet wurde, dass er sich in die Höhle des Löwen(stein) gewagt hatte, stellte in seiner Rede klar, dass Öko keine Nische sei und auch kein Abgrenzungsmerkmal, sondern neben der konventionellen Landwirtschaft eine wichtige Säule. Die eine landwirtschaftliche Methode solle nicht gegen die andere ausgespielt werden. Vielmehr gehe es darum, voneinander zu lernen. So könne zum Beispiel der Ökolandbau bei den Produktionsmengen von konventionellen Bauern lernen. Schließlich sollen nicht nur bei den Flächen 20 Prozent Öko-Anteil erreicht werden, sondern auch bei den Absatzmengen, so der Minister. Er sprach sich dafür aus, die Verhandlungen um ein neues Bio-Recht spätestens im Sommer zu beenden, notfalls auch ohne Ergebnis.

Schmidt lobte, dass „der Weg, den Sie gegangen sind“, zum Erfolg geführt habe und kündigte eine Förderung des Ökolandbaus über Forschungseinrichtungen an: „Da ist noch Luft nach oben.“ Der Minister verließ die Veranstaltung gleich nach seiner Rede wegen anderer Termine.

Bio-Verbandsprominenz

Bild: Bio-Verbandsprominenz und Politiker

Vogt: 20 Prozent bis 2020

Ute Vogt, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, wünschte sich, dass das von der Bundesregierung festgeschriebene Ziel, 20 Prozent Ökolandbau, auch mit einem Datum versehen werden sollte. Sie sprach sich für 2020 aus. Einer neuen Öko-Verordnung bedürfe es nicht. „Lassen wir es bei dem, was wir haben“, sagte sie unter dem Beifall der Gäste des BÖLW-Empfangs. Um mehr Geld für die Forschung zu bekommen, solle der Haushalt auch gleich entsprechend aufgestellt werden, forderte sie. Zum neuen Tierwohl-Label sagte Vogt, dass für die lange Vorarbeit „ein bisschen wenig“ dabei herausgekommen sei und empfahl, Ökostandards in dieses Label zu packen.

Einmal mehr sprach sie sich gegen die flächenbezogene Agrarförderung aus und verwies auf ein Finanzierungsmodell der Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), die den Erhalt der Landschaft, der Böden und des Wassers, der Biodiversität und eine umwelt- und klimaschützende Bewirtschaftung als Leistungen für die Förderung mit öffentlichen Mitteln vorschlägt. Vogt empfahl, die EU-Mittel umzuschichten und 15 Prozent in die zweite Säule zu stecken, um die Nachhaltigkeitsbemühungen im ländlichen Raum zu stärken.

Ute Vogt, SPD

Bild: Ute Vogt, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion

Meyer: Alle Produkte kennzeichnen

Christian Meyer, Landwirtschaftsminister in Niedersachsen (Grüne), rief mit Blick auf das Tierwohl-Label zwei bereits erfolgreiche, von Ex-Verbraucherministerin Renate Künast initiierte Label in Erinnerung: das sechseckige Bio-Label und das Eier-Label mit den Qualitätsziffern 0 bis 3. Der Marktanteil von Bio-Eiern betrage inzwischen 14 Prozent. „Alle Produkte sollten gekennzeichnet werden“, forderte Meyer. Auch er kritisierte, dass Hogan den Ökolandbau für Tote verantwortlich mache. Dies sei ein Angriff auf ein erfolgreiches Wirtschaftssystem. Es gebe keinen Bereich, der so stark kontrolliert werde wie die Produktion von ökologischen Erzeugnissen. Das gelte auch für Bio-Ware aus dem Ausland. Der Entwurf der Kommission müsse deshalb vom Tisch. Das sei die einstimmige Position der Bundesländer, wusste er als Vorsitzender der Agrarministerkonferenz zu berichten. Minister Schmidt solle sich dafür einsetzen, die Revision der EU-Ökoverordnung sofort zu beenden, forderte Meyer.

Christian Meyer, Grüne

Bild: Christian Meyer, Landwirtschaftsminister in Niedersachsen (Grüne)

Schlachtplatte mit Anspruch

Weil die gesamte Verwertung von Tieren für die Ernährung des Menschen aus Achtung vor den Mitgeschöpfen erforderlich ist, gab es am gesponserten Buffet neben Lamm-Rollbraten auch Herz, Leber und Schwänzchen von Schweinen und Puten und andere verwertbare Teile sowie Blutwurst. An Vegetarier wurde selbstverständlich auch gedacht. Bis spät in die Nacht diskutierten Teilnehmer bei von Bio-Unternehmen zur Verfügung gestellten Getränken über die Agrarpolitik und Themen der Bio-Branche.


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