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Jahresrückblick, Teil zwei: Zahlen und Entwicklungen

von Alexander Reinbold (Kommentare: 0)


Ein turbulentes Jahr liegt hinter der Branche, nicht selten war die Rede von einem Umbruch in der Fachhandelwelt. Diskutiert wurde über die Treue der Hersteller, die neue Vertriebsstrategie von Demeter und wie sich der inhabergeführte Fachhandel profilieren kann. Die positive Entwicklung des gesamten Bio-Sektors trat dabei etwas in den Hintergrund, zumal auch das Wachstum der Naturkostläden rückläufig war. Erfreuliche Zahlen kamen von den Anbauverbänden.

Bio auf dem Vormarsch

Pünktlich zur BioFach im Februar veröffentlichte der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) die Branchenzahlen für das Vorjahr. Der BNN-Umsatzmonitor wies für den Naturkostfachhandel 2015 ein Umsatzplus von 11,4 Prozent aus. Die Erlöse betrugen rund 3,04 Milliarden Euro. 93 Bio-Läden öffneten erstmals ihre Türen, dem standen 84 Schließungen gegenüber. Die Gesamtverkaufsfläche stieg um rund 30.000 auf 550.000 m2.

Auch der Arbeitskreis Biomarkt verkündete Positives: Der Gesamtumsatz mit Bio-Lebensmitteln und -Getränken stieg 2015 um 11,1 Prozent auf 8,62 Milliarden Euro. Am stärksten legte der Verkauf im Lebensmitteleinzelhandel zu, wo er um 13,2 Prozent auf 4,76 Milliarden Euro wuchs. Für den Naturkostfachhandel berechnete der Arbeitskreis mit 2,71 Mrd. Euro ein Umsatzplus von 10 Prozent. Auch andere Vertriebsstellen wie Reformhäuser, Bäckereien oder Versandhandel legten stärker zu als zuvor. Naturkosmetik war auch 2015 ein Wachstumstreiber des Kosmetikmarktes, mit einem Umsatzplus von rund 10 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2016 schwächte sich das Wachstum allerdings auf vier Prozent ab.

Auch in Europa ist Bio weiter auf dem Vormarsch, wie Zahlen für das Jahr 2014 belegen: Der Umsatz mit Bio-Produkten erreichte 26,2 Milliarden Euro, ein Zuwachs um 7,6 Prozent. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Marktvolumen damit mehr als verdoppelt. Bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Bio-Lebensmittel liegen die Schweizer mit 221 Euro an der Spitze – nicht nur in Europa, sondern weltweit. In Europa folgen auf die Eidgenossen Luxemburg, Dänemark, Schweden, Österreich, Liechtenstein und Deutschland mit knapp 100 Euro pro Kopf.

Steigendes Interesse an Öko-Landwirtschaft

Die Zahl der Bio-Bauern ist in Deutschland 2015 um 5,7 Prozent auf 24.736 gestiegen. Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche wuchs laut Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums um 3,9 Prozent auf 1.088.838 Hektar. Damit ist die Stagnation der letzten Jahre überwunden, was insbesondere auf die im Herbst 2014 deutlich gestiegenen Öko-Prämien zurückzuführen ist. Auch die dramatischen konventionellen Preiseinbrüche etwa bei Milch und Schweinen haben die Zahl der Umsteller wachsen lassen. Noch stärker als die Zahl der Bauern stieg die Zahl der verarbeitenden Betriebe. Sie legten um fast zehn Prozent auf 10.414 zu.

Inhabergeführter Fachhandel: Wachstum wird schwächer

Durchwachsen waren die Zahlen, die das Umsatzbarometer Biohandel zutage brachte: Nach einem Plus von 9,4 Prozent im Gesamtjahr 2015 schwächte sich die Zuwachsquote im ersten Quartal 2016 ab: Die durchschnittlichen Tagesumsätze der am Umsatzbarometer teilnehmenden Betriebe stiegen im Vergleich zur Vorjahresperiode um 4,2 Prozent.

Noch deutlich schwächer fiel das zweite Quartal aus: Mit einem Umsatzdurchschnitt von minus 0,1 Prozent wurde gerade knapp das Vorjahresniveau erreicht. Im dritten Quartal erzielten die Betriebe dann ein Plus von 2,4 Prozent. Insgesamt stiegen die Umsätze in den ersten neun Monaten des Jahres im Vergleich zur Vorjahresperiode um 2,2 Prozent.

Filialisten legen weiter zu

Erfolgreicher zeigten sich die Bilanzen der großen Filialisten. Bei der dennree-Gruppe, zu der Ende des vorigen Jahres 192 denn’s-Märkte gehörten, stieg der Umsatz 2015 um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Basic verzeichnete ein Plus von über 10 Prozent, die Bio Company konnte ihren Umsatz um 17,5 Prozent steigern.

Am Berliner Handelsunternehmen beteiligt sich seit März die Bio Development Holding AG. Die Schweizer übernahmen im Rahmen einer Kapitalerhöhung 39,9 Prozent der Anteile von den bisherigen Alleingesellschaftern Georg Kaiser und Hubert Bopp-Kempf. Der Filialist war selbst in Sachen Übernahme aktiv. Den ebenfalls in der Hauptstadt ansässigen Bio-Großhändler Midgard hat sich die Bio Company komplett einverleibt.

Bei Alnatura zeigten die kontinuierlichen Auslistungen des einst größten Handelspartners dm Wirkung. Dennoch konnte das Unternehmen die Umsätze im Geschäftsjahr 2015/2016 stabil halten, wie es im November bekannt gab. Neben dem derzeit größten Partner Edeka konnte Alnatura mit Müller und Rossmann zudem zwei neue Drogerie-Handelspartner gewinnen.

Diskussion um Fachhandelstreue - was tun?

Erst Provamel, dann Davert: Der eine Hersteller brachte zum Jahresanfang einen Teil seines Sortiments in die Regale von dm, der andere zog im Mai nach. Besonders die Entscheidung von Davert zog den Unmut vieler Bio-Fachhändler auf sich. Was folgte, war eine scharfe Diskussion um Fachhandelstreue, die noch immer anhält.

Für viele Bio-Filialisten gilt als sicher, dass der Preisdruck auf Davert-Artikel steigt – und in der Folge die Marge nicht mehr ausreicht, um die höheren Kosten des Fachhandels gegenüber discountähnlichen Vertriebsstrukturen abzudecken. „Der Bio-Fachhandel kann diesen Margenwettbewerb nicht gewinnen“, befürchtet Michael Radau, Vorstand der SuperBioMarkt AG. Die Arbeitsgruppe mittelständischer Bio-Facheinzelhändler rief dazu auf, neue Bio-Markenanbieter oder bewährte Markenhalter mit neuen Artikelangeboten zu finden.

Die Spielberger Mühle, die sich vertraglich an den ausschließlichen Verkauf über den Fachhandel gebunden hat, fordert nicht nur von den Herstellern ein Umdenken. Auch der Fachhandel müsse seine Sortimentsentscheidungen stärker an markenpolitischen Kriterien ausrichten.

Dass das Engagement von Fachhandelsmarken im LEH offenbar nicht so groß sein wird wie einige vermuten, legt eine Umfrage zutage, die der BNN im September veröffentlichte: Von 31 Herstellern, die BNN-Mitglied sind und mit ihrer Marke noch nicht im LEH oder in Drogerie-Märkten stehen, wollen demnach nur zwei außerhalb des Naturkostfachhandels aktiv werden.

An Fahrt nahm die Treue-Debatte auf, als Demeter im Oktober eine neue Vertriebsstrategie beschloss. Der Vertrieb von Produkten unter der Marke Demeter wird danach künftig an qualitative Kriterien gebunden. Neben der weiterhin klaren Ausrichtung auf den Naturkostfachhandel besteht damit auch für Verkaufsstellen des Lebensmitteleinzelhandels die Möglichkeit, Demeter-Ware anzubieten. Marktteilnehmer sehen das Vorgehen des bio-dynamischen Anbauverbands überwiegend kritisch. Dass Naturland im Februar verkündete, stärker mit dm zusammenarbeiten zu wollen, ist bei all dem Trubel zur Randnotiz verkommen.

Den Umbruch in der Fachhandelwelt kommentierten für bio-markt.info Malte Reupert von Biomare in Leipzig und Klaus Lorenzen, Vorstand der EVG Landwege eG. Jörg von Kruse, Geschäftsführer des Naturkosmetikpioniers i+m Naturkosmetik, bemängelte im Gespräch mit unserem Portal ein Desinteresse des Fachhandels für kleinere, unbekannte Marken.

Um das Thema Branchenloyalität ging es im November auch bei einem Workshop des (BNN), an dem 50 Verbandsmitglieder aus Herstellung sowie Groß- und Einzelhandel teilnahmen. Entwickelt wurde dort die Vision, den Fachhandel zur Marke zu machen.

Angeregte Diskussionen prägten die beiden Marktgespräche.

Marktgespräche: Neue Verkaufskonzepte gefragt

Gut besucht waren die beiden Marktgespräche, die der bio verlag mit organisierte. Im Juni legten zwei Externe der Branche nahe, auf die Herausforderungen von Edeka und Rewe zu reagieren. Veränderungen des Einkaufsverhaltens erforderten einen veränderten Umgang mit Kunden und neue Verkaufskonzepte, hieß es seinerzeit. Beim Marktgespräch im November stand die Bedeutung des digitalen Marketings für den Fachhandel im Blickpunkt.

Bio-Sektor unterstützt Flüchtlinge

Das Schicksal der vielen in Deutschland gestrandeten Flüchtlinge beschäftigt auch die Bio-Branche. Hersteller wie Ökoland, Sonett, Voelkel, Rapunzel, aber auch die Berliner Unternehmen Bio Company und i+m Naturkosmetik Berlin sowie der Münchener Filialist VollCorner setzten sich auf vielfältige Weise für die hierzulande Gestrandeten ein. In unserem zweiteiligen Beitrag „Refugees Welcome“ berichteten wir darüber, wie Bio-Akteure die Integration von Flüchtlingen konkret unterstützen (Teil eins und Teil zwei).

Messen einmal mehr Besuchermagnet

Rund 48.000 Fachbesucher besuchten im Februar in Nürnberg die beiden Fachmessen BioFach und Vivaness, 4.000 mehr als im Vorjahr. Die sehr guten Marktzahlen, eine lockere Stimmung in den Hallen und auf den abendlichen Veranstaltungen trugen zu einem gelungenen Messeverlauf bei. Der gut besuchte Kongress mit rund 7.000 Besuchern zeigte, wie groß das Bedürfnis nach fundierter Information und intensivem fachlichem Austausch ist. Insbesondere das Forum BioFach und das Forum Politik zogen viele Fachleute an.

Auch die regionalen Bio-Messen freuten sich einmal mehr über zahlreiche Besucher aus der Branche. Während die Zahlen der Veranstaltungen in Augsburg (BioSüd) und Hannover (BioNord) stabil blieben, verzeichneten BioOst (Berlin)und BioWest weitere Zuwächse.

Was die Branche sonst noch beschäftigte

Die Sortimentsrichtlinien des BNN umfassen nun auch ökologische Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel (WPR) für private Haushalte. Und auch personell gab es bei dem Verband eine wichtige Änderung: Mit Georg Kaiser hat er seit August einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Der Chef der Bio-Company löste Meinhardt Schmidt ab, der den BNN zehn Jahre lange führte und nicht mehr zur Wahl antrat.  

Um den Bio-Markt im Südwesten voranzubringen, hat die Regionalwert AG Freiburg gemeinsam mit den Großhändlern Bodan und Rinklin die Gesellschaft für Bio-Marktentwicklung gegründet. Damit will das Trio die Entwicklung, Gründung und Finanzierung von Bio-Einzelhandelsgeschäften unterstützen.

Ihre Züchtungsarbeit in Schwung bringen will die Ökologische Geflügelzucht gGmbH (ÖTZ) mithilfe von „Unternehmenspatenschaften“. Die Kooperationspartner verpflichten sich, für jedes gehandelte Ei fünf Jahre lang einen Cent an die ÖTZ zu überweisen. Im Oktober hatten bereits elf Großhändler, rund 40 Betriebe des Verbands Ökokiste e.V. sowie Hofläden die Vereinbarung unterzeichnet.

Emmi, größter Produzent von Bio-Milchprodukten in der Schweiz, hat die Gläserne Molkerei komplett übernommen. Das 2001 gegründete Unternehmen  ist ein führender Biomilch-Verarbeiter im Nordosten Deutschlands.

Die insolvente KTG Agrar SE hat ihre Tochtergesellschaft Bio-Zentrale Naturprodukte GmbH an einen strategischen Investor verkauft. Die 1976 gegründete Bio-Zentrale gehört zum Urgestein der deutschen Bio-Szene, ist aber im Fachhandel wenig bekannt, weil sie von Anfang an den LEH belieferte.

Mit der Initiative „1000 Gärten – Das Soja-Experiment“ wollen Tofuhersteller Taifun und die Landessaatzuchtanstalt der Uni Hohenheim kühlresistente und für die Herstellung von Tofu geeignete Sojasorten zu züchten, die hierzulande heimisch werden. Rund 2.400 Hobby- und Profigärtner, Schulen, Landwirte und öffentliche Gartenprojekte nehmen deutschlandweit an dem Projekt teil.

Kein Kassenschlager war der groß angekündigte Bio-Burger von McDonald’s. Im Oktober 2015 eingeführt, nahm die Fastfood-Kette das Produkt bereits im darauf folgenden Februar wieder aus dem Sortiment.

Einen Bio-Betrugsfall deckte das Nachrichtenmagazin Spiegel im November auf. 410 Tonnen Bio-Möhren, die als deutsche Naturland-Möhren verkauft wurden, stammten der Herkunft nach aus Dänemark und den Niederlanden. Die Marktgenossenschaft der Naturland-Bauern trennte sich daraufhin von ihrem Geschäftsführer Franz Westhues.

Freuen dagegen durften wir uns mit unserem Autor Leo Frühschütz: Er wurde beim Salus-Medienpreis für seinen Beitrag „Die Preise lügen“ im Magazin Schrot & Korn als einer von zwei Hauptpreisträger ausgezeichnet.

Viele weitere Informationen finden Sie in unserem Archiv und auf unserem YouTube Channel. Beachten Sie auch unseren internationalen Jahresrückblick auf organic-market.info.


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