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„Die Branche braucht authentische Firmen“

von Natascha Becker (Kommentare: 0)


Ende vergangener Woche verkündeten Rapunzel und Zwergenwiese überraschend ihre Hochzeit. Beide Firmen sollen aber weiterhin als eigenständige Unternehmen bestehen bleiben. Rapunzel-Gründer Joseph Wilhelm im Interview über die Hintergründe, die Reaktionen der Mitarbeiter und wie es weitergehen soll.

bio-markt.info: Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit, Herr Wilhelm!

Joseph Wilhelm: Vielen Dank! Ich habe es eigentlich bis zum letzten Moment nicht glauben können, dass wir das wirklich machen. Es steckte keinerlei Strategie dahinter – auch wenn das die wenigsten glauben.

Wie kam es dann dazu?

Susanne Schöning und ich kennen uns schon ewig, haben uns aber in den 1980ern aus den Augen verloren.  Wir sind uns erst zu einer Feier von Michael Radau wieder begegnet. Damals haben wir über das Thema Nachfolge geredet und haben beschlossen, in Kontakt zu bleiben. Ende Februar vergangenen Jahres habe ich dann mal bei Zwergenwiese vorbeigeschaut. Da war Susanne aber schon an einer anderen Lösung für ihre Nachfolge dran. Sie sagte aber, dass Rapunzel immer ihre Wunschlösung gewesen wäre. Einen Monat später rief sie mich an und fragte, ob ich noch Interesse hätte – die andere Lösung hatte doch nicht funktioniert. Danach waren wir elf Monate im Gespräch. Das war auch ein emotionaler Prozess. Aber zum Schluss haben wir alles auf einen guten Nenner gebracht -  etwa eine Woche, bevor wir es bekannt gegeben haben.

Wie haben die Mitarbeiter reagiert – besonders bei Zwergenwiese?

Sehr positiv. Die Mitarbeiter von Zwergenwiese hatten wohl eine Ahnung, weil sie wussten, dass Aufgrund von Susannes Alter und Lebensplanung in der Zukunft eine Nachfolgeregelung anstehen würde. Sie haben die Nachricht sehr wohlwollend aufgenommen und sich gefreut, dass Zwergenwiese nicht von einem Investor oder einem Konzern übernommen wird. Die Mitarbeiter lieben Susanne, und eine Firmenseele ist empfindlich. Ich bin überzeugt, dass eine Übernahme durch einen Branchenfremden sich sehr ungünstig auf ein Unternehmen auswirken kann. Bei der Bekanntgabe war auch die nächste Rapunzel-Generation dabei, um zu zeigen, dass es weitergeht – schließlich sind Susanne und ich etwa im gleichen Alter. Die Mitarbeiter bei Zwergenwiese sind sehr offen und es war sehr interessant, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir sind nach zwei Tagen mit einem sehr guten Gefühl wieder nach Hause gefahren.

Wird sich für die Mitarbeiter etwas ändern?

Nein, und sie wissen auch, dass sie nichts zu befürchten haben. Zwergenwiese muss als eigenständiges Firmenwesen bestehen bleiben – die Firmenidentität  ebenso wie die Marke. Ich sehe Zwergenwiese als ein Schwesterunternehmen von Rapunzel, und Rapunzel ist auch nicht weisungsbefugt.

Aber Synergien wollen Sie doch bestimmt nutzen?

Natürlich. Anfangs hatten wir da gar nicht wirklich drüber nachgedacht, das kam erst nach und nach. Aber es sind tatsächlich einige Synergie-Potentiale vorhanden. Etwa beim Einkauf. Rohstoffe wie Palmfett oder Sonnenblumenkerne benötigen beide Firmen – manche kaufen wir bereits beim selben Lieferanten. Daneben können beide Seiten viel Wissen und Erfahrungen austauschen. Auch der Außendienst kann gestärkt werden – Zwergenwiese hat hier drei Mitarbeiter, Rapunzel zehn. Und natürlich können diese Mitarbeiter jetzt beide Marken vertreten. Denkbar ist auch, dass Zwergenwiese künftig als Lohnhersteller für Rapunzel arbeitet.

Dann haben Sie sich ja doch schon einige Gedanken gemacht …

Im vergangenen Jahr waren schon ein paar Mitarbeiter von Rapunzel bei Zwergenwiese, um sich umzusehen. Offiziell natürlich nur, um eine mögliche Zusammenarbeit auszuloten. Zu diesem Zeitpunkt wollten wir noch nicht öffentlich darüber sprechen.

Dann sind Sie also sicher, dass die Beziehung hält?

Wenn man die Branche kennt, hat man eine gute Einschätzung, ob so etwas funktionieren kann. Ich sage: trust your instinct. Man kann nicht alles berechnen und sollte auf sein Bauchgefühl hören. Schließlich geht es um die Zukunft und nicht nur um die Zahlen aus der Vergangenheit.

Bei einigen anderen Unternehmen aus der Branche stellt sich allmählich die Frage nach der Nachfolge. Werden wir Ihrer Meinung nach bald weitere Hochzeiten feiern?

Ich denke schon. Und ich kann mir vorstellen, dass unser Beispiel ein ermutigendes Signal an andere Firmen ist. Wenn ein Unternehmer zu lange wartet, muss er vielleicht aus der Not heraus an den Erstbesten verkaufen. Allos ist für mich hier ein abschreckendes Beispiel: Langjährige Mitarbeiter gehen, weil Werte vielleicht nicht mehr gelebt werden können. Die Branche braucht authentische Firmen, die sich nicht nur auf eine Marke reduzieren lassen. Wenn Bio nur noch ein Nebenprodukt von konventionellen Firmen ist, kann das nicht gutgehen.

Sind Sie denn offen für weitere Hochzeiten?

Grundsätzlich ja, wenn die Partnerschaft sehr gut zu uns passt, wie es bei Zwergenwiese der Fall ist. Im Moment ist es eine günstige Zeit für Verkäufe. Die derzeitige Null-Zins-Politik treibt die Firmenwerte erstmal nach oben. Andererseits sind die Banken auch offen für Unterstützung. Die derzeitige Situation ist nicht die billigste, aber auch nicht die schwierigste.

Wichtig ist mir, dass sich keine amerikanischen Gepflogenheiten breit machen. Denn vielen Investoren geht es nur um kaufen und wieder verkaufen. Sie schrauben die Kennzahlen nach oben und verkaufen die Firma dann wieder. Ich finde es bedenklich, wenn Geld nicht mit Arbeit sondern mit solchen Methoden verdient wird. Unser Denken ist anders!

Freut sich über die Mitgift: Joseph Wilhelm beim Ja-Wort mit Susanne Schöning auf der Firmenhochzeit von Rapunzel und Zwergenwiese in Silberstedt. 

 

 

 

 

 

 

Hintergrund

Rapunzel Naturkost mit Sitz in Legau/Allgäu wurde 1974 von Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen gegründet. Heute beschäftigt das Unternehmen unter der Leitung von Joseph Wilhelm, Margit Epple und Andreas Wenning 350 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2015 mit seinem breiten Sortiment – unter anderem Schokolade, Kaffee, Trockenfrüchte, Nussmuse, Nüsse, Müslis - einen Umsatz von 182 Millionen Euro.

Zwergenwiese ist in Silberstedt, Schleswig-Holstein, beheimatet und wurde 1980 von Susanne Schöning gegründet. Es stellt Brot- und Fruchtaufstriche, Tomatensaucen, Ketchup und Senf her und beschäftigt rund 100 Mitarbeiter.


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