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Bio-Schweine: Der schmale Grat zwischen Bauer und Agrarfabrik

von Leo Frühschütz (Kommentare: 2)


Bio-Schweine sind rar. Deshalb suchen Verarbeiter und Verbände nach Betrieben, die umstellen wollen. Dabei stoßen sie auf eine ganz andere Frage: Welche Betriebe wollen wir haben? Agrarfabriken oder bäuerliche Schweinehalter. Und was genau ist der Unterschied?

Die niedersächsische Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sieht bereits „das weitgehende Ende der bestehenden und zukünftigen bäuerlichen Struktur in der Bioland-Schweinehaltung.“ Sie ruft deshalb die Verbraucher dazu auf, beim Kauf von Speck und Schnitzel auf „Bauernhof-Bio zu achten und beim Handel penetrant nachzufragen, woher und aus welchen Strukturen die oft nicht ausreichend gekennzeichneten Produkte stammten.“

Bioland führt Gespräche mit Großbetrieben

Der Hintergrund der AbL-Meldung: Ein Berater des Bioland-Landesverbandes Niedersachsen hatte ein Gespräch mit einem konventionellen Schweinezüchter geführt, der überlegt, eine seiner Sauenhaltungen umzustellen und künftig Bio-Ferkel zu erzeugen. Laut AbL „soll das Unternehmen bundesweit an mehreren Standorten insgesamt etwa 5.000 Sauen, 20.000 Ferkel und 10.000 Mastsschweine halten.“ Da unter dem von der AbL genannten Namen im Unternehmensregister zwei von einander unabhängige Schweinezuchtbetriebe aufgeführt sind, ist nicht klar, ob sich diese Zahl auf einen oder beide Betriebe bezieht.

Solche ergebnisoffenen Gespräche von vorneherein auszuschließen, kommt für Bioland-Sprecher Gerald Wehde nicht in Frage. „Wenn ein Betrieb in einem Hotspot der konventionellen Fleischerzeugung sich ernsthaft für Bio interessiert und auf uns zukommt, ist das erst einmal positiv.“

Natürlich müsse auch ein solcher Betrieb alle Bioland-Kriterien einhalten, seine Ställe entsprechend umbauen und auch die Ackerflächen umstellen. „Wir fragen auch nach, was die noch so alles machen, wer wie beteiligt ist und entscheiden dann erst, ob ein Unternehmen als Partner in Frage kommt“, sagt Wehde. Soweit ist es in dem konkreten Fall noch nicht, auch wenn das Magazin Top Agrar titelte: „Bioland offen für umstellungswillige Großbetriebe“.

Unabhängig vom Einzelfall kommt hier eine Diskussion auf die Bio-Branche und den Fachhandel zu, die von der Legehennenhaltung her bekannt ist. In den 90-er Jahren stiegen Agrarunternehmen in die Bioeier-Erzeugung ein, teilweise als Partner von Bio-Verbänden. Heute ist jedes zehnte in Deutschland verkaufte Ei Bio. Doch über die Hälfte der Produkte stammt aus Betrieben, die als agrarindustrielle Struktur gelten. Einige dieser Betriebe haben in den vergangenen Jahren durch ihre Tierhaltungsbedingungen für Skandale gesorgt und der ganzen Branche Schaden zugefügt.

Bio-Schweine kommen überwiegend von richtigen Bauern

Bei Schweinefleisch liegt der Bio-Anteil noch bei weniger als einem Prozent. Doch Nachfrage und Preis steigen derzeit deutlich, während der Preis für konventionelles Schweinefleisch ins Bodenlose fällt. Schuld daran ist der massiver Ausbau von Produktionskapazitäten vor allem in Ostdeutschland durch überwiegend niederländische Agrarindustrielle. Betriebe mit mehreren Tausend Sauen und Zehntausenden Mastschweinen sind üblich. Einige von ihnen betreiben auch Ställe nach EU-Bio-Standard.

Rund 2.000 Bio-Bauern in Deutschland halten Schweine. Insgesamt sind es rund 15.000 Zuchtsauen und 117.000 Mastschweine. Pro Jahr liefern Deutschlands Biobauern etwa 250.000 Schweine zu den Schlachthöfen. Die meisten stammen aus einigen Hundert Betrieben, die sich auf Schweinezucht und -mast spezialisiert haben. Verbandsübergreifend haben sich viele von ihnen im Aktionsbündnis Bioschweinehalter Deutschland zusammengeschlossen. Kaum einer dieser Betriebe mästet mehr als 1.000 Tiere. Diese weitgehend bäuerliche Erzeugerstruktur sieht die AbL gefährdet.

Besitzstruktur und Größe – Wieviel Schwein darf ein Bauer haben?

Und beginnt damit eine Diskussion, die es bisher vor allem Geflügelbereich gab. Sie hat zwei Aspekte: Was macht bäuerliche Landwirtschaft aus, und wie groß soll ein Betrieb sein.

Ein Betrieb, der von einem angestellten Betriebsleiter geführt wird und einer GmbH gehört die wiederum Teil einer Holdinggesellschaft ist, muss kein schlechter Betrieb sein. Ein bäuerlicher Betrieb ist es sicher nicht. Als Konsequenz aus dem Tiemannskandal 2012 beschloss Naturland, bäuerliche Betriebe zu stärken: „Ein selbstständiger Landwirt trägt die Verantwortung und sorgt für Transparenz auf dem Betrieb. Das hat Konsequenzen für Strukturen, die dem nicht entsprechen", erklärte im März 2013 der Naturland Präsidiumsvorsitzende Hans Hohenester. Für die ehemaligen Tiemann-Betriebe wurde das Ziel ausgegeben, „die Betriebe in die Hand von eigenständigen, unmittelbar selbstverantwortlichen und in ihren Entscheidungen unabhängigen Personen zu überführen.“

Eckehard Niemann spricht von „ inhabergeführten Strukturen mit wesentlicher Familien-Arbeitsverfassung“. Damit meint er, dass auf dem Hof die Familie des Landwirts mit höchstens zwei bis drei Fremdarbeitskräften arbeitet.

Bei der Organisationsstruktur und der Besitzfrage lässt sich also noch ziemlich einfach zwischen bäuerlich und nicht bäuerlich (was nicht automatisch agrarindustriell heißen muss) unterscheiden.

Schwieriger wird es bei der Betriebsgröße. Ab wie viel Sauen betreibt ein Landwirt Massentierhaltung? Baugesetzbuch und Immissionsschutzrecht ziehen die Grenze bei 560 Sauen oder 1.500 Mastschweinen. Betriebe, die mehr Tiere halten, gelten nicht mehr als privilegierte Landwirte sondern schlicht als Gewerbebetrieb.

In seinem Bericht zur Novelle der EU-Öko-Verordnung schlägt Bio-Bauer Martin Häusling vor: „Die Größe der Produktionseinheiten für Schweine muss in allen Fällen auf 1.500 Schlachtschweine pro Jahr und 200 Säue oder auf die entsprechende Anzahl an Mastferkeln beschränkt werden“ (Änderungsantrag 315). Auf Häuslings Zahlen verweist auch Eckehard Niemann von der AbL.

Keine Chance hätte bei solchen Größenvorstellungen Karsten Dudciak gehabt, der jahrelang in Mecklenburg-Vorpommern Naturland-Ferkel produzierte und 450 Sauen hielt – im Freiland. Echte Weideschweine also, selbst bei Biobetrieben eine Seltenheit.. Das zeigt, dass Größe alleine als Argument wenig aussagt. Der Betrieb musste 2014 wegen einer Bruccelose-Infektion einen Großteil des Bestandes töten lassen. Seither sind Verbandsferkel besonders gesucht.

Zum Weiterlesen

Bäuerliche Landwirtschaft definiert sich nicht nur über Besitzstrukturen und Größe, sondern auch durch die Art des Wirtschaftens. Das macht das Leitbild Bäuerliche Landwirtschaft des Agrarbündnisses deutlich.


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Kommentar von Sonja Wlcek |

Ist groß oder klein besser? Die Frage ist - wie in diesem Thema immer - falsch gestellt! Es geht nicht um maximale Größe, sondern ab wann entspricht man den Grundwerten der Biologischen Landwirtschaft (Bodenschutz, Kreislaufgedanke, artgerechte Tierhaltung) nicht (mehr)? Die Frage lautet daher: Welche Problembereiche will die Bio-Landwirtschaft vermeiden/verhindern? Keine Futtermittelimporte aus Übersee? Dann: Maximal möglichen Zukauf definieren. Keine vernachlässigten/schlecht betreuten Tiere? Dann: Tierbezogene Parameter definieren und bei Verstößen sanktionieren. Keine enttäuschten KonsumentInnen? Dann: Aufklärung (Konsumenten-Information) betreiben. Oder: Die Bio-Tierhaltung sein lassen! Denn man kann es nie allen recht machen!

Kommentar von Eberhard Prunzel-Ulrich |

Schöner Artikel.
Die Lösung liegt nicht auf der Hand. Aber es muss darüber nachgedacht und vor allen Dingen auch mit den Betrieben diskutiert werden.
Ein Sich-rum-Drücken um Obergrenzen führt in die Sackgassen, die wir schon kennen. Klare Linie mit der Möglichkeit von Ausnahmeregelungen in Spezialfällen, die aber von den Betrieben in der Mitgliederversammlung beschlossen/bestätigt werden, könnte ein gangbarer Weg sein. Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen.



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