Anzeige

Sikkim: Von der Bio-Vision zur Realität

von Karin Heinze (Kommentare: 1)


Welcome to Sikkim Organic State - the government stands completly behind the visionary strategy.

Welcome to Sikkim Organic State - kurz hinter dem Grenzposten in Rangpo wird der Besucher von Sikkim aufgeklärt, dass er sich jetzt in einem "Bio-Staat" befindet. Die Regierung steht voll und ganz hinter der visionären Idee ihres Premiers.  Foto © Karin Heinze

Sikkim, der kleine indische Staat im nordöstlichen Himalaya, zwischen Nepal, China und Bhutan, fällte 2010 eine wichtige Entscheidung. Ministerpräsident Sri Pawan Chamling wollte ein visonäres Ziel erreichen: Die gesamte landwirtschaftliche Fläche sollte biologisch bewirtschaftet werden. Er rief die "Sikkim Organic Mission" ins Leben. In den folgenden 15 Jahren wurde die komplette Landwirtschaft auf bio umgestellt und Anfang 2016 Sikkim zum „Organic State“ erklärt. Das Land ist zum weltweiten Leuchtturm-Beispiel für andere Länder geworden.

Sikkim is very hilly and has steep lands.

Sikkim ist sehr bergig und bietet wenig große ebene Flächen, die sich für Landwirtschaft eignen. Doch die Bevölkerung hat es gelernt, mit diesem unwegsamen Gelände nachhaltig umzugehen. Foto © Karin Heinze

Das frühere Königreich Sikkim (1643-1975) hat sich vor über 40 Jahren per Volkabstimmung entscheiden ein indischer Bundesstaat zu werden. Der Himalaya-Staat ist stolz auf seine landwirtschaftliche Tradition, seinen hohe Biodiversität und seine enge Verbindung zur Natur. In einer von der Regierung herausgegebenen Broschüre „Sikkim on the Organic Trail“ (Sikkim auf dem Bio-Pfad) bezeichnet es sich als Land mit einer "glorreichen landwirtschaftlichen Historie" und dass "die Menschen und Natur in perfekter Harmonie leben". Der Kleinstaat zählt nur rund 600.000 Einwohner auf einer Fläche von etwa 7.100 Quadratkilometern. Die Biodiversität ist beeindruckend: beispielsweise gibt es unter anderem 4.500 Blühpflanzen und 500 Schmetterlingsarten. Auch mit geografischen Hightlights ist Sikkim gesegnet: 28 Berggipfel - darunter der 8.586 m hohe Kangchendzonga -, mehr als 80 Gletscher, 227 Bergseen und 104 Flüsse. Das Klima reicht vom angenehme ausgewogenen Jahreszeitenklima über tropische Temperaturen bis hin zu alpinem Wetter. Rund 70 Prozent der ländlichen Bevölkerung , ein multiethnischer Mix, ist von der Landwirtschaft und nachgelagerten Sektoren abhängig.

Organic viillage Budang

Im Bio-Dorf Budang werden Gemüse und Orchideen für den lokalen Markt und den Eigenbedarf angebaut. Foto © Karin Heinze

Die Bio-Vision und eine vorausschauende Entscheidung

„In einer Zeit als der Wunsch nach einer nachhaltigen Landwirtschaft eine gewisse Allgemeingültigkeit gewann, war jedoch die Einigkeit über den zu beschreitenden Weg noch eine Illusion", schreibt Premier Pwan Chamling. Dennoch legte er 2003 bereits den Grundstein für seine Vision und ließ In einer Resolution in der Gesetzgebenden Versammlung, Öko-Landbau als das landwirtschaftliche System für den gesamten Staat festlegen. So wurde Sikkim zur Avantgarde für die ursprüngliche Idee und das Ziel, den ganzen Staat bio zu machen.  Unter der Führung von Sri Pawan Chamling „wurde der Rahmen gesetzt, die Natur zu erhalten und Nachhaltigkeit zu fördern, mit dem Ziel einen langfristigen Nutzrn für die Gemeinschaft, die Umwelt, die Wirtschaft und nicht zuletzt dadurch den Staat zu erzeugen", heißt es in der Broschüre. 

Chief Minister Pawan Chamling was awarded with the One World Award 2017.

Ministerpräsident Sri Pawan Chamling wurde 2017 mit dem Rapunzel One World Award ausgezeichnet. Darauf sind die Menschen in Sikkim sehr stolz. Große Plakate weisen auf die Ehrung hin. Die Gruppe von Bio-Unternehmern aus Deutschland und Italien besuchte Sikkim diesen November. Foto © Karin Heinze

Premier Sri Pawan Chamling richtete einen nachdrücklichen Appell an sein Volk als er die Organic Mission 2010 auf den Weg brachte: „Ich rufe alle Bürger unseres schönen Himalaya Staates auf, Die Sikkim Organic Mission zu einem großen Erfolg zu machen. Dies wird nicht nur Gutes in Bezug auf Gesundheit und Wohlstand bringen, sondern auch einen unbezahlbaren Nutzen für unser kostbares Land, für die Quellen und die gesamte Ökologie haben." Bei dieser Gelegenheit zitierte Chamling die Prophezeiung von Sitting Bull :„Wir haben diese Erde nicht von unseren Vorfahren geerbt, sondern sie von unseren zukünftigen Generationen geliehen. Es ist unsere Pflicht, sie zu schützen, indem wir in völliger Harmonie mit der Natur und der Umwelt leben." Und weiter: „Ich appelliere an alle die hart arbeitenden Bauern, gebildet und ungebildete Jugendliche, engagierte Beamte und meine Kollegen in der Legislative und an das Kabinett mit voller Begeisterung den Menschen von Sikkim zu dienen und diese Langzeit-Herausforderung anzunehmen." Biologische Landwirtschaft sei nicht nur eine Quelle der Inspiration für das eigene Land, sondern für die ganze Welt. Offenbar war Chamling schon zu diesem Zeitpunkt klar wie groß die Herausforderung werden würde.

 

Vielfach ausgezeichnet

Ministerpräsident Pawan Chamling wird von Sikkims Bewohnern hochgeschätzt und bereits fünfmal mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt. In seiner 25-jährigen Amtszeit wurde er auch für seine Initiative Sikkim zum Bio-Staat zu machen vielfach ausgezeichnet: Unteranderem erhielt er den „Sustainable Development Leadership Award 2016“ (Preis für Nachhaltige Entwicklung) von Energy and Resources Institute (TERI), wie schon erwähnt wurde er mit dem „One World Grand Prix Award 2017“ von Rapunzel unter der Schirmherrschaft von IFOAM geehrt. Außerdem wurde Premier Chamling von Navdanya (Vandana Shiva) zum „Ambassador of Organic Himalaya and Organic World"  (Botschafter für "Bio-Himalaya" und eine Bio-Welt) im October 2017 berufen.

Organic viillage Budang welcomes visitors warmly.

Das Bio-Dorf Budang heißt seine Besucher herzlich willkommen. Foto © Karin Heinze

Das Modell der „Sikkim Organic Mission"

Nach der Umstellung auf Öko-Landbau sind heute mehr als 76.000 ha Land bio-zertifiziert nach dem indischen Bio-Standard NPOP bzw. nach dem US-Standard USDA-NOP und werden von rund 66.000 Bauern bewirtschaftet. Es war eine enorme Anstrengung, die Umstellung fachgerecht zu organisieren. Doch ist es der mit gut ausgebildeten, engagierten Fachleuten ausgestatteten Abteilung (Organic Mission) gelungen, diese Aufgabe zu bewältigen. Über den Öko-Landbau hinaus wurde auch besonderer Wert auf Umwelterziehung und andere "grüne" Aktivitäten gelegt, um alle Bevölkerungsgruppen auf dem Bio-Pfad mitzunehmen. Der Aktionsplan began bereits mit dem Programm „Harit Kranti“ - Greening Sikkim, 1995, in dem  vor allem die Menschen zur Teilnahme mobiliert wurden. Beispiele sind das gesetzliche Verbot der Verwendung nicht biologisch abbaubarer Materialien wie Plastiktüten (1997), die Gründung des Öko-Clubs und  eines Grünen Fonds (Eco-club & Green Fund, 1997), Schulen und Colleges wurden früh in die Umwelterziehung eingebunden. 2008 erklärte sich Sikkim zum "Raucher"- freien Staat und 2009 wurde das Sikkim Eco Tourism Directorate (Öko-Tourismus) gegründet. Das Programm „Ten minutes to Earth“ (10 Minuten für die erde) ging ebenfalls 2009 an den Start und beinhaltet eine jährliche landesweite Pflanzaktion. Schließlich war 2010 die Zeit reif für die  Sikkim Organic Mission, gleichzeitig wurde für alle Treffen der Regierung abgefülltes Wasser verboten und viele weitere kleine und große Schritte wurden unternommen, um Sikkim so grün wie möglich zu machen.

Traditional drying of maize at the organic Village Budang.

Traditionales Trocknen von Maiskolben in Budang. Foto © Karin Heinze

Die Herausforderung war nicht klein

Nach einer langen Vorbereitungszeit und der Entwicklung der Vision sowie des Konzepts, wurde 2006 eine Machbarkeitsstudie gemacht und es wurden Bauern und Gruppen identifiziert, die Erfahrung mit Bio-Anbau und der Vermarktung der Produkte sammeln sollten. „Die von der Idee nicht so begeisterte Bauern zu überzeugen, war keine einfache Aufgabe", heißt es in „Sikkim on the Organic Trail“. In einem ersten Schritt wurden 7.300 Bauern mit 8.100 ha Land für das Bio-Zertifizierungsprogramm ausgesucht. Herausforderungen waren unter anderem die Bodenfruchtbarkeit ohne chemisch-synthetische Dünger zu erhalten, verschiedene Schädlinge und Pflanzenkrankheiten in den Griff zubekommen, aber auch ganz andere Dinge wie passende ökologische Verpackungsmaterialien zu finden oder den Standards entsprechende Lagerhallen zu schaffen. Bis dato war eine Vermarktung quasi nicht existent ebenso war die Logistik ein Problem. Der Staat initiierte eine Kampage, um das Bewusstsein für den ökologischen Weg Sikkims zu schärfen und viele Trainings in allen Altersgruppen. 

Für Marketingaufgaben wurde die SIMFED (Sikkim State Cooperative Supply and Marketing Federation Limited) gegründet. Die sehr klare Roadmap der „Sikkim Organic Mission“ stellte den Zeitrahmen und das Ziel war der Horizont. So wurde 2015 zur Sicherung der Bio-Zertifizierung die staatliche Organisation Sikkim State Organic Certification Agency (SSOCA) gegründet und 2017 der 18th Januar zum jährlichen  „Farmers´ Day“ augerufen.

The farmer group of the Ravangla has a broad variety of products.

Die Farmer Gruppe in der Nähe von Nimchi produziert eine breite Range an Produkten und vermarktet vor allem Cardamom als "Cash Crop". Auch einige Einkäufer der Besuchergruppe aus Europa waren an Cardamom interessiert.  Foto © Franziska Geyer

Heute ist Sikkims Bio-Vision und wie sie Realität geworden ist ein anerkanntes Modell in der Bio-Bewegung. Eine Gruppe deutsch-italienischerBio-Unternehmer besuchte den Bio-Staat im  November und war sehr beeindruckt. Besichtigt wurden ein Gartenbau-Modell-Betrieb mit Forschung, zwei Bio-Dörfer mit Öko-Tourismus und die große staatliche Tee-Plantage Temi Tea mit der Verarbeitungsanlage.

Wir trafen zudem viele freundliche, hilfbereite Menschen und sahen reiche Kultur und Biodiversität - nach einen sehr kurzen Aufenthalt von nur drei Tagen fühlten wir uns beschenkt. Auch während des IFOAM Organic World Congress und der Messe BioFach India/ India Organic wurde Sikkim als visionäres Modell gefeiert und vielen Menschen aus der ganzen Welt wurde anhand des Beispiels bewusst wie eine große Idee umgesetzt werden kann, wenn es eine starke treibende Kraft gibt.


Stichworte:

Hintergrund/Strategie

International

Politik

Landwirtschaft

Asien


zur Startseite/alle Meldungen

Zurück

Uns interessiert Ihre Meinung. Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zum Thema!


Kommentar von Karina |

Ich finde das ganz fantastisch, was dort geschafft wurde. Die ganze Welt, und vor allem Deutschland als selbst ernannter Umweltstaat, sollte sich daran ein Beispiel nehmen.



Newsletter

E-Mail
E-Mail bestätigen

Anzeige

Anzeige


Lesen Sie hier die aktuelle
Ausgabe des BioHandel