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Martin Häusling: Grüner Agrarpolitiker aus Leidenschaft

von Redaktion (Kommentare: 0)


Klonfleisch, Biosprit, Biodiversität, Milchpreise, Landgrabbing, Klimawandel, Gemeinsame Agrarpolitik nach 2013. Das sind die Stichworte für Martin Häusling, der seit Anfang 2009 im Europaparlament für eine Wende in der Agrarpolitik arbeitet. Seit 1979 ist er Mitglied der Grünen und seit 1981 im "Parlament" seiner Heimatgemeinde Bad Zwesten bei Kassel. Im hessischen Landtag hat er sich 2003-2008 die Sporen verdient fürs Europa-Parlament. Zusammen mit dem Franzosen José Bové und dem Schotten Alyn Smith repräsentiert Häusling den Agrarbereich in der Fraktion der Grünen, die mit der EFA (Freien Europäischen Allianz) assoziiert sind. Spielfeld sind nicht nur die Ausschuss-Sitzungen des Parlaments in Brüssel und Straßburg, sondern vor allem die Veranstaltungen in ganz Deutschland. (Bild von links: José Bové, Alyn Smith und Martin Häusling im Europa-Parlament)

JAN 4QL. Das ist die Bezeichnung für einen Saal im Europa-Parlament in dem Ausschuss-Sitzungen stattfinden. Bevor alle 736 EU-Parlamentarier über einzelne Anträge der Fraktionen abstimmen, werden diese in teilweise langwierigen Ausschuss-Sitzungen beraten, Kompromisse diskutiert und abgestimmt. 300 Änderungsanträge sind bei wichtigen Anträgen keine Seltenheit. Auffallend ist der höfliche Stil mit dem die gewählten Volksvertreter miteinander umgehen: „Ich möchte den Ausschuss-Vorsitzenden ausdrücklich loben“ oder „für die gute Vorbereitungsarbeit bedanke ich mich“ sind Aussprüche, die man als Zuschauer öfter zu hören bekommt. „Im Ton geht es hier sehr verbindlich zu, in der Sache liegen wir aber oft weit auseinander“, resümiert Häusling über die Parlamentsarbeit. Gespräche mit anderen Fraktionen und Abgeordneten von anderen Parteien sind sehr wichtig, um in Einzelaspekten punkten zu können. So haben die Grünen inhaltlich schon einiges durchbekommen. 

Sechs der 90 Abgeordneten des Agrarausschusses gehören den Grünen/EFA an. Neben den Vollmitgliedern José Bové, Martin Häusling und Alyn Smith sind dies die stellvertretende Mitglieder Margrete Auken, Bas Eickhout, Jill Evans. Die Abgeordneten sitzen in den ersten zwei Reihen. Dahinter folgen die Reihen für die Stellvertreter, die Mitarbeiter sowie die Zuschauer (siehe Bild oben). Über rund 500 Plätze verfügt der Saal. 25-mal pro Jahr tagt der Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung  und ein Dutzend Mal das Plenum mit allen Parlamentariern. Die Sitzungen des Agrarausschusses werden im Internet öffentlich übertragen und sind auch einige Wochen danach noch abrufbar.
„Gut die Hälfte meiner Zeit verbringe ich in Brüssel, ein Sechstel in Straßburg“, so Häusling. Viel Zeit geht auch beim Reisen nach Stuttgart, München, Hamburg oder Berlin drauf, um an Veranstaltungen teilzunehmen.
(Bild rechts: Der Bio-Anteil in den Kantinen des EU-Parlaments ist sehr bescheiden: ein paar Joghurts und Säfte. Immer mal wieder gibt es eine Bio-Woche mit einem Bio-Menü)

Im siebten und achten Stock des EU-Parlaments ist die 56-köpfige Gruppe von Grünen/EFA untergebracht. Zwei etwa 10 m² große Räume stehen Martin Häusling sowie zwei Mitarbeiterinnen zur Verfügung. Viel Platz ist nicht vorhanden, da standardmäßig auch ein Sofa und eine Einbaudusche integriert sind. „Es ist hier wie in einem Raumschiff“, bemerkt eine der Mitarbeiterinnen. „Im Gebäude gibt es einen Supermarkt, drei Banken, einen Friseur, ein Fitnesscenter, eine Reinigung und mehrere Bars und Kantinen.“ Hier könnte man längere Zeit überleben, obwohl das Übernachten natürlich untersagt ist. Das Gebäude des EU-Parlaments ist hell, modern und transparent gebaut, mit vielen Aus- und Durchblicken durch die Innenhöfe des Hauses sowie nach außen. Gerade von den oberen Stockwerken kann eine schöne Aussicht (Bild) auf die Altstadt und die anderen EU-Gebäude genossen werden.






(Bildreihe: Moderne und Transparenz sind im EU-Parlament angesagt)

Der rumänische Agrarkommissar Dacian Ciolos, sozusagen der Landwirtschaftsminister der EU, hat zurzeit ehrgeizige Pläne, die unter dem Namen „ greening“ der Agrarpolitik derzeit in Brüssel in der Diskussion sind. Fraglich ist allerdings, ob er sich gegenüber der eigenen Verwaltung sowie den Ländervertretern der Regierungen in Berlin und Paris durchsetzen können wird. „Ciolos möchte im Kern dasselbe wie wir“, konstatiert Häusling. „Was wirklich umsetzbar ist, werden wir im Oktober erfahren, wenn ein Gesetzesvorschlag auf den Tisch gelegt wird.“
(Bild rechts: Martin Häusling im Gespräch mit Mitarbeiterin Corinna Hartmann)

Schon die Hälfte seines Lebens hat sich der Fünfzigjährige mit Politik beschäftigt und ebenso lange den von den Eltern geerbten 75-ha-Hof 40 km südwestlich von Kassel bewirtschaftet. Als einer der ersten in Hessen nahm er 1995 seine Biogas-Anlage in Betrieb. 1988 hatte der gelernte Agrartechniker bereits auf biologischen Landbau umgestellt und ist dem Bioland-Verband beigetreten. In der hofeigenen Käserei des Kellerwaldhofs werden seit 1999 verschiedene Käsesorten hergestellt. Durch die starke berufliche Belastung des Vaters hat einer der beiden Söhne die praktischen Arbeiten auf dem Betrieb übernommen. Seine Frau Marianne kümmert sich um die Käserei. Vermarktet wird unter anderem über den attraktiven Hofladen des Kellerwaldhofs. Hof und Familie sieht Martin Häusling wegen der hohen zeitlichen Belastung vor allem am Wochenende und in den Ferien. Montagfrüh um 5 Uhr steht er wieder am Bahnhof und nimmt den ersten Zug nach Brüssel, wo er gegen 10 Uhr ankommt. (Bild links: Mit Rollkoffer immer unterwegs)

Wer in der Politik erfolgreich sein will, braucht Verbündete. „Wir arbeiten mit den „guten“ Lobbyisten gerne zusammen. Dazu zählt Häusling Friends of the Earth (in Deutschland ist das der BUND), die IFOAM EU-Gruppe, die auch den BÖLW als deutschen Dachverband vertritt, sowie Greenpeace. Auch zu mehreren Landesverbänden der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) besteht ein guter Kontakt. Dort tritt der Nordhesse als gefragter Referent in Sachen Agrarpolitik auf, ebenso wie bei den Landesverbänden von Bündnis 90/Die Grünen. Wenn er vom Deutschen Bauernverband angefragt wird, wie vor kurzem für einen Auftritt beim Bauerntag in Koblenz, nimmt er die Einladung an. Allerdings muss er immer noch damit rechnen ausgebuht zu werden. So passiert, als er den Spruch äußerte: "Die Bauern sind keine geborenen Naturschützer." „Aber auch der Bauernverband hat gemerkt, dass sich die Zeiten ändern und  es nicht nur um Konfrontation geht. Sie sehen auch, dass sie es nicht nur mit der einen Seite halten können.“ Gesprächsbereitschaft nach allen Seiten ist Häusling wichtig, gemeinsame Wege suchen, über Kompromisse nachdenken, Lösungen erarbeiten. Als wichtiger Partner wäre auch der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) zu nennen, den Häusling Anfang Juli 2011 zu einer Veranstaltung über Klonfleisch eingeladen hat. Auf europäischer Ebene wird mit dem European Milkboard (EMB) kooperiert.
(Bild rechts: Martin Häusling im Innenhof des EU-Parlaments)

Zu den Erfolgen der grünen Agrarpolitik befragt, heißt es aus dem Büro Häuslings: "Es ist in den ersten beiden Jahren gelungen, die Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft auf die zentralen Herausforderungen zuzuspitzen: Wie erreichen wir in einer Zeit der extremen Preisschwankungen faire Einkommen für die bäuerlichen Betriebe? Wie kann auch innerhalb der Landwitrschft die biologische Vielfalt erhalten und erweitert werden? Wie können landwirtschaftliche Praktiken durchgesetzt werden, die Wasser und Böden schonen? Wie lässt sich das Eiweissdefizit der EU langfristig abbauen und damit die Futtermittelimporte drastisch zurückfahren. Grüne Kompetenz war gefragt, als der Ausschuss als verantwortlicher Berichterstatter zu den Themen Proteindefizit und faire Einkommen für die Bauern fungierte.

(Bild: Abstimmungstafel, darunter sind einige der 46 ÜbersetzerInnen für 23 Sprachen. Vorne links in der Fotomontage: das Abstimmungskästchen, das sich vor jedem Abgeordneten befindet, so dass mit Ja, Nein oder Enthaltung gestimmt werden kann. Binnen Sekunden findet sich das Abstimmungsergebnis auf der Anzeigentafel)


Tipp:
http://www.martin-haeusling.eu/
http://kellerwaldhof.de/
 


Stichworte:

Europa

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