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TV-Dokumentation: Delphintod mit MSC-Siegel

von Leo Frühschütz (Kommentare: 1)


Fischerei Netz
In Fischernetzen landen immer wieder Delphine als Beifang. © Pixabay/931527

Delphine, die in Ringwadennetzen für den Thunfischfang sterben – mit MSC-Siegel. Fischer, die Haien die Flossen abschneiden – und vom Zertifizierer als MSC-tauglich eingestuft werden. Das sind die Hauptvorwürfe, die Dokumentarfilmer Wilfried Huismann in seinem Beitrag "Das Geschäft mit dem Fischsiegel" mit Bildern und einer ausführlichen Beschreibung seiner Recherche unterfüttert. Die Organisation weist die Vorwürfe zurück. Doch der Umweltverband WWF, der im MSC mitarbeitet, geht auf Distanz.

Der Fang von Delphinen mit Ringwaden ist seit Jahren international geächtet, weil dabei die Delphine, die über den Thunfischschwärmen schwimmen mitgefangen und getötet werden. Eine der wenigen Flotten, die noch mit dieser Methode fischt, ist die mexikanische Thunfischfischerei im Pazifik – seit einigen Jahren mit MSC-Logo. Der MSC begründete dies damit, dass die Fischerei große Anstrengungen unternommen habe, um den Delphinbeifang zu verringern und dafür sogar Taucher einsetze, um die eingekreisten Delphine aus dem Netz zu holen. Lediglich 702 Delphine seien 2016 von dieser Flotte beim Thunfischfang getötet worden, schreibt der MSC in seiner Stellungnahme zu dem Beitrag. Die Zahl stammt von den wissenschaftlichen Beobachtern, die jede Fangfahrt begleiten – und die laut Huismann bedroht und bestochen werden, um niedrige Todeszahlen anzugeben. Einer der Beobachter sagt gegenüber dem Filmteam, dass jedes der 36 Schiffe der Flotte pro Fangreise mehr als 100 Delphine töte. Der MSC dagegen bezeichnet das Beobachterprogramm als „eines der strengsten weltweit. Jeder Versuch, die Daten der Beobachter zu manipulieren, würde rasch aufgedeckt werden.“

MSC Siegel
Das MSC-Siegel steht durch die TV-Dokumentation von Wilfried Huismann in der Kritik.

Sind die MSC-Kriterien zu lasch?

Der zweite Fall betrifft eine spanische Fischerei, die jedes Jahr rund eine Million Haie fängt. Der Film zeigt, wie auf einem Schiff dieser Flotte Haien die Flossen abgeschnitten und die toten Tiere über Bord gekippt werden, weil an Bord kein Lagerplatz mehr vorhanden ist. Auch das Anlanden von toten Tiere ohne Flossen und getrennten Mengen an Flossen im südamerikanischen Montevideo hat Huismann dokumentiert. Diese Fischerei ist nicht MSC-zertifiziert, was im Film auch klar gesagt wird. Aber sie hatte die Vorprüfung durch ein vom MSC anerkanntes Gutachterbüro durchlaufen und dieses Büro kam zu dem Schluss, dass die Fischerei zertifizierbar wäre. „Nachdem zahlreiche NGOs wie auch der MSC selbst Bedenken gegen den ersten Bericht des unabhängigen Gutachters erhoben hatten, zog sich die Fischerei aus dem Zertifizierungsprozess zurück“, schreibt dazu der MSC. Über Konsequenzen gegenüber dem Gutachter steht in der Stellungnahme nichts.

Um diese zwei Fälle herum stellt Huismann die Argumente dar, die seit langem gegen den MSC vorgebracht werden: Dass die Kriterien zu lasch seien, überfischte Bestände zertifiziert würden und der MSC vor allem dem industriellen Fischfang diene. Kronzeugen sind Thunfischfischer aus Spanien und von den Malediven sowie die beiden Meeresbiologen Rainer Froese und Daniel Pauly, die seit Jahren zu den profilierstesten Kritiker des MSC zählen. Vor allem Pauly findet starke Worte über die Organisation, die er einst mitgegründet hat: „Der MSC ist auf die dunkle Seite gewechselt“, sagt er, die Organisation sei „von der Industrie gekapert worden“. Der MSC hält unter anderem dagegen, dass in seinem Beirat neben dem WWF noch fünf weitere Umweltorganisationen vertreten seien. Doch was bewirken sie da?

WWF Logo
Der WWF hat sich aus dem MSC-Vorstand zurückgezogen.

WWF und MSC entfremden sich zunehmend

WWF-Fischerei-Expertin Heike Vesper schreibt in ihrer Besprechung des Films: „Dass die mexikanische Thunfischfischerei zertifiziert wurde, dazu fehlen mir die Worte. Aus WWF-Sicht kann diese Fangmethode mit Delfinen nicht im MSC-System zertifiziert werden. Punkt.“ Sie kritisiert auch, dass der MSC Fischerei in Schutzgebieten zulässt: „Hier ist der MSC zu schwach. Schädigende Fischereien dürfen nicht unter einem Nachhaltigkeitssiegel wichtige Naturräume zerstören.“ Der WWF habe den MSC immer wieder offen kritisiert, einige Zertifizierungen klar abgelehnt und konkrete Reformen angemahnt. „Wir haben im März 2018 unsere weltweit über 100 Seafood-Partner informiert, dass wir beim MSC massive Schwachstellen sehen und Reformen für zwingend notwendig halten.“ Der WWF wolle nicht das grüne Feigenblatt des MSC sein. Aber ist er das nicht, wenn diese Ansagen nichts fruchten und die Reformen nicht passieren?

Heike Vesper beschreibt in ihrem Beitrag auch die zunehmende Entfremdung zwischen WWF und MSC. Sie erwähnt, dass die Umweltorganisation sich aus dem Vorstand zurückgezogen habe und man nun an einem Wenedpunkt angekommen sei und konkrete Schritte vom WWF erwarte: „Um wieder das zu werden, was er sein muss: für den Verbraucher ein Siegel des Vertrauens. Für den Meeresschutz ein Werkzeug, um die Überfischung zu stoppen, bedrohte Arten und wichtige Lebensräume zu schützen.“ Das ist er aus Sicht des WWF derzeit offensichtlich nicht. Das einzige Argument, das der WWF für den MSC anführt: „88 Prozent des weltweiten Fangs sind überhaupt nicht zertifiziert. Hier liegen die meisten der riesigen Problem, die wir auf den Meeren haben.“ Aber reicht das?

Diese Frage müssen sich auch der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) und der Naturkost Süd als Träger der Sortimentsrichtlinie für den Naturkostfachhandel stellen. Denn dort ist für das Wildfisch-Sortiment der MSC noch als „geeignete Kontrolleinrichtung/Zertifizierer“ aufgeführt.


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Kommentar von Gesa Maschkowski |

Danke für die transparente Kommunikation dazu. Ein heißes Eisen



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