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Aktuelle Entwicklungen im russischen Biomarkt

von Redaktion (Kommentare: 1)



Russland zählt in Europa zu den Schlusslichtern, was den Umsatz mit Bio-Lebensmitteln betrifft. Im Jahr 2012 betrug laut USDA Foreign Agricultural Service der Bio-Lebensmittelumsatz in Russland 148 Millionen US Dollar. Das entspricht einem Wachstum von 7,8 % gegenüber 2011. Für 2015 wird ein Umsatz von 225 Millionen US Dollar erwartet. Nach Expertenaussagen werden die seit August 2014 in Kraft getretenen Agrarsanktionen gegen Europa (Importverbot von Milcherzeugnissen, Getreide, Fleisch, Obst und Gemüse aus der EU in die Russische Föderation) nicht nur die konventionelle landwirtschaftliche Produktivität steigern, sondern auch die Marktbedingungen für  heimisch erzeugte ökologische Rohstoffe und Produkte begünstigen. Das Interesse an ökologisch nachhaltig produzierten Gütern und Dienstleistungen in Russland steigt kontinuierlich. (Bild: Naturkostladen in St. Petersburg)

Neben dem seit zwei Jahren existierenden International ECO BIO Salon auf der jährlich im Februar stattfindenden größten Lebensmittelmesse Russlands, der ProdExpo, gab es im September 2014 erstmals auch auf der zweitgrößten Food-Messe Russlands, der World Food, einen separaten Pavillon in der Kategorie „Organic & Health Foods“ (Bild links und rechts) . Unter den 20 Ausstellern fanden sich russische Hersteller von natürlich und nachhaltig erzeugten Produkten, wie zum Beispiel der Fruchtriegelhersteller take a bite oder der Hersteller von Stevia-Produkten stevia.ru. Als bedeutendster Vertreter der Biobranche Russlands war das Öko-Netzwerk und Beratungsunternehmen Agrosofia mit einem Stand vertreten. Auf dem Stand wurde über den Ökolandbau in Russland informiert und abgepackte BIO-Getreideprodukte von russischen Erzeugern präsentiert (Weizen-, Roggen-, Dinkelkorn).

Unter anderem bietet Agrosofia mit dem Unternehmen Eco-control Zertifizierungen in Anlehnung an die EG-Öko-Verordnung in Russland an. Auch Distributoren von importierter EU-zertifizierter Ware nutzten den Organic & Health Foods-Pavilion für die Präsentation Ihrer Produkte. So zum Beispiel der russische Distributor des österreichischen Bio-Kokoswasser-Herstellers Cocowell. Auch wenn keine eindeutigen Kriterien für die Einordnung in den „Organic & Health Foods“ deutlich sind, zeigt die Bildung einer eigenständigen Kategorie auf den Hauptmessen die wachsende Bedeutung von Bioprodukten im russischen Lebensmittelmarkt.
Als eine auf „Bio“ spezialisierte Fachmesse in Moskau entwickelt sich die EkoGorodExpo, die vom 21.-23. November das dritte Mal im Ausstellungszentrum Tishina in Moskau stattfindet. Das Ziel der Ausstellung ist die Vereinigung von Herstellung und Handel für ökologische Waren, Lebensmittel und Dienstleistungen. Die letzte Veranstaltung im April 2014 umfasste 124 Aussteller mit 220 Marken aus 34 Ländern. 

In den urbanen Ballungsgebieten Moskau und St. Peterburg ist eine wachsende Zahl von Onlineshops, Restaurants, Einzelhandelsgeschäften und filialisierten Food-Ketten festzustellen, die sich auf Biolebensmittel sowie gesunde und nachhaltig produzierte Produkte/Gerichte spezialisieren oder diese in ihr Sortiment integrieren. Dabei entwickelt sich der Marktaufbau von „BIO“ nicht in einer exklusiven Fachhandelsstruktur wie beispielsweise in Deutschland. Das Bioangebot im spezialisierten Fachhandel wächst parallel zum Biosortiment im konventionellen Handel. Dies ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass für die Herstellung und Kennzeichnung von heimisch erzeugten Bio-Produkten nach wie vor die gesetzliche Grundlage fehlt. Russische Erzeuger und Inverkehrbringer können ihre Produkte beliebig als „bio“, „öko“„ökologisch“, „nachhaltig“ und „gesund“ deklarieren, ohne sich auf nachvollziehbare und einheitliche Standards beziehen zu müssen. Zudem liegt der Ladenpreis für importierte EU-zertifizierte Bioprodukte um 100-600 % höher als der Preis für konventionelle Äquivalente. (Bild: Naturkostladen in St. Petersburg)

Daher findet sich der Großteil der importierten Ware in gehobenen Einzelhandelsketten wie Asbuka Vkusa und Zelenye Perekrestok, die ein umfangreiches Biosortiment mit hohem Preisniveau anbieten können. Die Zahl der bekannten auf „Bio“ spezialisierten Fachhandelsgeschäfte liegt bei 20 Geschäften in Moskau und vier in Sankt Petersburg. Prominente europäische Biomarken in Russland sind die Produkte von Beutelsbacher (DE), Höllinger (AT), Sonnentor (AT), Alce Nero (IT), Naturata (DE) und Ökovital (DE). Im Non-Food-Bereich sind die Marken Weleda (DE), Ecover  (BE) und Almawin (DE) stark vertreten. Im Moment sind ca. 90 % der im Handel erhältlichen Bio-Lebensmittel aus Europa importiert. Geschätzte 350 ausländische Biomarken sind im russischen Handel vertreten, hauptsächlich importierte Ware aus Deutschland, Italien, Frankreich, Polen, Skandinavien und Großbritannien. Unzählbar sind die heimisch erzeugten „Ökoprodukte“. Vor allem im Frischebereich setzen die Händler auf regional angebaute Produkte, die in Russland „fermerskie produkty“ genannt werden. Fermerskie produkty stehen für ökologischen, naturnahen Anbau und hohe Produktqualität. Die Kriterien der ökologischen Erzeugung sind für Verbraucher aufgrund von fehlenden Standards und Kontrollen jedoch nicht nachvollziehbar. (Bild rechts: Bio-Lieferdienst in St. Petersburg)


Derzeit sind in Moskau mindestens 14 russische Bio-Importeure tätig. Zu den Importeuren gehören unter anderem Arivera (Marken: Beutelsbacher (EOS), Alce Nero) , Organic Trade (Marken: Klar, Almawin) Intreid Rus (Marken: Biogourmet, Völkel). Sieben gehobene LEH-Ketten mit über 160 Filialen in Moskau und den Regionen bieten teils im Sortiment zugeordnet, teils im Block EU-zertifizierte Bioprodukte an. Zu den prominentesten LEH-Ketten mit Biosortiment zählen  Asbuka Vkusa, Globus Gourmet und Zelenye Perekrestok. Die 20 spezialisierten Fachhändler ergänzen das Bioangebot in Moskau in ihren kleinen, zwischen 50-150 qm großen Geschäften in Zentrumslage. Zu den Fachhändlern gehören drei Filialen von Organic Market, das Einzelhandelsgeschäft Biostoria von Importeur und Großhändler Arivera sowie das älteste Biofachgeschäft Moskaus, der Bio-Market. Geschätzte 30-40 Onlineshops mit eigenem Hauslieferservice bieten nachhaltig produzierte heimische sowie importierte Bioprodukte an, so zum Beispiel myfresh.ru und bionicamarket.ru.
(Bild rechts: Wasch- und Reinigungsmittel werden aus Westeuropa importiert)
    
Das neueste Großereignis für die Entwicklung des Ökolandbaus in Russland war das Forum „Ökologische Landwirtschaft im Agrarkomplex der Russischen Föderation“, welches vom 28.-29. August 2014 in Simferopol auf der Krim stattfand. Organisator war die von einer Arbeitsgruppe der Duma gegründete „Union ökologische Landwirtschaft“ (Sojuz organitschekovo zemledenja). Ziel des Forums war ein Expertendiskurs zur Entwicklung nationaler Standards für die Erzeugung ökologischer Produkte in der Russischen Föderation. Neben Vertretern aus Wirtschaft und Produktion nahmen Delegierte der Russischen Regionen und des Landwirtschaftsministeriums Russlands am Forum teil.
Aktuell fehlt in Russland nach wie vor die gesetzliche Basis für die Produktion, Herstellung und Kennzeichnung für heimisch erzeugte Bioprodukte. Das Inkrafttreten eines Gesetzesentwurfs des russischen Landwirtschaftsministeriums zur Produktion, Herstellung und Kennzeichnung von ökologischen Erzeugnissen ist für 2015 angekündigt. (Bild links: Verkostung von Milch und Frischkäse in Naturkostladen in St. Petersburg)

Das Potential für die heimische Öko-Produktion ist enorm. Experten sprechen von 40 Mio. Hektar fruchtbarem Land, welches für den Ökolandbau genutzt werden kann. Solange jedoch keine staatliche Regelung und Förderung vorhanden ist, bewegen sich die unzähligen heimischen als „öko“ und „bio“ deklarierten Produkte mit den importierten zertifizierten Waren in einem gesetzlosen und investitionsintensiven Raum. Für die wachsende Zahl der Bio-Konsumenten und der an einem nachhaltigen Lebensstil interessierten Russen fehlt nach wie vor die Orientierung, was „bio“ wirklich ist. Am vertrauenswürdigsten erscheinen nach einer Umfrage des Leibniz Instituts für Agrarentwicklung in Zentral- und Osteuropa (IAMO 2013) unter russischen Verbrauchern die importierten, nach EG-Öko-Verordnung zertifizierten Bio-Produkte mit dem rechteckigen grünen EU-Bio-Blatt-Siegel. (Bild rechts: sehr selten in Russland - eine Bio-Frischfleischtheke in St. Petersburg)

 

Zur Autorin:
Nele Knauf spricht Russisch und unterhält eine Unternehmensberatung für die Bio-Branche.
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Russland

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Kommentar von Jakob |

Hallo,
ich wollte mal nachfragen ob Sie mir die Adresse in St Petersburg für die BIO Läden geben können.

Viele Grüße
Jakob



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