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Naturgut setzt auf Regionalität und Online-Handel

von Karin Heinze (Kommentare: 0)


 

Belebter Standort: Naturgut Filiale und Zentrale am Marienplatz in Stuttgart

Belebter Standort: Naturgut Filiale und Zentrale am Marienplatz in Stuttgart.

 

Nachdem es jahrelang gebrummt hat, ist der Stuttgarter Filialist Naturgut wie viele Kollegen aktuell von Umsatzstagnation betroffen. Geschäftsführer Niko Tsiris hat die Gründe analysiert und steuert gegen. Zwei wichtige Stellschrauben sind das bewährte Regionalkonzept und der Aufbau eines professionellen Online-Shops. Außerdem will Tsiris den Bio-Themen wieder mehr Aufmerksamkeit verschaffen, die sich der konventionelle Handel unter den Nagel gerissen hat.

Naturgut beteiligt sich regelmäßig an Stadtteilfesten.

Naturgut beteiligt sich regelmäßig an Stadtteilfesten.

Am belebten Marienplatz im Stuttgarter Süden ist die Präsenz von Naturgut nicht zu übersehen. Der Standort der Filiale an einer Ecke des weitläufigen Platzes, von der zwei stark befahrene Straßen abzweigen, ist gut sichtbar. Vor der breiten Fensterfront am Eingang stehen Tische und Stühle des Bistros und laden zum Verweilen ein. An einem Stromverteilerkasten wird zusätzlich auf den Bio-Markt aufmerksam gemacht und gerade wird ein riesiger Maibaum abgebaut, an dem Naturgut als teilnehmende Firma am Stadtteilfest ebenfalls erscheint.

Der Markt ist in Bewegung

Niko Tsiris, Geschäftsführender Gesellschafter von Naturgut.Laut aktueller betriebswirtschaftlicher Auswertung schloss Naturgut das vergangene Jahr mit einem Wachstum in allen zehn Filialen (350 – 600 qm) ab. „Das war einem starken ersten Halbjahr zu verdanken“, erläutert Niko Tsiris. „Ab Herbst 2016 waren die Umsatzrückgänge spürbar geworden. Da war von zweistelligem Wachstum der Filialen bis hin zu einstelligem Rückgang alles dabei.“ Auf die Frage nach den Gründen, sagt Tsiris: „Der Markt ist stark in Bewegung geraten." Er sieht das als ein Ergebnis des Alnatura-dm-Streits im ersten Quartal 2015. Alles, was dann folgte, versetzte den Markt in Unruhe und brachte den Erfolgskurs der Bio-Branche ins Schleudern: Alnaturas Partnerschaft mit Edeka, Fachhandelsmarken bei dm und im LEH, bis hin zu den Discountern, die mit großen Werbekampagnen stark auf Bio, regional und vegan fokussierten. Bei den konventionellen Herstellern als auch im LEH stünden freilich ganz andere Marketingbudgets hinter den Kampagnen. So kam eines zum anderen. Tsiris bezeichnet die Entwicklung auch gerne als „unnötige Wertevernichtung“.

 

"Wir müssen uns wieder mehr anstrengen"

„Wir versuchen natürlich gegenzusteuern. Alle Bereiche werden durchleuchtet, jeder Prozess wird auf der Kostenseite  überprüft. Wir setzen weiterhin stark auf Ausbildung und versuchen so viele Kanäle wie möglich zu bespielen, um noch mehr Aufmerksamkeit auf unsere Geschäfte zu lenken“, erklärt Niko Tsiris. Stellschrauben sind für ihn zudem, neben der Beteiligung an lokalen Events und sozialem Engagement, die stetige Verbesserung der Außendarstellung, ein Kundenmagazin (ab Herbst viermal jährlich) und ein gepflegter Facebook-Auftritt. Kürzlich hat Naturgut auch auf Radio- und Großflächenwerbung sowie Citylight-Poster gesetzt – auch der Online-Shop wurde dort erstmals beworben. „Das dürfte unserem hohen Bekanntheitsgrad und unserer Position als Nahversorger gut getan haben. Naturgut ist gut aufgestellt“, sagt Tsiris. Allerdings findet er: „Die Branche hat etwas nachgelassen. Wir müssen uns wieder mehr anstrengen, unsere Werte mehr kommunizieren und der Tatsache, dass Edeka, Rewe, dm & Co viele unserer Themen besetzen, etwas entgegensetzen. Die verkaufen nur zwei bis vier Prozent Bio, nutzen es aber sehr geschickt als Aushängeschild und profilieren sich damit.“

Die gut gepflegte Obst- und Gemüseabteilung mit vielen regionalen Angeboten.

Die gut gepflegte Obst- und Gemüseabteilung ist die Visitenkarte der Filiale.

Aktiv und vorbildlich sein

Naturgut engagiert sich schon lange bei verschiedenen Wettbewerben, was viel zur Bekanntheit beiträgt. Beispielsweise wurde das Unternehmen im Rahmen der Aktion „Mitmachen Ehrensache“ der Jugendstiftung Baden-Württemberg und anderer Träger als besonders vorbildlicher und engagierter Arbeitgeber gewürdigt. Naturgut erhielt zudem schon den deutschen Fairness-Preis und den Baden-Württembergischen Mittelstandspreis für Soziale Verantwortung. Diese Aktivitäten gehen allerdings all zu oft unter - sie sollten noch öffentlichkeitswirksamer vermarktet werden. Niko Tsiris ist überzeugt, dass dies gerade jetzt besonders notwendig ist.

Filialleiter Thomas Fröscher hat bei Naturgut seine Ausbildung gemacht.

Filialleiter Thomas Fröscher hat bei Naturgut seine Ausbildung gemacht.

"Das Original wird sich durchsetzen"

Tsiris ist bei der Mitgliederversammlung im Mai in den BNN-Vorstand gewählt worden. Zusätzlich setzt er sich als Mitglied des Kasseler Kreises, der Arbeitsgruppe mittelständischer Biofacheinzelhändler für die Belange des Fachhandels ein. Er wünscht sich eine gemeinsame Kampagne des BNN zusammen mit allen Handelsstufen der Branche und ist überzeugt: „Das Original wird sich durchsetzen.“

Ideen für starke gemeinsame Kernaussagen, aus denen die Kampagne entwickelt werden soll, sind bereits vorhanden. „Wir sehen einen Handlungsbedarf für die Menschen in diesem Land, für saubere Lebensmittel und eine deutliche Reduktion der Belastungen unserer Umwelt zu arbeiten - der war noch nie so groß wie heute“, sagt Tsiris. Konventionelle Anbieter, die zwar vereinzelt Bio-Produkte verkauften, denen „im Kern aber gleichzeitig das Elend von Millionen in Massentierhaltung gequälten Billighühnern egal und die Belastung unserer Nahrung mit multiresistenten Keimen nicht wichtig ist, werden auch in Zukunft den Verbrauchern keinen echten Ausweg zur Lösung der auf uns zukommenden Ernährungs- und Umweltkrise anbieten können“, so Tsiris. „Die Branchenvertretung muss und wird ihre Öffentlichkeitsarbeit verstärken, um den Menschen in diesem Land das Verständnis für diese Situation näher zu bringen“, betont er.

Attraktive Einkaufsadresse: Die Kunden wieder stärker an den Laden binden.

Attraktive Einkaufsadresse: Die Kunden wieder stärker an den Laden binden und neue Kunden finden.

"Seit Anfang an in der Region verwurzelt"

Zum Grundkonzept von Naturgut gehört der Fokus auf Regionalität mit einem großen Netzwerk von Lieferanten (mehr als 75) aus dem Umkreis von Stuttgart. „Wir sind seit Anfang an in der Region verwurzelt und die Erzeuger und Verarbeitungsbetriebe sind mit uns gewachsen. Je nach Saison haben wir bis zu 50 Prozent Regionalware in den Regalen - wir sind wichtige Vermarktungspartner.“ Den Slogan „Ein Herz für die Region“ verwendet Naturgut großzügig, er stellt quasi die Marke des Unternehmens dar. Nicht nur in der Obst-und Gemüseabteilung, sondern auch an den Regalen weisen Schildchen auf regionale Lieferanten hin, von Albgold und Beutelsbacher über Emil´s und Tofu-Hersteller bis Wala und diversen Winzern - die Auswahl ist groß. Um den Kunden immer wieder neue Kaufanreize zu bieten, werde das Sortiment und auch die Präsentation kontinuierlich angepasst. „Wir brauchen aber auch starke überregionale Fachhandelsmarken“ gibt Tsiris unumwunden zu und findet die Abwanderung von Marken zu den Wettbewerbern alles andere als ideal.

 

Regionaler Online Shop ist neues Standbein

Eine Naturgut-Filiale ist ein „Dark store“. Tsiris bezeichnet damit das Betreiben des Online-Shops. Ihm schwebt vor, dass dieser Dark store mittelfristig so viel Umsatz erwirtschaftet wie eine traditionelle Filiale. „Wir wollten rechtzeitig unsere Erfahrungen mit dem Online-Geschäft sammeln, es unseren Kunden anbieten und neue Kunden gewinnen. Dabei müssen wir an die Kunden von morgen denken. Dazu gehören eben auch die Digital Natives.“ Der Online-Shop bietet das gesamte Sortiment von 5.000 bis 6.000 Produkten einer Filiale und wird von einem externen Logistiker professionell betrieben. Wer bis 9.00 Uhr bestellt, bekommt ab 14:00 Uhr in verschiedenen Zeitfenstern seine Ware nach Hause geliefert.

„Wir haben alles von A bis Z durchdefiniert und das Ganze ist absolut professionell aufgebaut, die Logistik stimmt.“ Alles funktioniere absolut reibungslos. Die Zentrale habe mit der Abwicklung nichts zu tun. Zu den Kunden zählten jetzt schon Agenturen, Kindergärten und Kitas. Für ein Fazit sei es nach einem halben Jahr Laufzeit allerdings noch zu früh, so Tsiris. Am Ende des Jahres werde man die Erfahrungen auswerten.

Große Auswahl an der Back- und Käse-Bedientheke.

Große Auswahl an der Back- und Käse-Bedientheke.

Expansion: Immer die Augen offenhalten 

Tsiris sieht auf jeden Fall noch Potenzial für weitere Filialen in der gut 600.000 Einwohner-Stadt und im Großraum Stuttgart (20 km Umkreis). Auch wenn gerade, im Mai, die Naturgut-Filiale Nummer 11, in Korntal (Eröffnung September 2015), auf denn´s umgeflaggt wurde. „Das zeichnet unsere sehr gute Zusammenarbeit mit unserem Großhändler Dennree aus, dass er uns hier unter die Arme gegriffen hat“, meint Tsiris. Die Fehleinschätzung dieses Standorts im ländlichen Raum nimmt ihm jedoch nicht den Wind aus den Segeln.

Nachdem gerade die Filiale am Hölderlinplatz komplett kernsaniert und umgebaut wurde und ein Umbau in der Filiale Sillenbuch geplant ist, hält er die Augen nach interessanten Objekten offen. Seine Parole: Standorte besetzen, wenn sich die Gelegenheit ergibt und die Mieten nicht überzogen sind. Strategische Standorte in teuren Innenstadtlagen will er sich allerdings nicht leisten. „Wir sehen uns eher als Nahversorger mit fairen Preisen und sind mit unserem Regionalkonzept recht gut positioniert“, sagt Tsiris. Neun von zehn Filialen haben ein Bistro – je nach Standort in unterschiedlichen Größen. Dies sei auch ein wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzepts.

Kinderspielecken gehören wie die Barrrierefreiheit zur Grundausstattung der Naturgut-Filialen.

Kinderspielecken gehören wie die Barrrierefreiheit zur Grundausstattung der Naturgut-Filialen.


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