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Baumwoll-Skandal: Gentechnik ist das Problem

von Redaktion (Kommentare: 0)


Bio-Baumwolle ist in die Schlagzeilen geraten. Die Vorwürfe sind weitreichend, aber offenbar nicht zu beweisen. Auch wenn der Bericht über GVO-kontaminierte Bio-Baumwolle, der in diesen Tagen durch die Medien ging, eine Reihe von Fehlinformationen enthält, macht er doch deutlich, dass hier Nachholbedarf besteht. Dass der Rohstoff Bio-Baumwolle durch den Anbau gentechnisch manipulierter Baumwolle gefährdet ist, war bislang wenig bekannt. Die Öko-Textilbranche, die um ihren guten Ruf bangen muss, ist aufgerufen, noch mehr Transparenz in die gesamte Wertschöpfungskette zu bringen, um das Gefährdungspotenzial zu minimieren und das Vertrauen der Kunden zurück zu gewinnen.
Der Artikel, der während der Fashion Week und diverser Öko-Modeevents in Berlin veröffentlicht wurde, hat die Branche kalt erwischt. Die Financial Times Deutschland berichtete am 22. Januar 2010, dass große Mengen gentechnisch veränderter Baumwolle aus Indien als Bio-Baumwolle in den deutschen Handel gelangt sind. Als Betroffene wurden die Handelsketten C&A, H&M und Tchibo genannt, wobei letztere schnell klarstellen konnten, dass ihre Bio-Baumwolle aus der Türkei stammt. Ein schlechtes Licht fällt in dem Bericht auf die Öko-Zertifizierer Ecocert und die niederländische Control Union. Laut Artikel stehen sie unter dem Verdacht, gentechnisch veränderte Ware bio-zertifiziert zu haben. Das Ganze soll bereits im April 2009 von der staatlichen indischen Exportorganisation Apeda aufgedeckt worden sein, deren Direktor Sanjay Dave damit zitiert wird, dass es sich um Betrugsfälle "gigantischen Ausmaßes" handele. Dutzende Dörfer hätten zusammen mit westlichen Zertifizierungsfirmen große Mengen gentechnisch veränderter Baumwolle in den Handel gebracht, heißt es im Artikel.

„Der Artikel hat die Öko-Textil-Branche gehörig in Misskredit gebracht“, sagt Heike Scheuer, Sprecherin des Internationalen Verbandes Naturtextil IVN. Doch gebe es bislang keine Beweise für die Richtigkeit der Behauptungen, niemand könne die Vorwürfe konkretisieren, der Apeda-Direktor habe dementiert und es gebe keinen Beweis für die Aussage, dass 30 % der Bio-Baumwolle gentechnisch verändert sind. „Das halte ich für absolut unwahrscheinlich, denn die Anbauer von Bio-Baumwolle in Indien wären verrückt, wenn sie betrügen würden“, sagt Heike Scheuer, „das ist ihr Lebensunterhalt.“ Die Zertifizierer weisen die Vorwürfe von sich: Ecocert schreibt in einer Bio-Markt.Info vorliegenden Stellungnahme (wir berichteten) „Ecocert did not deliver any organic certification for GMO cotton nor for conventional cotton“. Die niederländische Control Union nimmt zu den Vorwürfen in einem ausführlichen Schreiben Stellung. „Für uns ist es unklar, welche Daten den Schluss auf 30% Verunreinigung zulassen und wie die Verbindung zu Indien zustande kommt“, heißt es in dem Schreiben. Auch Mechthild Naschke, Leiterin der Textilabteilung beim Schweizer Bio-Zertifizierer IMO, nimmt die Mitbewerber in Schutz: „Die Öko-Textil-Verbände haben weitreichende Richtlinien erarbeitet und auf das Kontrollsystem kann man sich verlassen.“

Der im Artikel zitierte Lothar Kruse vom Bremerhavener Labor Impetus-Bioscience fühlt sich falsch verstanden, die verkürzte Darstellung sei missverständlich. Er hätte dem Journalisten von der FTD zwar gesagt, dass er den Anteil gentechnisch belasteter Proben bei Baumwolle auf 30 % schätze, doch falle der Anteil so hoch aus, weil es sich bei den Untersuchungen in erster Linie um Verdachtsfälle handle. Außerdem liege in 70 % – 80 % dieser Proben die Belastung bei weniger als 2 %. Das deute auf Verschleppung hin (Verunreinigung bei Transport und Veredelung) und nicht auf Betrug. Impetus habe schon vor Jahren eine Analysemethode entwickelt, die es möglich macht, Rohbaumwolle und Garne zuverlässig auf gentechnische Verunreinigungen zu prüfen. Nach Ansicht von Kruse wird diese Analyse zu wenig genutzt. Er schränkt ein, dass eine zuverlässige Überprüfung auf gentechnische Kontamination vom Veredlungsgrad der Fasern abhänge. „Nur in Ausnahmefällen funktioniert es bei veredelter Baumwolle und konfektionierter Ware.“

Stichwort Verschleppung: Tatsache ist, dass der stark zunehmende Anbau von gentechnisch veränderter Baumwolle ein großes Problem darstellt. Weltweit werden schon über 50 % der Baumwolle aus gv-Saatgut erzeugt, in Indien schätzen Fachleute den Anteil auf 60 % - 75 %. Die Saatgutkonzerne (Monsanto, Syngenta) treiben es sogar so weit, dass sie gv-Probesaatgut an die Bauern und zum Teil an Bio-Anbauer verschenken, berichtet Mechthild Naschke. So könnte es tatsächlich unwissentlich zu einer Vermischung bei der Aussaat kommen. Doch diese Möglichkeit stuft sie als eher unwahrscheinlich ein. Auch die Kontamination der Bio-Baumwolle durch Auskreuzung ist ein zu vernachlässigendes Problem (Baumwolle ist Selbstbefruchter). Textil-Experte Manfred Fürst von Naturland hält eine Koexistenz grundsätzlich für möglich, aber man müsse die GVO-Problematik bei Anbau, Lagerung und Verarbeitung durch verstärkte Kontrollen berücksichtigen, erklärt er.

Die größte Möglichkeit der Verschmutzung durch GVO kann tatsächlich in Form von Stäuben oder Restfasern in Erntegeräten, Lagerhallen, beim Transport und in der Weiterverarbeitung stattfinden. Sie ist nicht mehr 100 %ig auszuschließen, außer die gesamte Kette ist vom Saatgut bis zur Konfektionierung geschlossen und in einer Hand, öko-zertifiziert und rückverfolgbar, wie beispielsweise beim Schweizer Bio-Baumwollpionier Remei, der eigene Projekte in Indien und Afrika hat. Sekem in Ägypten ist ein weiteres Beispiel dafür. Die langfristige Zusammenarbeit mit immer den gleichen Lieferanten und entsprechende Strukturen können ebenfalls Schutz geben. Große Handelsketten wie C&A (Bild) oder H&M, die in kurzer Zeit große Mengen an Bio-Baumwolle für ihre Öko-Kollektionen benötigen, müssen sich als Newcomer stattdessen meist ausschließlich auf Papiere verlassen und kennen ihre Lieferanten nicht.

Noch strengere und klarere Richtlinien fordert deshalb Heike Scheuer vom IVN. Im Anbau und bei der Kontrolle sei manches noch Auslegungssache, hier seien Anbauverbände, Zertifizierer und die Verbände der Öko-Textil-Branche (IVN, Organic Exchange) zu mehr Zusammenarbeit aufgerufen. Im hessnatur-Blog äußert sich Rolf Heimann, der den Bereich Innovation & Ökologie bei hessnatur leitet, ähnlich: „Kontrolle ist wichtig entlang der textilen Kette, aber auch Vertrauen, langfristige Lieferantenbeziehungen, Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Warenflusskontrollen etc. Wo Bio drauf steht, muss eben auch Bio drin sein. Wir brauchen den Dialog, aber nicht solch einen schlecht recherchierten Medienhype.“

Um die Rückverfolgbarkeit in der komplexen Verarbeitungskette von Baumwolle einfacher und schneller zu machen, sind bereits Anstrengungen im Gange. Die Control Union hat als Reaktion auf den enormen Anstieg des Anbaus von gv-Baumwolle in Indien reagiert: Drei statt zwei Kontrollen der Betriebe pro Jahr und Rückstellproben vom Saatgut. Die dadurch steigenden Kosten hatten jedoch den Effekt, dass viele Bauern sich günstigere Zertifizierer suchten. Um weiteren Problemen mit gv-Verunreinigungen vorzubeugen, will Control Union die Einführung des webbasierten “Buyer Information Portal” (BIS) forcieren, um die Rückverfolgbarkeit von Baumwolle bis zum Erzeuger für jeden Einkäufer möglich zu machen. Auch Naturland diskutierte bereits über Lösungsansätze zur Vermeidung von gv-Kontaminationen. Manfred Fürst geht davon aus, dass eine schnelle und nachhaltige Aufklärung und Behebung der Probleme möglich ist. Den indischen Behörden ist daran gelegen, den Ruf des Landes als Bio-Baumwollproduzent nicht auf's Spiel zu setzen. Die Textilhandelsketten in Europa dürften ebenfalls daran interessiert sein, möglichst schnell wieder aus den Schlagzeilen zu kommen.

Der Artikel der FTD mag fehlerhaft sein, doch zeigt er eine Problematik auf, die zwar vielen Akteuren der Öko-Textil-Branche bekannt ist, dem Verbraucher jedoch kaum: Gentechnik als Gefahr für die aufstrebende Bio-Baumwollbranche. Gentechnisch verändertes Saatgut gepaart mit einer aggressiven Politik der Saatgut-Multis und einer entsprechenden Lobby, die Regierungen von den angeblichen Vorteilen der Technologie überzeugt, ist nicht nur in Indien Thema. Erzeugerländer in Afrika werden als nächstes mit der Problematik konfrontiert werden. Es ist höchste Zeit, dass sich die Akteure der Öko-Textilbranche zusammentun und konstruktiv nach Antworten suchen.

Info: Indien liefert derzeit etwa sie Hälfte aller Bio-Rohware weltweit. Innerhalb der vergangenen vier Jahre hat sich die weltweite Erzeugung von Bio-Baumwolle durch die steigende Nachfrage von 20.000 auf über 140.000 Tonnen versiebenfacht, der Umsatz mit Öko-Textilien ist seit 2005 von 500 Mio. auf über 5 Mrd. Dollar gestiegen.

Öko-Textilien werden nach diversen Qualitätsstandards zertifiziert, die mehr oder weniger Bio-Rohstoffe vorschreiben - Gentechnik ist dabei, wie in allen anderen Bio-Produkten, tabu. Alle Öko-Textilien, die sich einem der Standards sowie der entsprechenden Kontrolle und Zertifizierung unterwerfen, tragen eines der Zeichen, die dem Verbraucher Sicherheit geben sollen. Der Global Organic Textile Standard (GOTS) ist international das wichtigste Qualitätssiegel. Es wird von der „International Working Group on GOTS“ vergeben. Der GOTS wurde vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN, Deutschland, www.naturtextil.com) zusammen mit der Soil Association (SA, England), der Organic Trade Association (OTA, USA) und der Japan Organic Cotton Association (JOCA, Japan) entwickelt.

Die Richtlinien sollen sowohl eine möglichst geringe Schadstoffbelastung im Endprodukt sowie soziale Mindeststandards gewährleisten.
Der GOTS standard unterscheidet zwei Label-Stufen: a) "organic"  oder  "organic ‑ in conversion"
95% oder mehr Fasern müssen aus zertifizierter Bio-Herkunft oder "Umstellung" stammen. Die verbleibenden bis zu 5% dürfen aus nicht Bio-Fasern, auch synthetischen und definiert recycelten Fasern bestehen. Blending (= das Mischen derselben Fasern aus bio und konventioneller Herkunft) ist nicht erlaubt.
b) "made with x % organic materials"  oder  " made with x % organic ‑ in conversion materials"
70% - 95% oder mehr Fasern müssen aus zertifizierter Bio-Herkunft oder "Umstellung" stammen. Die verbliebenden bis zu 30% dürfen aus nicht Bio-Fasern stammen. Recycelte und sythetische Fasern sind auf 10% beschränkt (außer bei Socken, Leggins und Sportbekleidung, wo 25% erlaubt sind). Blending ist nicht erlaubt.
Auch die Weiterverarbeitung (Färben, Hilfsmittel bei der Veredelung) ist genau geregelt. Der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft IVN, der über 70 Unternehmen vereint, vergibt den noch strengeren Standard IVN BEST (100 % Bio-Rohstoffe). Der IVN ist Mitglied in der IWG, der International Working Group on Global Organic Textile Standard (GOTS).

Stichworte:

Qualitätsmanagement

Kosmetik/Textilien


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