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Ritter Sport: „Nachhaltigkeit“ wichtiger als Bio

von Kai Kreuzer (Kommentare: 0)


Seit Jahren rühmt sich Schokoladenhersteller Ritter Sport seiner ökologischen Taten. Jüngstes Beispiel ist ein Blockheizkraftwerk, das die Produktion zu 30 Prozent mit selbst erzeugtem Strom versorgt. Ab diesem Jahr soll eine eigene, 2.000 Hektar große Plantage in Nicaragua „nachhaltig“ produzierten Kakao liefern. Langfristig könnten rund 30 Prozent des benötigten Kakaos für die Schokoladen-Quadrate aus dem mittelamerikanischen Land kommen, so die Firmenprognose. Eine Zertifizierung von Soil and More für die Ritter-Plantage liegt bereits vor. Diese betrifft jedoch nur die Kompostierung und nicht den Anbau.

Bio-Anbau fällt bei Ritter aber offenbar nicht mehr unter den Begriff Nachhaltigkeit. Die Zusammenarbeit mit etlichen der 3.500 nicaraguanischen Kleinbauern, die Ritter Sport im Rahmen des Projektes Cacaonica seit 1990 mit Kakao beliefern, hat das Unternehmen auf eine neue Grundlage gestellt: Statt einer Bio-Zertifizierung verlangt Ritter Sport von ihnen ab Oktober 2017 eine UTZ- oder Fairtrade-Zertifizierung.

Ritter Sport besitzt eine 2.000 ha große Farm in Nicaragua

Ritter Sport besitzt eine 2.000 ha große Farm in Nicaragua

Erst 2015 hatte Ritter Sport ein Gutachten zur Bewertung des Projekts in Nicaragua beim renommierten Südwind-Institut in Auftrag gegeben. Darin bestätigt Dr. Pedro Morazán, beim Institut für das Thema Armutsbekämpfung zuständig, die positiven Effekte des langjährigen Ritter-Zahlungsmodells. In einer Pressemeldung des Traditionsunternehmens hieß es: „Für viele Familien gehe, so Morazán in seinem Abschlussbericht, die Kommerzialisierung von Kakao mit einer Überwindung von Armutsstrukturen einher. Die ausschlaggebenden Faktoren sind nach Ansicht des Experten vor allem die systematische Arbeit an der Kakaoqualität, die gezahlten Preise und die Steigerung der angebauten Menge.“ Und weiter: „Wichtigstes Instrument zur Förderung der Bauern und der Kooperativen sind faire Preise. Das von Ritter Sport entwickelte Preismodell einer Kombination aus Prämien und Boni sowie festen Abnahmegarantien bietet den Bauern Planungssicherheit und garantiert ein existenzsicherndes Einkommen. Mit Ritter Sport als verlässlichem Geschäftspartner konnten die Risiken von schwankenden Preisen und instabilen Märkten für die Kooperativen minimiert werden.“

Die Auszahlungspreise gingen jedoch seit 2015 deutlich zurück. Anfang dieses Jahres zahlte Ritter für konventionellen Kakao aus Nicaragua 2.466 Dollar je Tonne, für Bio-Qualität gab es 200 Dollar mehr. Zwei Jahre zuvor hatte der Bio-Zuschlag noch bei 400 Dollar und der Auszahlungspreis bei 3.543 US-Dollar gelegen. Den Rückgang von 25 Prozent beim Auszahlungspreis begründet die Ritter Sport-Zentrale mit dem gesunkenen Weltmarktpreis. Die nicaraguanischen Kleinbauern sind allein durch diese Tatsache unter Druck geraten. Ohnehin zählen sie zu den Ärmsten weltweit.

Ritter Sport wird statt Bio mehr Chemie im Landbau fördern

Dazu kommt, dass sich die Schwaben von dem durch das Südwind-Institut gelobten Zahlungsmodell nun offenbar verabschieden. Den Bio-Kooperativen in Nicaragua hat Ritter über die Landesvertretung in Matagalpa mitteilen lassen, dass ab Oktober 2017 kein Bio-Zuschlag mehr gezahlt werde. Der Mehrpreis von knapp 10 Prozent bleibe zwar, jedoch nur noch für eine UTZ-Zertifizierung. Deren Nachhaltigkeitsstandards sind allerdings weit entfernt von den Richtlinien für den ökologischen Anbau. Jaume Martorell, Leiter des Bereichs Aufkauf von Ritter Sport in Nicaragua, schrieb einem Lieferanten am 8. Januar 2017, dass Bio-Ware ab Oktober dieses Jahres nur noch in Kombination mit einem Siegel von UTZ oder Fairtrade aufgekauft werde. Am 27. Februar 2017 teilt er ergänzend mit: „Ob die Ware biologisch angebaut ist oder nicht, interessiert nicht, sie muss nach UTZ oder Fairtrade zertifiziert sein“. In erster Linie gehe es Ritter um Nachhaltigkeit. Das Unternehmen argumentiert, dass Sozialkriterien stärker bei UTZ und Fairtrade verwirklicht seien als bei einer Bio-Zertifizierung. Und weiter heißt es in der Mail von Jaume Martorell: „Chemische Düngung ist bei beiden Siegeln erlaubt."

Gerd Schnepel betreibt zusammen mit seiner Frau Elba Rivera und anderen die Finca Esperanzita and

Gerd Schnepel betreibt zusammen mit seiner Frau Elba Rivera und anderen die Finca Esperanzita und ist sehr besorgt über die Entwicklungen.

Planungssicherheit für Bio-Betriebe sieht anders aus

Gerd Schnepel, Berater und Aktivist bei der Biobauern-Vereinigung Sano y Salvo in Nicaragua, bedauert den Schritt. „Wer den Kleinbauern den Bio-Zuschlag entzieht, wird bald sehen, dass der Öko-Anbau Risse und Löcher bekommen wird. Gibt es kein klares Bekenntnis zum Bio-Landbau seitens Ritter Sport sowie einen entsprechenden Mehrpreis, werden Pestizide und Kunstdünger wieder Einzug halten“, so Schnepel, der in den 1970er Jahren Öko-Landwirt in Oberfranken und den USA war.

Während sich Ritter Sport in Sachen Nachhaltigkeit auf der Zielgeraden sieht und für 2020 „ausschließlich zertifizierten Kakao aus nachhaltiger Produktion“ beziehen möchte, beklagen neben Schnebel weitere Experten und Vertreter der Bio-Branche den Rückzug aus dem Öko-Anbau. Dr. Pedro Morazán vom Südwind Institut sagt: „Ich glaube, dass Ritter gut beraten ist, die Bio-Zertifizierung zu fördern, ohne auf das gute soziale Engagement im Rahmen von Cacaonica zu verzichten.“ Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und mit langjähriger Erfahrung als Entwicklungshelfer in Haiti, zeigt sich enttäuscht von der neuen Politik des Schokoladenherstellers: „Das ist eine betrübliche Nachricht, denn so verschlechtert sich die Umweltbilanz der Kakao-Produktion für Ritter Sport. Es ist auch für die Bauern ein Nachteil, zum Umgang mit Pestiziden zurückzukehren, die für den Anwender gefährlich sind.“

Bio-Anbau: Gut für die Bauern und für die Umwelt

Bio-Anbau: Gut für die Bauern und ihre Familien und für die Umwelt.

Ritter Sport schiebt dem Fachhandel den Schwarzen Peter zu

Einer der Gründe für diesen Systemwechsel sei darin zu suchen, dass der Absatz der Ritter-Bio-Schokolade in den letzten drei Jahren gesunken ist, so Petra Fix, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit beim schwäbischen Traditionsunternehmen. Seit Jahren gebe es erhebliche Absatzprobleme. „Der Bio-Fachhandel listet unsere Produkte nicht“, klagt Petra Fix. Von Werbe- und Marketingmaßnahmen zur Absatzförderung für die Bio-Schokoladen kann sie auf Nachfrage nicht berichten. Für die Reklame konventioneller Produkte gibt das Unternehmen hingegen Millionen von Euro aus, vor allem an Bahnhöfen.

Doch ganz will Ritter die Tür für Bio wohl doch nicht schließen. Derzeit spiele Bio im Süßwarenbereich zwar keine große Rolle. „Vielleicht ist eine Nachhaltigkeitszertifizierung aber ein Zwischenschritt“, so Fix. Man sei mit UTZ nicht verheiratet, derzeit böten sich dort aber die größeren Marktchancen.

Kleinbauern in Nicaragua gehören immer noch zu den ärmsten weltweit.

Kleinbauern in Nicaragua gehören immer noch zu den ärmsten weltweit.

Kritik der Schokoladen-Kampagne

Der jüngst angekündigte Zusammenschluss von UTZ und Rainforest Alliance wird an der Situation wohl nichts ändern. Im Gegenteil: Die Fusion bedeutet mehr Marktmacht für das neue Label „Rainforest Alliance“. Der derzeitige Executive Director von UTZ, Han de Groot, soll zum CEO der Rainforest Alliance ernannt werden. Nigel Sizer, Präsident der Rainforest Alliance, wird Chief Program Officer, Advocacy, Landscapes and Livelihoods. Beide Organisationen möchten dem Vernehmen nach zwar den Pestizid- und Kunstdüngereinsatz reduzieren, verbieten ihn aber nicht grundsätzlich.

Die Aktion „Make Chocolat fair again“, die unter anderem von der NGO Inkota und dem Südwind-Institut initiiert wurde, geht in einem Infoflyer auf die beiden Nachhaltigkeitssiegel ein. Die Kritik ist deutlich und beinahe gleichlautend für beide Organisationen: „UTZ Certified garantiert den ProduzentInnen keinen Mindestpreis. Wenn der Weltmarktpreis für Kakao fällt, erhalten auch die ProduzentInnen einen geringeren Preis. Prämien sind nicht vorgeschrieben, sondern müssen von den Bäuerinnen und Bauern selbst verhandelt werden. UTZ Certified beinhaltet kein System für Vorfinanzierung oder Kreditvergabe.“ Außerdem böten UTZ und Rainforest Alliance den Bauern kaum Mitbestimmungsmöglichkeiten. Und weiter: „Die Siegel von Fairtrade, Rainforest Alliance und UTZ Certified entsprechen nicht den ökologischen Anforderungen eines Bio-Siegels." Als Vorreiter in Sachen Bio und Fairtrade führt der Kampagnen-Flyer den Naturland-Verband mit seiner Fair-Zertifizierung an.

Rückzieher von Ritter Sport 2013

Bereits 2013 hatte Ritter die Abschaffung des Bio-Zuschlags geplant und wollte nur noch einen Mehrpreis für eine UTZ-Zertifizierung zahlen. Bio-Markt.Info hatte seinerzeit ausführlich darüber berichtet und rund ein Dutzend anderer Medien – vor allem Tageszeitungen in Baden-Württemberg und auch die taz – hatten die Berichterstattung aufgegriffen. In der Folge kippte Ritter Sport das Vorhaben. Offenbar war der öffentliche Druck „pro bio“ seinerzeit zu groß geworden.


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