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Kritischer Bericht zum EFSA-Jubliäum

von Redaktion (Kommentare: 0)


Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit – EFSA – feiert dieses Jahr ihr 10-jähriges Bestehen. Im Bericht „Conflicts on the Menu” nehmen das Corporate Europe Observatory und Earth Open Source kritisch Bestand auf. Zu oft trifft die ESFA ihre Entscheidungen nicht basierend auf unabhängiger Wissenschaft, sondern auf Daten und Studien der Industrie. Im Bericht werden die Funktionsweise der Europäischen Behörde für Lebensmittel und die wissenschaftlichen Grundlagen, die als Grundlagen für die Empfehlungen dienen, erklärt. Teilweise gibt es bei den Mitarbeitern Interessenkonflikte, und verschiedene Firmen beeinflussen die Arbeit der Behörde. Zudem enthält der Bericht je eine Fallstudie über Bisphenol A und über Aspartam. (Bild: EU Parlament in Brüssel)
Für die Zulassung neuer Lebensmittel und Inhaltsstoffe in der EU gilt die entsprechende Gesetzgebung. Die Risikobewertung der EFSA ist ein wichtiger Schlüssel für die Zulassung dieser Produkte. Wirtschaftliches Interesse spielt hier eine wichtige Rolle, da einige wenige Konzerne den europäischen Markt dominieren. Für diese ist es von großem Interesse, wie ein Produkt getestet wird, wer die Versuche durchführt und wie die Daten bewertet werden. (Bilder rechts und unten: EU Parlament).
 
Grundsätzlich basiert die EFSA ihre Risikobewertung auf Untersuchungen, die von den selben Firmen durchgeführt werden, die im Falle der Produktzulassung auch die Gewinne erwirtschaften. Vergleicht man jedoch die durch die Industrie in Auftrag gegebenen Studien mit unabhängigen Untersuchungen stellt man fest, dass die industriellen Studien eher zu dem Schluss kommen, dass ein Produkt sicher ist. Grundsätzlich erscheinen unabhängige Studien über ein Produkt oder einen Inhaltsstoff nur, nachdem es bereits auf dem Markt ist, da unabhängige Wissenschaftler erst dann Zugang haben. So wird es der EFSA in den meisten Fällen nur möglich sein, unabhängige Studien in Betracht zu ziehen, wenn die Erneuerung der Produktzulassung fällig ist. Die EFSA ignoriere oder verwerfe jedoch selbst dann unabhängige Studien, wenn sie das zu überprüfende Produkt negativ bewerten, und verlasse sich eher auf industrielle Studien, wenn diese das Produkt als sicher einstufen, so der Bericht.
 
Erst kürzlich ignorierte die EFSA unabhängige Studien über Glyphosat, den Hauptbestandteil des Insektizids Roundup. In ihrer Einschätzung zu den Grenzwerten im Januar 2012 versäumte die ESFA, auch nur ein einziges unabhängiges Gutachten zu zitieren. Stattdessen gab sie grünes Licht, den bestehenden Grenzwert der erlaubten Rückstände um das 100- bis 150-fache zu erhöhen, nämlich von 0,1 mg/kg auf 10 bzw. 15 mg/kg. Dieser Schritt war notwendig, um die Glyphosat-Rückstände bei importierten Linsen, die weit über dem bestehenden Grenzwert lagen, auszugleichen. (Bild: Earth Open Source nutzt die Zusammenarbeit aus verschiedenen unabhängigen Quellen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit bei Nahrungsmitteln)

EFSA und andere Regulierungsbehörden verwerfen zusätzlich unabhängige Studien mit der Begründung, dass sie nicht dem standarisierten OECD-Verfahren entsprechen und sie deshalb nicht „relevant“ für die Bewertung der Risiken für Menschen sind. Nur industrielle Studien entsprechen dem OECD-Verfahren. Die OECD-Tests aber stehen aus verschiedenen Gründen in der Kritik:

Die Auswirkungen der Langzeitaufnahme einer Chemikalie in den geringen Dosen, denen Menschen normalerweise ausgesetzt sind, werden nicht getestet. OECD-Tests basieren auf der Annahme, dass toxische Auswirkungen gleichmäßig mit der aufgenommenen Dosis zunehmen und ignorieren Beweise, die diesem Modell nicht entsprechen. Sie vernachlässigen ebenfalls die Auswirkungen auf den Menschen, wenn giftige Substanzen vermischt werden - den sogenannten Cocktail-Effekt. Auswirkungen auf besonders verletzliche Organismen wie beispielsweise in den menschlichen Entwicklungsstadien in der Gebärmutter oder bei Babys werden ebenfalls nicht berücksichtigt. Mit der OECD-Methode werden die Versuchstiere nach etwa zwei Drittel der zu erwartenden Lebensdauer getötet, lange bevor sich Langzeitwirkungen zeigen können. Zusammengefasst: diese Tests entsprechen nicht der Realität.
 
Im Bericht werden Fallstudien über Bisphenol A und Aspartam veröffentlicht. Die EFSA legte den Wert für den ADI (acceptable daily intake – zulässige Tagesdosis) für Aspartam aufgrund von vier industriellen Studien der Hersteller in den 1970er Jahren fest. Jedoch gab es in neuerer Zeit etliche großangelegte Versuche mit Ratten und Mäusen. Diese ergaben, dass der Stoff krebsauslösend ist. EFSA verwarf diese Erkenntnisse und blieb dabei: Aspartam ist sicher. Bei einer öffentlichen Anhörung im Europäischen Parlament 2011 wurde die EFSA gezwungen zuzugeben, dass dem wissenschaftlichen Komitee für Lebensmittel, das die ursprüngliche Bewertung 1984 durchführte, bevor die ESFA existierte, die Studien gar nicht zur Verfügung standen und entsprechend konnten sie auch nicht überprüft werden.

Dr. Morando Soffritti, der Direktor der Europäischen Stiftung für Onkologie und Umweltwissenschaften am Ramazzini-Institut in Bologna / Italien, veröffentlichte seine ursprünglichen Forschungsergebnisse mit Ratten 2005 und 2006. Um die Einschränkungen der OECD-Tests zu überwinden, nutzte Dr. Soffritti ein auf Menschen übertragbares Modell. Die Versuchstiere lebten hierbei ihre komplette Lebensspanne. Dieses „Lebensprotokoll“ ermöglicht es, auch im Alter auftretenden Krebs zu sehen, der durch die Chemikali verursacht ist.

Das Team um Dr. Soffritti fand heraus, dass Aspartam selbst bei deutlicher Unterschreitung des durch die ESFA empfohlenen ADI die Krebsrate bei Ratten erhöhte. Die Wissenschaftler schlossen hieraus: „Auf Basis dieser Ergebnisse ist eine erneute Bewertung der gegenwärtigen Richtlinien zur Verwendung und für den Verzehr von Aspartam dringend notwendig und darf nicht verschoben werden“. Zusätzlich wurden die Auswirkungen auf den Fötus getestet, und es wurde festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, steigt, wenn das Versuchstier dem Stoff bereits in der Gebährmutter ausgesetzt war. Die EFSA wies jedoch die Untersuchungsergebnisse zurück, hauptsächlich mit der Begründung, dass sie nicht den OECD und GLP Normen entsprächen. Genau dies war jedoch die Stärke der Untersuchung – sie spiegelte die realistische Belastung beim Menschen wider.

Corporate Europe Observatory widmet sich Forschung und Aktivismus und hinterfragt kritisch den bevorzugten Zugang und Einfluss von Konzernen und Lobbygruppen in der Gestaltung der EU Politik. Earth Open Source nutzt die quelloffene Zusammenarbeit (Open Source) von Individuen, Landwirten, Gemeinden, Vereinigungen und akademischen Instituten und Regierungen, um sich für nachhaltige Ernährung einzusetzen. Die beiden Organisationen arbeiteten zusammen an diesem Bericht. Der komplette Bericht ist auf Englisch hier verfügbar: Conflicts on the Menu.

 

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